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"Textiltechnik ist viel mehr als Bekleidung"

Hört man das Wort "Textil", denkt jeder sofort an die Kleidung, die er am Leibe trägt. Doch dahinter verbirgt sich viel mehr, als man zunächst erahnt. Dies bewies das Institut für Textil- und Verfahrenstechnik (ITV) in Denkendorf kürzlich bei einer Betriebsführung für den Arbeitskreis Schule und Wirtschaft der Nürtinger IHK.

MAREEN SCHIMA

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DENKENDORF Das ITV Denkendorf ist mit über 200 wissenschaftlichen und technischen Mitarbeitern das größte Textilforschungsinstitut Deutschlands. Dort werden innovative Verfahren und Produkte für die Industrie entwickelt.

Heinrich Planck, Direktor des Instituts, begrüßte die Mitglieder des Arbeitskreises. In seinem Vortrag zum Thema "Textilforschung vom Rohstoff bis zum Produkt" bewies Planck, der auch Inhaber des Lehrstuhls für Textiltechnik an der Universität Stuttgart ist, eindrucksvoll, dass Textil mehr als nur Kleidung ist. "Mein Weltbild von Textilien wurde über den Haufen geworfen", sagte Erich Guserle, Leiter des Arbeitskreises Schule und Wirtschaft.

1921 wurde das ITV in Reutlingen gegründet, einer Hochburg der Textilindustrie. Andere Hochburgen seien Aachen, Dresden und eben der Stuttgarter Raum, so Planck. Im Jahr 1979 verschmolz das Institut mit der Denkendorfer Faserforschung. 1980 siedelte das ITV schließlich ganz von Reutlingen nach Denkendorf über.

Mitarbeiter aus vielen Bereichen sind dort angestellt. So findet man im Institut Biologen, Textiltechniker oder Kybernetiker. Auch mit Medizinern steht das ITV in regem Kontakt.

Im ITV sei es möglich, die komplette Produktionskette zu durchlaufen, sagte Planck. So werden Fasern hergestellt, aber auch Stoff-Flächen und biomedizinische Produkte. Daneben werden Tests und Simulationen mit Materialien und Produkten gemacht. Ein Beispiel hierfür ist der so genannte "Eiserne Hintern". Mit ihm wird die Belastbarkeit von Polstern für Autositze getestet. Durch die Simulation lassen sich Mängel am Material erkennen und abstellen. Für die Herstellung der Produkte verwendet ITV synthetische Hochmodulfasern, die in der Technik ihre Anwendung finden, abbaubare Polymere, die in der Medizin gebraucht werden, und schließlich noch Naturfasern.

Besonders spektakulär ist der Forschungsbereich Biomedizintechnik. ITV entwickelt Implantate für menschliche Organe aus textilen Werkstoffen, wie zum Beispiel einen Leberreaktor außerhalb des Körpers, der die Leber unterstützt. In der Entwicklung befindet sich auch eine implantierbare Bauchspeicheldrüse. Textile Werkstoffe als Ersatz für die Hirnhaut, die Haut oder für die Behandlung von Leistenbrüchen sind dagegen schon im Einsatz.

Auch sei es möglich, Nerven wieder zu regenerieren, indem man sie mit Röhrchen dazu veranlasst, gezielt zusammenzuwachsen, so Planck: Es könnte auch irgendwann möglich sein, Herzklappen zu entwickeln, Sehnen zu züchten, Zähne wachsen zu lassen oder eine Schilddrüse herzustellen. Allerdings sind dies noch Visionen.

Ein weiterer Bereich sind die "Smart Textiles". So entwickelte ITV einen Strampelanzug für Neugeborene, in den Elektroden eingenäht sind. Diese könnten dann, so Planck, den Herzschlag, die Körpertemperatur und die Atembewegung messen und bei Abweichung von den Normalwerten Alarm schlagen. Ebenfalls ist der Einsatz der cleveren Kleidung bei Feuerwehrleuten oder in der Altenpflege denkbar.

Die Mitglieder des Arbeitskreises Schule und Wirtschaft waren sichtlich begeistert. Dem Arbeitskreis ist der Kontakt zwischen Industrie und den Schulen ein besonderes Anliegen. Neben Betriebsbesichtigungen kommen auch Ausbilder aus den Firmen in die Schulen, um voneinander zu lernen.