Lokales

Therapieerfolge dank der lächelnden Delfine

Antje Weimann startet besonderes Projekt für Kinder mit Behinderung

Kirchheim. Delfine – auf viele Menschen üben sie nahezu eine magische Anziehungskraft aus. Schon die alten Griechen erhoben die verspielten Meeressäuger als eines der klassischen 48 Sternbilder der Antike in

Anzeige

Iris Häfner

den Himmel, weil sie Poseidon halfen, die Hand der Meeresnymphe Amphitrite zu gewinnen. Sie ist eine der Nereiden, die auf vielen altgriechischen Darstellungen auf dem Rücken von Delfinen reiten. Oft kommen diese Nymphen des Mittelmeers an die Oberfläche, um Seeleuten in Gefahrensituationen beizustehen oder Schiffbrüchige zu beschützen.

Von der besonderen Wirkung der Delfine auf Menschen im Allgemeinen und Kinder mit Behinderung im Besonderen ist Antje Weimann überzeugt, auch wenn es bei ihrem ­„Delphinlächeln“ nicht um Leben und Tod im offenen Meer geht. Gemeinsam mit dem Familienzentrum Sankt Stefan der katholischen Kirchengemeinde Sankt Elisabeth in Stuttgart, bei dem die Kirchheimerin als Sozialpädagogin arbeitet, hat sie das Projekt ins Leben gerufen, um Kindern mit Handicap aus dem Landkreis Esslingen und der Stadt Stuttgart eine Delfintherapie in Spanien zu ermöglichen.

„Seit zehn Jahren ist es mein Traum, mit Delfinen zu schwimmen“, sagt Antje Weimann. Während des Studiums kam es nie zu einem entsprechenden Praktikum, doch im September 2008 bot sich ihr die Möglichkeit, in einem schweizer Freizeitpark gemeinsam mit den Tieren im Becken Runden zu drehen. Sie wollte erfahren, ob es tatsächlich so faszinierend ist, mit den Delfinen zu schwimmen. „Es ist etwas ganz Besonderes. Sie anfassen zu können, mit ihnen schwimmen, ihnen nahe sein zu können – all das ist einfach umwerfend. Man steigt mit einem positiven Lebensgefühl aus dem Becken raus“, schwärmt sie. Ganz weich und glatt fühle sich die Haut an. „Es ist einzigartig“, fügt sie hinzu. Antje Weimann fühlte sich wie in einer abgeschlossenen Welt, in der andere Einflüsse keinen Platz haben. „Die Eindrücke sind mit nichts zu vergleichen, wenn die Delfine auf einen zugeschwommen kommen – wie ein Lächeln wirkt ihr Gesicht“, berichtet sie voller Begeisterung.

Im vergangenen Jahr bestand erstmals die Gelegenheit, einen Kurs im Delfinarium des Freizeitsparks Mundomar in Benidorm in Spanien zu besuchen. Dort bietet Branko Weitzmann, Psychologe und Physiotherapeut, seit 2001 Delfintherapien für Kinder an. Diese Gelegenheit packte die Kirchheimerin beim Schopfe. Im März war zunächst eine Woche Theorie angesagt und im Mai eine Praxis-Woche mit Kindern und Delfinen im Wasser. „Dabei wurde dann die Idee geboren, ein eigenes Projekt zu initiieren“, erzählt sie.

Diese Therapieform könne zwar keine Wunder bewirken, doch in der Regel könnten sich die Eltern über Fortschritte freuen, die sich bei anderen Therapiearten nicht so schnell oder nicht in gleichem Maße einstellen würden. „Das Wasser eignet sich prima als Medium zur Entspannung. Körperbehinderte können vieles einfacher ausführen als an Land,“, so die Erfahrung von Antje Weimann. Unglaublich seien auch die Ultraschallwellen, die die Delfine ausstrahlen. „Man kann sie unter Wasser sogar hören, ansonsten spürt man sie“, erklärt sie. Tauchen mit den Tieren war für die Kirchheimerin ebenfalls ein besonderes Erlebnis. „Plötzlich geht durch den ganzen Körper wegen der Ultraschallwellen ein Kribbeln. Du suchst den Delfin und dann steht er direkt über dir“, erzählt sie mit leuchtenden Augen.

