Lokales

Tour erschließt altes Kräuterwissen

Neuer Rundgang im Freilichtmuseum in Beuren – Rund 200 Besucher beim gestrigen Auftakt

Im Freilichtmuseum des Landkreises Esslingen in Beuren kann man im Rahmen einer Kräutertour auf Entdeckungsreise gehen. Auf dem neuen Rundgang erhalten die Besucher weitere Einblicke in das ländliche Leben vergangener Zeiten. Gestern fand der Auftakt der Kräutertour statt.

Die Biologin und Produktmanagerin des Naturheilmittel-Herstellers Schoenenberger, Andrea Frank-Bühler, (rechts) erklärte interes
Die Biologin und Produktmanagerin des Naturheilmittel-Herstellers Schoenenberger, Andrea Frank-Bühler, (rechts) erklärte interessierten Besuchern bei dem Rundgang die Wirkkraft verschiedener Heilkräuter.Foto: Daniela Haußmann

Daniela Haußmann

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Beuren. Der Erfahrungsschatz rund um Heilpflanzen spielt bereits in frühesten mündlichen Überlieferungen eine Rolle. Schon in der Antike waren sich die Menschen der heilenden Wirkung bestimmter Kräuter bewusst. Sie sorgen nicht nur für Aroma und Würze in der Küche, sie helfen und heilen bei Krankheit, sie fördern Gesundheit und Wohlbefinden. Ein Thema, dem sich seit gestern auch das Freilichtmuseum Beuren widmet, indem es für Besucher eine Kräutertour ins Leben gerufen hat.

Sechs Monate hat es laut Werner Unseld vom Freilichtmuseum gedauert, die Kräutertour konzeptionell zu entwickeln. Geschehen ist das in Kooperation mit dem Naturheilmittel-Hersteller Schoenenberger aus Magstadt. Mit dem neuen Rundgang sollen nach Auskunft von Werner Unseld den Besuchern weitere Einblicke in das ländliche Leben vergangener Zeiten eröffnet werden. Neben der Geschichte des dörflichen Bauens und Wohnens und der dazugehörigen Natur- und Kulturlandschaft bildet der Feldanbau von Heilpflanzen damit einen weiteren Baustein in der Studien- und Bildungsarbeit, die das Freilichtmuseum Beuren leistet.

Die Kräutertour erschließt laut Werner Unseld altes Kräuterwissen, und sie führt zu bisher wenig beachteten Anschauungsobjekten in den Häusern, Gärten, Wiesen und Feldern des Museumsdorfes. Der neue Rundgang verknüpft nach Auskunft des Volkskundlers Gesichtspunkte aus Botanik, Volksmedizin und Heilkunde. Aber auch Bezüge zur Geschichte der Häuser und ihrer Bewohner werden Unseld zufolge im Rahmen der Kräutertour hergestellt. Auf diese Weise erhalten die Besucher einen umfassenderen und detaillierten Einblick in das Alltagsleben vergangener Zeiten.

Andrea Frank-Bühler, Produktmanagerin bei Schoenenberger, erklärte beim Auftakt der Kräutertour, dass Heilkräuter beispielsweise bei Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt wurden. „Bitterstoffhaltige Pflanzen wie Löwenzahn regen die Verdauungssäfte an und bereiten den Magen auf das Essen vor“, sagte die Diplom-Biologin. „Ein anderes Beispiel ist die Schafgarbe, die – genau wie die Kamille – entkrampfend wirkt.“ Auch in der Schwangerschaft und im Wochenbett wurden in der Vergangenheit Heilpflanzen eingesetzt. Diplom-Agraringenieur Ulrich Osterhild berichtete, dass das Ausgedinghaus aus Aichelau, das sich auf dem Museumsgelände befindet, bis 1944 von einer Hebamme bewohnt wurde. Hebammen haben Osterhild zufolge jahrhundertelang die Heilkraft von Kräutern wie Frauenmantel, Johanniskraut oder Baldrian genutzt.

„Die Schafgarbe war sehr wichtig in der Frauenheilkunde – nicht nur, weil sie entkrampfend, sondern auch blutstillend wirkt“, sagte Margret Engelbrecht. „Aufgrund der Gerbstoffe, die der Frauenmantel enthält, wirkt er keimtötend. Er wirkt aber auch beispielsweise bei Wehen entkrampfend.“ Die Hülbener Kräuterpädagogin berichtete, dass die Kräuter früher frisch oder getrocknet verabreicht wurden. In den zurückliegenden Jahrhunderten sei es für die Bauern unmöglich gewesen, Tinkturen und dergleichen aus den Kräutern herzustellen. „Der dazu erforderliche Alkohol war bei den einfachen Menschen nicht vorhanden, wobei die Hebammen über eine entsprechende Ausstattung verfügten“, fügte Margret Engelbrecht hinzu.

Kräuter wurden auch in früheren Zeiten schon mit Öl versetzt, um die Wirkstoffe herauszulösen. Allerdings sei das Öl für die Menschen derart kostbar gewesen, dass es nicht für die Herstellung von Salben oder zum Extrahieren von Wirkstoffen herangezogen wurde. „Stattdessen wurde Schweineschmalz zur Herstellung von Salben verwendet“, berichtete Engelbrecht. „Schweineschmalz war in den Haushalten eher vorhanden als Öl.“

Mit Blick auf das Weberhaus, das ebenfalls auf dem Museumsgelände zu finden ist, erklärte Ulrich Osterhild, dass die Arbeit in der Weberei hart gewesen sei. Die Webstühle hätten in feuchten Kellern gestanden, sodass die Arbeit Körper und Gelenke stark beanspruchte. Mit Haferkraut das den Organismus stärkt und ihn mit lebenswichtigen Nährstoffen versorgt, hätten die Menschen damals etwas für die Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit getan und der Erschöpfung entgegengewirkt.

Rund 200 Besucher schlossen sich gestern den geführten Kräutertouren an, die sich über 15 Stationen erstrecken. Hans-Jürgen Schumacher berichtete, dass viele Menschen sich wieder für Heilkräuter interessieren. Die wachsende Bedeutung von Themen wie ausgewogene und gesunde Ernährung, Gesundheitsförderung und -prävention haben aus seiner Sicht dazu beigetragen, dass die Auseinandersetzung mit der Wirkung von Heilpflanzen eine Renaissance erfährt.

Schumacher ist sich daher sicher, dass der neue Rundgang im Freilichtmuseum Beuren von den Besuchern rege angenommen werden wird. Werner Unseld betonte, dass die Kräutertour nur bei der Auftaktveranstaltung als geführter Rundgang angeboten wurde. Einzelpersonen können sich das Kräuterwissen mit Hilfe einer Broschüre erschließen. Größere Gruppen könnten aber eine entsprechende Führung buchen.