Lokales

Therapiefreiheit statt Fixierung auf das Diktat der Ökonomie

In einem offenen Brief an den SPD-Bundestagsabgeordneten Rainer Arnold wehrt sich der Vorstand der Ärzteschaft Nürtingen gegen den "unberechtigten Vorwurf der alleinigen Verfolgung unserer wirtschaftlichen Interessen".

KIRCHHEIM Jahrelang hätten die Politiker die sachliche Kritik der Ärzte nicht wahrgenommen, heißt es weiter in dem Schreiben. "Es wurde vielfach Verständnis für die vorgebrachten Klagen geäußert, nur geändert wurde nichts." Dabei müsse die Ärzteschaft weder polemisieren noch diskreditieren; es genüge, die Öffentlichkeit zu informieren.

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Folgende Fragen werden aufgelistet: "Welcher Bürger möchte von einem Arzt nach 24 Stunden Arbeit operiert werden?" "Welcher Patient möchte, dass sein Arzt für ihn die Medikamente bezahlen muss?" "Wieso darf ein Allgemeinarzt in Karlsruhe Verordnungen für Krankengymnastik in Höhe von 31 Euro pro Patient und pro Quartal und in Kirchheim oder Nürtingen nur in Höhe von 19,75 Euro ausstellen?" "Wieso darf ein Patient bei einem Urlaubsaufenthalt bei Arztkosten im Ausland eine für diesen Zeitraum begrenzte Kostenerstattung wählen, im Inland aber immer nur für den Zeitraum eines Jahres?" "Warum besteht die Politik auf die Praxisgebühr, wohlwissend, dass sich der Rückgang der Arztbesuche vor allem auf die Bürger mit den niedrigen Einkommen begründet?"

Zur elektronischen Gesundheitskarte merkt die Kreisärzteschaft an, es hätte sicher kaum jemand etwas dagegen, wenn die jetzige Versichertenkarte "aufgerüstet" würde durch ein Passbild, durch Auflistung von Vorerkrankungen, Allergien oder die Medikamenteneinnahme. Das Prob-lem der elektronischen Gesundheitskarte bestehe darin, dass die Daten in einem Zentralrechner gespeichert würden, also nicht mehr bei den einzelnen Ärzten, denen man vertraue. Die Speicherung verursache Unbehagen. Als Ursache nennen die Ärzte bereits erfolgte Einbrüche in als sicher geltende Netze und Datenmissbrauch. Wenn man bedenke, dass 180 000 niedergelassene Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten mitsamt ihren Mitarbeitern, die Ärzte aus 2000 Krankenhäusern und deren Pflegepersonal, 22 000 Apotheken und rund 300 Krankenkassen Zugang zum Zentralcomputer haben, dann könne es mit dem Datenschutz nicht weit her sein. "Wer als Bürger kein gläserner Patient sein möchte, wird folglich die Speicherung der Daten im Internet verwehren", folgert die Ärzteschaft. Infolgedessen würden die elektronischen Gesundheitskarten unterschiedliche Informationen enthalten und Lücken aufweisen. "Und dafür sollen Milliarden ausgegeben werden?", lautet eine Frage. Die Politiker hätten die Interessenvertretung des Bürgers mit dem Wunsch nach Vertraulichkeit, nach Intimsphäre längst aufgegeben. Der gläserne Mensch gelte als sein Ideal.

"Die Arzt-Patienten-Beziehung hat eine innere Stärke, die viele Strömungen, viele Politiker und viele Versicherungsmodalitäten überdauern wird", heißt es weiter im offenen Brief. Das liege am Bedarf an ärztlicher Betreuung und Zuwendung. Doch nach Meinung der Politiker gehen deutsche Bürger zu häufig zum Arzt. Die Ärzte, die sich heute wehren und ihre Einwände kundtun, liebten noch immer ihren Beruf und die Arbeit mit den Menschen. "Wir werden uns auch weiterhin für alle einsetzen, die sich uns anvertrauen und unseren Rat suchen", betont die Kreisärzteschaft. Dies gelte auch gegenüber den Politikern.

Für ihre Patienten wünschten sich die Ärzte "ebenso die Therapiefreiheit wie bei allen Entscheidungen die Orientierung an medizinisch-sachlichen Gründen und nicht die Fixierung auf das alleinige Diktat der Ökonomie".

pm