Derart positive Eindrücke würden auch ihre Wirkung auf die Kinder haben. „Viele Ultraschallwellen treffen auf das Kind. Es entspannt sich und wird dadurch aufmerksam und hellwach“, erklärt Antje Weimann. Der positive Effekt: Das Kind lässt sich nicht mehr so leicht ablenken und nimmt die direkte Umwelt deutlicher wahr. Diese Aufnahmefähigkeit nutzen die Therapeuten aus und arbeiten an den Schwachpunkten. Dann kommen die Badewannen- und Fühlbücher sowie Spritztiere zum Einsatz. Jeden Tag steht etwas anderes auf dem außergewöhnlichen Stundenplan. „Bei dieser Therapieform müssen beide Gehirnhälften miteinander kommunizieren. Die rechte, emotionale Hälfte bestimmt die Begrüßungsphase mit den Tieren und später das Verabschieden. Dazwischen kommt die linke, logische Hälfte zum Einsatz, sprich der Lernteil“, verdeutlicht Antje Weimann. Eine halbe Stunde sind die Kinder insgesamt im Wasser. Länger geht nicht, denn sonst würden sie trotz Neoprenanzug auskühlen.

Wichtig ist den Therapeuten, ihren kleinen Patienten ein positives Gefühl zu vermitteln und sie so für den Alltag in Deutschland stark zu machen. „Sie bekommen eindrückliche Impulse und ihnen wird das Gefühl vermittelt, dass sie wichtig und wertvoll sind“, ist Antje Weimann überzeugt. Die Kinder seien durch die vielen Therapien im Alltag sehr beschäftigt. Zudem seien sie tagtäglich mit der Tatsache konfrontiert, anders zu sein als die anderen. „Sie haben notgedrungen mit Ausgrenzung zu tun. Im Wasser erleben sie das Gegenteil: Sie sind wichtig und interessant für jemanden. Die meisten gehen mit einem Lächeln aus dem Becken, denn das Negative konnten sie ausblenden“, beschreibt Antje Weimann die übliche Reaktion. Durch die Delfintherapie werde in der Regel die Konzentrationsfähigkeit gefördert und die Aufnahmefähigkeit gesteigert, ebenso die Motivation. „So bekommen die Kinder wieder Spaß an der Therapie daheim, die nicht selten schmerzhaft und langwierig ist“, verdeutlicht Antje Weimann. Außerdem verbessere sich das Sozialverhalten, ebenso die Kontaktaufnahme zu Lebewesen sämtlicher Art.

Die Delfine nehmen freiwillig Kontakt mit dem Kind auf, was die Besonderheit von Branko Weitzmanns Therapieprogramm ist. Das heißt, nicht der Trainer schickt die Tiere auf Befehl zu den Menschen hin, sondern es wird der natürliche Spieltrieb und das neugierige Interesse der Meeressäuger genutzt. Das haben insbesondere die Jungtiere im Übermaß, die in der Regel aus eigener Nachzucht stammen. „Jeder Delfin hat seinen eigenen Charakter. Manche sind frech und wollen bespritzt werden, andere sind eher vorsichtig“, erklärt die Kirchheimerin. Untereinander würden die Delfine recht grob miteinander spielen. „Ganz anders ist es jedoch, wenn sie auf die Kinder zuschwimmen. Es ist fast schon als behutsam zu bezeichnen. Ein besonderer Vertrauensbeweis ist, wenn sich die Tiere vor einem auf den Rücken legen“, so ihre Erfahrung.

Doch nicht jedes Kind darf oder will ins Wasser, weshalb gewisse Voraussetzungen für eine Delfintherapie gegeben sein müssen: Die Kinder dürfen beispielsweise keine ansteckenden Krankheiten oder offenen Wunden haben, denn auf die Gesundheit der Delfine wird größter Wert gelegt. Ungeeignet ist die Therapie auch für Epileptiker und solche, die Angst vor Wasser und fremden Menschen haben. Ein weiteres wichtiges Kriterium: die Kinder müssen den Kopf kontrollieren und Wasser schlucken können, denn Therapeut und Delfintrainer haben alle Hände voll zu tun.

Für Antje Weimann überwiegen die Vorteile dieser Therapieform eindeutig, auch wenn Delfinarien bei Tierschützern nicht unumstritten sind. „Es gibt tolle Erfolge. Manche Kinder haben erstmals gesprochen oder haben ihre ersten wackligen Schritte unternommen“, erzählt sie. Antje Weimann will deshalb Spenden für Kinder mit Behinderung speziell aus dem Kreis Esslingen und Stuttgart sammeln. Damit soll die Wartezeit verkürzt werden, die im Moment vier Jahre dauert. Branko Weitzmann bietet seine Therapie kostenlos an, weshalb bei ihm der Andrang auch aus diesem Grund besonders groß ist. Durch die Bezahlung der Therapie will nun „Delphinlächeln“ erreichen, dass die Wartezeit auf ein Jahr verkürzt werden kann.

Nähere Informationen zum Projekt „Delphinlächeln“ gibt es bei Antje Weimann, Telefon 0 70 21/60 87, oder unter der Mail-Adresse ­Delphinlaecheln@gmx.de