Lokales

Tote Bäume bedeuten Leben

Gemeinde Bissingen und Obst- und Gartenbauverein in Life+ Projekt engagiert – 139 Bäume gepflegt

Im Rahmen des Life+ Projekts haben Fachwarte des Bissinger Obst- und Gartenbauvereins (OGV) knapp 140 Bäume am Teckhang gepflegt. Ziel ist es, den Lebensraum für seltene Vogelarten wie zum Beispiel den Halsbandschnäpper zu erhalten.

Anzeige

richard umstadt

Bissingen. Das 3 000 Seelen-Örtchen Bissingen liegt idyllisch eingebettet in Streuobstwiesen, Schafweiden und Hangwälder zwischen Teck und Breitenstein. Tausende von Obstbäumen prägen das besondere Bild der Bissinger Landschaft, vor allem im Frühling. Hier ist der Lebensraum vieler Spechtarten, fühlen sich Halsbandschnäpper, Neuntöter, Rotkopfwürger und der Wendehals wohl. Das soll nach dem Willen der Gemeinde Bissingen und des örtlichen Obst- und Gartenbauvereins (OGV) auch so bleiben. Deshalb trat die Kommune dem Life+ Projekt „Vogelschutz im Albvorland“ bei und meldete gemeindeeigene Obstwiesen am Teckhang beim Regierungspräsidium zur Pflege an. Kompetente Partner fand der Bürgermeister der Seegemeinde, Wolfgang Kümmerle, in den Fachwarten des OGV Bissingen. Sechs von ihnen ließen sich vom LOGL, dem Landesverband für Obstbau, Garten und Landschaft Baden-Württemberg, speziell für das Life+ Projekt schulen.

Das Regierungspräsidium beauftragte danach drei von ihnen, den OGV-Vorsitzenden Rudolf Thaler und seine Mitstreiter Uli Walz und Wolfgang Pfost, mit der Sanierung der Bäume in der Bissinger „Grafenhalde“ am Teckhang. Aufgrund des langen Winters konnten sie allerdings erst im März zu Leiter, Säge und Hochbaumentaster greifen. Ihr Ziel war es, mit dem Pflegeschnitt der 139 Obstbäume fristgerecht bis zur Brutzeit, Ende März, fertig zu werden. Das Besondere daran: armdickes Totholz durfte ruhig stehen bleiben. „Ältere Fachwarte sehen das eher kritisch“, meinte Rudolf Thaler, denn bisher wurde vor allem auf Baumstatik und Ertrag geachtet. Totholz stehen zu lassen, ist verpönt. Doch in den abgestorbenen Ästen und Baumstämmen finden die Vögel nicht nur Nahrung, sondern auch Bruthöhlen.

Das Arbeitsergebnis der drei Bissinger OGV-Fachwarte konnte sich in Quantität und Qualität sehen lassen. Dr. Wagner vom Regierungspräsidium begutachtete den Schnitt und bescheinigte den Dreien, die Obstbäume überdurchschnittlich gut saniert zu haben. Dabei konnte Rudolf Thaler auf die Unterstützung der Gemeinde zählen. Bauhofleiter Uli Pangerl entsorgte mit dem Radlader das Schnittgut, die Jugendfeuerwehr verbrannte es an Ort und Stelle.

Über die „kostengünstige und intelligente Lösung“ freute sich Bürgermeister Wolfgang Kümmerle. 30 Prozent des finanziellen Aufwandes von rund 6 000 Euro trug die Kommune, die restlichen 70 Prozent das Regierungspräsidium. „Durch den Einsatz der OGV-Fachwarte kostete die ganze Sache weniger als die Hälfte gegenüber dem Preis, den ein privater Baumpflegebetrieb verlangt hätte“, klopfte der Bissinger Schultes, Herr über 1 726 Obstbäume am Teckhang, den Mannen vom Obst- und Gartenbauverein auf die Schulter. „Schon seit Langem“ sei die Gemeinde in dieser Thematik engagiert, so Wolfgang Kümmerle. Und das kommt nicht von ungefähr, ist die Kommune doch das älteste und einzig „noch lebende Mitglied“ des Bissinger Obst- und Gartenbauvereins aus dem Gründungsjahr 1929. Inzwischen zählt der Verein 170 Mitglieder und hat dank der Familienmitgliedschaft sowie Schnittkursen für Frauen und Kinder keine Nachwuchsprobleme, wie Rudolf Thaler meinte. Langweilig wird‘s den eingefleischten Obstbaufreunden ohnehin nicht, betreuen sie doch neben ihren eigenen Streuobstwiesen auch den vor etlichen Jahren eingerichteten Altsortenmuttergarten.

Um die Pflege der gemeindeeigenen Obstbäume in den Griff zu bekommen, verpachtete die Kommune von ihren 1 726 Apfel-, Birnen-, Kirschen-, Zwetschgen-, Walnuss- und Quittenbäumen 950, „die mehr oder weniger gut gepflegt werden.“ Von den restlichen Bäumen wollte sich die Gemeinde auf rund 600 konzentrieren. Dafür stellte die Diplomantin Sigrid Jetter für die Bissinger einen Pflege- und Entwicklungsplan auf. Die Pflege hätte demnach rund 150 000 Mark verschlungen. Förderung erfuhr Bissingen in den Jahren 2007/2008 sowie 2008/2009 durch den Landkreis. Die Arbeit erledigte wie im März der OGV, der über 300 Bäume pflegte. Dessen Vorsitzender kündigte nun nach dem ersten Life+ Durchgang einen weiteren Einsatz an. „Wir werden im Juli das zweite Pflegefeld mit dem Regierungspräsidium festlegen.“