Lokales

Traditionsreiche Behörde wegreformiert

Möbelwagen stehen vor der Tür, im Treppenhaus hängen keine Bilder mehr, das Landeswappen und das Namensschild sind abgeschraubt: Zapfenstreich im Kirchheimer Amt für Flurneuordnung und Landentwicklung. Die Behörde fällt der Verwaltungsreform zum Opfer.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Es war eine Verwaltungsreform, die einst dafür gesorgt hat, dass vor 66 Jahren in Kirchheim ein "Feldbereinigungsamt" eingerichtet wurde. Es war wiederum eine Verwaltungsreform, die den Einzugsbereich dieser Behörde zum 1. Januar 1974 mehr als verdoppelt hat. Und es ist eine erneute Verwaltungsreform, durch die der traditionsreiche Flurbereinigungsstandort Kirchheim zum 1. Januar 2005 aufgegeben und sogar komplett zerschlagen wird. Die 37 Behördenmitarbeiter verteilen sich auf acht verschiedene Standorte zwischen Göppingen, Reutlingen, Böblingen, Kornwestheim, Schorndorf und Ellwangen. Teilweise wechseln sie auch ihr Aufgabengebiet und sind künftig nicht mehr in der Flurneuordnung tätig.

"Wenigstens bleibt keiner auf der Straße", sieht Vermessungsdirektor Günter Aichele noch einen gewissen Trost angesichts der Auflösung seiner Behörde, der er seit Mai dieses Jahres als kommissarischer Amtsleiter vorsteht. In einem Anflug von Galgenhumor nennt er sich auch "Liquidator". In dieser Funktion ist ihm in der Jesinger Straße 52, wo die Behörde seit nunmehr 30 Jahren ihren Sitz hat, auch noch ein halbes Jahr Galgenfrist beschieden. Offiziell ist Günter Aichele aber schon von morgen an der Leiter des selbstständigen Geschäftsteils Flurneuordnung des Landkreises Göppingen.

Bis Ende Juni 2005 gibt es in Kirchheim also eine Dependance des Göppinger Landratsamts, zu der außer ihrem Leiter noch zwölf weitere Mitarbeiter des alten Kirchheimer Amts für Flurneuordnung und Landentwicklung gehören. Am 1. Juli 2005 sollen schließlich endgültig die Lichter ausgehen: Dann zieht das Amt für Vermessung und Flurneuordnung, das in das Landratsamt Göppingen integriert wird, von Kirchheim nach Geislingen um. In Kirchheim bleibt ein leeres Gebäude zurück, für das der Landkreis Göppingen im kommenden halben Jahr noch als Untermieter des Landes Baden-Württemberg einspringt. Im Sommer endet auch der Mietvertrag des Landes.

Der Großteil der Kirchheimer Mitarbeiter, insgesamt 15 an der Zahl, wechselt nach Göppingen beziehungsweise Geislingen. Weitere 15 "Kirchheimer" verteilen sich von Neujahr an auf das Landratsamt Böblingen und den "Pool" in Schorndorf. Dort ist der Dienstsitz eines Flurbereinigungsteams, das zum Regierungspräsidium Stuttgart gehört. Insofern stimmt Günter Aicheles Aussage, dass niemand auf der Straße bleibt, nur im übertragenen Sinn. Ganz konkret verbringen die ehemaligen Kirchheimer Flurbereiniger, die fast alle in und um Kirchheim wohnen, nämlich künftig viel Zeit auf der Straße, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen. Bis zu 30 Kilometer einfache Entfernung von Kirchheim sind da eher die Regel als die Ausnahme.

Vergeblich hatte man in der Jesinger Straße 52 gehofft, dass sich die drei Landkreise Esslingen, Göppingen und Kirchheim auf eine gemeinsame Dienststelle einigen würden, die nach wie vor in Kirchheim hätte bleiben können. "Beim Straßenbauamt hat es geklappt", sagt Günter Aichele, "da arbeitet Esslingen mit Göppingen zusammen." Auch bei den Kollegen vom Flurbereinigungsamt Ravensburg habe die Standortsicherung funktioniert, weil Sigmaringen und der Bodenseekreis keinen Vorteil darin gesehen hätten, eigene Ämter zu bekommen. "Für uns war es wahrscheinlich Pech, dass wir zurzeit kaum Aufgaben im Landkreis Esslingen haben", meint "Liquidator" Aichele resignierend.

Überzeugt von der Notwendigkeit zur Zerschlagung seiner Behörde ist er nach wie vor nicht: "Der Aufwand, den wir haben, um technisch auf dem Laufenden zu bleiben, ist sehr hoch. Bislang konnten wir zwei von 40 Leuten zu Schulungen schicken, künftig sind es in den kleineren Einheiten zwei von zwölf." Sein langjähriger Kollege Gerhard Schreiber, seines Zeichens Projektingenieur, pflichtet bei: "Mit unseren speziellen Fachprogrammen hatten wir für jedes Gebiet einen Anwendungsbetreuer. Der Erfahrungsaustausch untereinander bricht jetzt weg."

Projektingenieur Schreiber hat seine Akten-Koffer bereits gepackt. Der Wendlinger arbeitet künftig in Böblingen: "Am 10. Januar räume ich dort ein, aber da wird noch nichts laufen." Ab der dritten Januarwoche, so hat er gehört, sollen PC und sonstige technische Geräte, die die Spezialisten vom Kirchheimer Flurbereinigungsamt an ihre neuen Dienststellen mitbringen, funktionsfähig sein. Die Speicherkapazitäten, die für die Grafikprogramme der Flurbereiniger nötig sind, könnten den Landkreis-Servern einige Schwierigkeiten bereiten. Bis diese Probleme gelöst sind, kann Gerhard Schreiber vielleicht verstärkt den größten Vorteil genießen, den er an seiner neuen Dienststelle bislang ausgemacht hat: "In Böblingen gibt es eine Kantine."