Lokales

Theodor Heuss und Weißenhofsiedlung

Bei ihrer Märzausfahrt besuchte die Regionalgruppe Kirchheim des Schwäbischen Heimatbundes zwei attraktive Ziele auf dem Killesberg in Stuttgart: Das Theodor-Heuss-Haus und die Weißenhofsiedlung.

KIRCHHEIM Allen, die Theodor Heuss, den ersten Präsidenten der Bundesrepublik noch erlebt haben, wird er mit seiner unvergleichlichen Ausstrahlung, seinem Bildungshintergrund, seinem schäbischen Humor und seiner tief menschlichen Art unvergesslich bleiben. Das Andenken an ihn und sein Wirken für die Freiheit und Einheit des deutschen Volkes, für Verständigung und Versöhnung mit den Nachbarvölkern zu wahren, ist die Aufgabe der im März 2002 eingeweihten Gedenkstätte.

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Von außen betrachtet wirkt der Bungalow im Feuerbacher Weg 46 eher unauffällig, im Stil der späten fünfziger Jahre. Nach dem Ende seiner zehnjährigen Amtszeit von 1949 bis 1959 diente dieses Haus Theodor Heuss als Altersruhesitz bis zu seinem Tod im Dezember 1963.

Im Erdgeschoss findet der Besucher Arbeits-, Wohn- und Esszimmer mit den von der Familie erhaltenen Originalmöbeln und Einrichtungsgegenständen. Das darunter liegende Gartengeschoss, in dem sich seine große Bibliothek und eine Hausmeisterwohnung befanden, wurde vollkommen entkernt. Hier kann nun der Besucher über eine Fülle von Exponaten die Vita von Heuss nachvollziehen, von seiner Kindheit in Bönnigheim, seiner Jugendzeit in Heilbronn, seiner Studienzeit in München und seiner ersten Tätigkeit als Journalist, Redakteur und Schriftleiter bis zum Ende des Kaiserreichs.

Einen breiten Raum nimmt die Tätigkeit von Heuss in der Weimarer Zeit ein, wo er gleich vier Berufe ausübte: Journalist, Dozent an der Hochschule für Politk, Verbandsfunktionär und Politiker als Mitglied des Reichstags. Eine starke Zäsur in seinem beruflichen und politschen Leben bedeutete für ihn die Zeit des Nationalsozialismus. Er verlor alle Ämter und auch als freier Journalist kam er über eine Nischenexistenz nicht hinaus. Hier geht die Ausstellung auf das Wirken seiner Gattin Elly Heuss-Knapp ein, die durch ihren Erfindungsgeist die Existenz der Familie sicherte.

Das Kriegsende erlebte das Ehepaar Heuss in Heidelberg. Da Heuss sich auf der so genannten "weißen" Liste der Amerikaner befand, erhielt er alsbald Gelegenheit, am Neuaufbau eines demokratischen Deutschlands in verschiedenen Positionen mitzuwirken. Die wichtigste davon war die Mitarbeit im Parlamentarischen Rat, wo er maßgeblich bei der Entstehung des Grundgesetzes mitgewirkt hat. So wurde er fast folgerichtig 1949 zum ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Seine integre Persönlichkeit und Amtsführung trug viel dazu bei, das durch die Naziherrschaft stark beschädigte Ansehen Deutschlands wieder aufzubauen.

Am Nachmittag traf sich die Gruppe im ehemaligen "Milchlädle" der Weißenhofsiedlung, in dem sich jetzt ein Informationszentrum befindet. Die gesamte Siedlung kann hier im Modell besichtigt werden. Die Siedlung wurde vom Deutschen Werkbund initiiert und in kürzester Bauzeit im Jahre 1927 errichtet. Der Werkbund war eine Vereinigung von Architekten, Industriellen und Künstlern, die sich für Qualität und anspruchsvolles Design einsetzte. Die Leitung des Projekts Weißenhofsiedlung lag bei dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe, einem der einflussreichsten Bauschöpfer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Weißenhofsiedlung ist eine Mischung aus Einfamilienhäusern, Doppelhäusern, Reihenhäusern und Wohnblöcken. Neue Wohnformen sollten, unter Verwendung neuer Baumaterialien, die Baukosten senken. Gemeinsames Merkmal aller Objekte ist das Flachdach, das auch als Dachterrasse genutzt werden sollte. Im Innern wurde viel Wert auf die Funktionalität der Räume gelegt. Durch die häufig eingesetzte Skelettbauweise konnten die Innenwände als Schiebewände oder Holzleichtbauwände je nach Bedarf entweder verschoben oder neu gezogen werden.

Bei dem anschließenden Rundgang durch die Weißenhofsiedlung konnten sich die Teilnehmer der Ausfahrt davon überzeugen, dass hier vor fast 80 Jahren vieles entstand, das für die moderne Architektur wegweisend wurde und die Gesamtheit der Anlage als Meilenstein der Architekturgeschichte zu Recht unter Ensembleschutz gestellt ist.

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