Lokales

"Tradition frisch aufgetischt"

Alle sieben Freilichtmuseen des Landes öffneten gestern auf einen Streich ihre Pforten und starteten bei nicht immer ganz milden Temperaturen die neue Saison. Während viele fasten und verzichten, Fettaugen zählen und an die unbarmherzige Waage denken, entschieden sich die Museumsmacher für einen mutigen Kontrapunkt und setzten unter dem Motto "Tradition frisch aufgetischt" voll auf kulinarische Verführungen.

WOLF-DIETER TRUPPAT

Anzeige

BEUREN Die teilweise recht heftigen Windböen, die immer wieder gegen aufkommende Frühlingsgefühle und Frühlingstemperaturen ankämpften, hatten dabei durchaus auch ihr Gutes. Ohne langes "Kartenstudium" konnten die vielen Schauplätze der vielen einzelnen Aktionen schon einfach dadurch gefunden werden, dass man sich auf seine Nase verließ und einfach nur dem guten Geruch folgte.

Unter dem Motto "Tradition frisch aufgetischt" gaben sich Vertreter aller sieben baden-württembergischen Freilichtmuseen gestern in Beuren ein Stelldichein und sorgten für einen vielversprechenden und vor allem auch alle Sinnesorgane reizenden Auftakt der neuen Museumssaison. Die gute Gelegenheit, mit Vertretern aller Einrichtungen ins Gespräch zu kommen, nutzten nicht nur viele Sonntagsausflügler, sondern auch zahlreiche Mitarbeiter des SWR-Fernsehens.

Gleich mehrere Teams durchkämmten mit Kameras, Richtmikrofonen und neuen Akkus die nach der langen Winterpause neu erwachende Museumslandschaft, um die vielen Informationen und alt überlieferten Rezepte dieses interessanten Saisonauftakts auch für all diejenigen zusammenzufassen und in Bilder zu packen, die gestern keine Zeit hatten, um ins Beurener Freilichtmuseum zu kommen. Zu sehen ist das, was gestern vor Ort "eingesammelt" wurde, am Sonntag, 16. April, um 18.45 Uhr in dem Beitrag "Treffpunkt Alte Rezepte neu gekocht".

Das Angebot war dabei wirklich atemberaubend. Das nördlichste Freilichtmuseum, das Odenwälder Freilandmuseum in Gottersdorf, konzentrierte sich auf Grünkern. Wer bislang noch nie einen Grünkernkirschkuchen gegessen hatte, konnte sich gestern davon überzeugen, wie gut der schmeckt.

Was "Striebela" sind und wie diese süße Verführung schmeckt, war in der Dosterküche bei einer Vertreterin des Schwarzwälder Freilichtmuseums Vogsbauernhof zu kosten. Schwäbisch Hall-Wackersdorf war mit "Hohenloher Blooz" vertreten und die Geheimnisse rund um "Rieterner Gmootz" verrieten die Landfrauen des Freilichtmuseums Neuhausen ob Eck. Aus dem oberschwäbischen Museumsdorf Kürnbach waren neben den Landfrauen mit Obstkuchen und einer "Schwäbischen Hochzeitssuppe" auch Zuckerbäcker angereist und vom Bauernhaus-Museum Wolfegg vervollständigte eine mobile Käserei aus dem württembergischen Allgäu das kunterbunte "Menü" von vor Ort zubereiteten "Versucherle".

Die Gastgeber aus Beuren hatten Alblinsen und Albschnecken im Angebot, die in der Suppe gar nicht mehr so sehr zu erkennen, wohl aber als wohlschmeckend herauszuahnen waren.

Ganz intensiv wahrgenommen wurde aber die Spätzlesecke und die Gelegenheit genutzt, dem baden-württembergischen Spätzlesmeister bei der Arbeit zuzusehen und zu hören, dass es eigentlich überhaupt kein Problemn ist, in einer Viertelstunde von Hand drei Kilo Spätzle zu schaben. Dass er nicht angeben, sondern Mut machen wollte, glaubte man Harald Fischer sofort.

Wenn man ihm so zuschaute, sah das alles auch ganz einfach aus. Ganz wichtig ist offensichtlich, dass das Messer nie angehoben und dafür das Brett mit dem Spätzlesteil immer wieder genügend in Wasser getaucht wird. Wer nun glaubte, dass Harald Fischer wenn nicht Fernseh- so doch wenigstens Sternekoch ist, der irrt. Wenn er in Rente geht, könnte sich der Religion unterrichtende Pfarrer und Oberstudienrat aus Tübingen aber durchaus vorstellen, dass er ein kleines aber feines Lokal eröffnet. Dort würde er dann gerne gegen das Vorurteil ankochen, dass die Nationalspeise "Spätzle" immer nur als Beilage behandelt wird und doch wirklich das Zeug dafür hat, auch als Hauptgang endlich entsprechend ernst genommen zu werden.

Fotos: Jean-Luc Jacques