Lokales

Tosender Applaus und Trillerpfeifengetöse

Es brodelt unter den Arbeitnehmern zumindest der Nürtinger Metallindustrie. Glichen die Maikundgebungen der vergangenen Jahre eher einem lauen Lüftchen, so erhob sich gestern in der Nürtinger Innenstadt ein wahrer Sturm.

JÜRGEN GERRMANN

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NÜRTINGEN Eine Großdemonstration war von der Firma Metabo auf den Schillerplatz gezogen, wo verschiedene Redner und tosender Applaus und Trillerpfeifengetöse Attacken nicht zuletzt gegen die Führung der großen Nürtinger Unternehmen der Branche ritten. "Wir wollen doch nicht in Saus und Braus leben", stellte Sieghart Bender, Erster Bevollmächtigte der IG Metall im Kreis Esslingen, klar. Dass am Monatsende noch was übrig bleibe, dass man die Wohnung oder das Häusle noch abbezahlen und einmal im Jahr in Urlaub gehen könne und die Kinder einen Ausbildungsplatz hätten, das sei doch nicht zu viel verlangt, ist er der Ansicht.

Mittlerweile sei es jedoch bei den Unternehmen zur Mode geworden, sich Investitionen durch Lohnopfer der Belegschaft bezahlen zu lassen. Auch der Politik machte Bender Vorwürfe: "Manchmal fragt man sich schon, ob es nicht besser wäre, gleich die Deutsche Bank zu wählen beziehungsweise abzuwählen." Ganze Belegschaften großer Unternehmen würden mittlerweile der Solidargemeinschaft "vor die Füße gekippt". Da gelte es, darüber nachzudenken, ob man nicht wie in Frankreich pro Entlassenem einen Jahreslohn als Strafe von den Unternehmern verlangen solle, um die Sozialkosten aufzufangen.

"Die neue Religion heißt Globalisierung, und ihre Priester sind ein paar Professoren", rief der Gewerkschafter. Man tue, als ob es sich dabei um ein unausweichliches Schicksal handle: "Aber die Globalisierung ist politisch gewollt und muss daher auch in unserem Sinne gestaltet werden." Demnächst werde es auch eine Demonstration mit Senioren geben, kündigte Bender an, denn "die wollen nicht zulassen, dass die Neoliberalen das wieder einreißen, was sie mühsam aufgebaut haben".

Auch Repräsentanten der großen Nürtinger Betriebe ergriffen unter großem Beifall das Wort: "Jugend braucht Zukunft. Das kann aber nur sein, wenn die Betriebe ihrer Verpflichtung, Ausbildungsplätze zu schaffen, auch nachkommen und die jungen Leute dann auch als Fachkräfte übernehmen", erklärte zum Beispiel Melanie Büttner, Jugendvertreterin bei Metabo.

"Die Arbeitgeber versuchen, Schwierigkeiten auszunutzen, um soziale Errungenschaften brutal zu stutzen", lautete der Vorwurf von Bernd Haußmann, Betriebsratsvorsitzender von Heller. "Wir werden rücksichtslos unter Druck gesetzt, länger zu arbeiten und das bei gleichzeitiger Kurzarbeit. Das passt doch nicht zusammen", sagte er. Zum Unternehmertum gehöre auch soziale Verantwortung für die Mitarbeiter, aber "statt dass die Geschäftsleitungen ihre Hausaufgaben machen, wollen sie alles auf uns abwälzen". Sogar die Weiterbildung sollten die Arbeitnehmer aus der eigenen Tasche bezahlen. Haußmann wehrte sich gegen den "mörderischen Unterbietungswettkampf", der allen nur schade. "Wenn wir das als Belegschaften mitmachen, haben wir aus den Fehlern unserer Chefs nichts gelernt".

Der Mann von Heller richtete auch einen leidenschaftlichen Appell an die Runde: "Wir dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen. Wenn wir zusammenstehen, haben wir die Chance, gute und qualifizierte Arbeitsplätze in Nürtingen zu halten." Den Ball griff Dieter Kleiß vom Betriebsrat von Hydraulik Ring, wo eine Verlagerung von 140 Arbeitsplätzen in der Produktion nach Marktheidenfeld droht, auf: "Wir wollen und können nicht akzeptieren, dass in Nürtingen wieder ein Betrieb mit hoch qualifizierten Mitarbeitern kaputt gemacht wird", ging er die Geschäftsleitung an. Auch Metabo-Betriebsratsvorsitzender Peter Teubel wählte, bevor Bernd Köster den Metallern die Solidarität des ganzen DGB versicherte, nicht gerade sanfte Worte: "Die Zeit der Erpressung und der Kompromisse, die die Lage nur verschlechtern, muss irgendwann zu Ende sein." Der Metabo-Betriebsrat habe all die Jahre versucht, mit den Wünschen der Chefetage vernünftig umzugehen und dem Erhalt von Arbeitsplätzen höchste Priorität eingeräumt: "Das Ergebnis ist leider so, dass immer neue Forderungen kommen. Es kann nicht sein, dass die Chefetage Jahr um Jahr tolle Ergebnisse vorlegt, die nur dadurch erzielt worden sind, dass man sich das Geld bei den Arbeitnehmern geholt hat. Es muss Schluss sein mit der Sanierung auf Kosten und mit dem Geld der Belegschaft", stellte er klar.