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Träume reisen um die Welt und landen in Lenningen

LENNINGEN Das Oberlenninger Schlössle macht keinen Winterschlaf und ist doch voller Träume. Wieder gibt der alte Fachwerkbau der Kunst eine Chance, sich einzigartig zu präsentieren. Jetzt, da die Nächte länger sind als die Tage, entfalten 30 Installationen von Künstlerinnen und

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ERIKA HILLEGAART

Künstlern aus drei Kontinenten mit ihren Traumbildern, was im Licht der Ratio verpuppt ist. Fantasie, Wünsche, Gefühle wollen nicht ein- deutig sein. Das Ausstellungsthema "In Your Dreams" verspricht den Betrachtern: Die Objekte von australischen, kanadischen und deutschen Künstlern werden eigene Assoziationen wecken und zu eigenen Auslegungen anregen.

Ev Dörsam lud im Namen des Förderkreises Schlössle und der Gemeindebücherei Lenningen die Vernissagegäste ein, "den Reichtum, die Fülle, die Kraft und die Farbigkeit der Träume zu entdecken". Diese Traumentdeckungsreise begleitete "Tosh" mit seinem Didgeridoo. Der Musiker Joachim Schmidt kam aus Bad Niedernau, sein Vorbild ist der Reggaemusiker der 70er-Jahre, Peter Tosh. Dem archaischen australischen Instrument entlockte er ungeahnte Tonwelten. Sein klangmalerisches Spiel mit sprachähnlichen sonoren Klängen verbreitete Ruhe und Ferne. Urgrundige langgezogene Laute überlagerte der Musiker mit röhrend gurrender Rhythmik. So sollte an die australischen Urbewohner erinnert werden. Das Naturinstrument ursprünglich aus hohlem Eukalyptusrohr gibt es der Mythologie zufolge seit "Anbeginn der Zeiten". Die Schöpfungserzählungen der Aborigines wissen vom Traum, dass er der Ursprung alles Lebens sei.

Förderkreismitglied Lene Rose Gruner ist mit der Kanadierin Karen Cornelius und Helen Sanderson aus Australien Kuratorin dieser Ausstellung "In Your Dreams", die drei Jahre lang um die Welt reist. Zuletzt war sie im Münchner Amerikahaus in der "Langen Nacht der Museen" zu sehen. Arbeiten der Kuratorinnen sowie der Kanadierin Agatha Doerksen sind zudem in einer begleitenden Sonderausstellung im Museum für Papier- und Buchkunst im zweiten Stockwerk des Schlössles zu sehen.

"Die wahren Abenteuer sind im Kopf", wissen Traumkünstler und schaffen Künstlerträume, weltbekannt und großräumig, ganz zu schweigen von den Menschheitsträumen des großen Welttheaters. Im Oberlenninger Schlössle sind jetzt Träume in kleinen Räumen. Träume im Guckkastenformat spielen hier ein kleines Welttheater. Die Stuttgarter Kunsthistorikerin Dr. Carla Heussler entschlüsselte manches Zauberkästchen und führte ganz allgemein in die Magie der Träume ein. Da sind Kindheitsträume auf der Suche nach Vergessenem. Da klären Beziehungsträume ein Gefühlschaos. Traumräume dehnen sich zur Befreiung, fremde Landschaften sind vertraut. Albträume drängen zum erlösenden Erwachen wie im Märchen zum glückendlichen "so leben sie noch heute". Die Kunsthistorikerin fragte: Lassen sich Träume fangen? Sind sie schwarz-weiß oder bunt? Wie leise sind die nächtlichen Gespinste? In welchen Raum-Zeit-Dimensionen dehnen sie sich?

Carla Heussler ordnete die Motive und Fragen einzelnen Installationen zu. Es sind Arbeiten in den verschiedensten Techniken und Materialien. Sie sind so unterschiedlich, wie Menschen eben unterschiedlich sind. Aber das Phänomen des Träumens verbindet die Menschen aller Völker. Da finden sich traumverlorene Szenen, reale Tagträume, ein Traumbuch von der Reise durch die Nacht. Da ist ein Traumfänger und der geheimnisvolle Fluss des Schlafes.

Der Traum vom eigenen Tod will auf ein neues Leben weisen. Diese Traumkreationen schlummern in Schachteln, in Kästchen und Kartons aus Holz, Blech oder Pappe. Sie inszenieren in Minischränkchen, Schatullen, Boxen wahre Kammerspiele. Sie verdoppeln ihre geheime Bildsprache in Spiegeln. Manche präsentieren sich auf Plexiglasregalen, die speziell für diese Ausstellung entworfen worden sind. Leporellos entfalten die Geheimnisse der Nacht. Da gibt es gewebte Visionen in den Regenbogenfarben, einen Traum-Macher und Kulissen für Wunschträume.

Exemplarisch seien die Arbeiten der beiden Lenninger Lehrerinnen für Kunsterziehung erwähnt. Elke Gaisers Wunschtraum ist, dass die Welt des Tages bunt und staunenswert bleiben soll. "Ihre Arbeit steht für die Fülle unserer Welt, welche es zu schützen statt zu zerstören gilt", würdigt Carla Heussler diese Arbeit. Träume weisen den Weg der vielen Möglichkeiten. Lene Rose Gruners vier Traumkästchen heißen "Traumpfade", die sich drehen und verschieden anordnen lassen und fünfstellige verschiedene Positionen ermöglichen. Sie nennt diese Mischung aus Kunst und Mathematik "Mapo", mathematische Poesie. Zu den 30 Traumbildern mögen die Betrachter Geschichten erfinden oder eigene Erfahrungen wieder finden. Denn wie Märchen bringen Träume die eigene Psyche in Bewegung. Die Künstlerinnen und Künstler aus drei Kontinenten bieten dazu den Stoff für den Aufbruch in andere Räume, in eine Gegenwelt. Die Lenninger Kuratorin Lene Rose Gruner stellte die aus Deutschland angereisten Künstlerinnen vor: Sibylle Burr, Sylvia Fagago, Hildegard Koldin, Renate Quast, Karina Stängle und Gerlinde Stingl. Sie erzählte, wie die Ausstellungsidee und deren internationale Verknüpfung entstanden war: "Am Anfang war der Traum, über Träume zu erzählen, zu schreiben. Doch durch internationale persönliche Kontakte kam nun diese Ausstellung der darstellenden Künste zustande." Das Projekt erfuhr eine offizielle Unterstützung und Würdigung. So schreibt der Botschafter von Kanada in Deutschland, Paul Dubois: "Das allen Menschen gemeinsame Charakteristikum Träume und Träumen ist das künstlerische Bindeglied zwischen sehr unterschiedlichen Kulturen." Der australische Botschafter in Deutschland, Ian Kemish, weist in seinem Vorwort zu dem Ausstellungskatalog auch auf die Träume vieler Migranten hin, "die aus allen Teilen der Welt und in der Hoffnung auf ein besseres Leben und die Erfüllung ihrer Träume nach Australien kamen. So formten mit der Vorstellung der Aborigines von der Traumzeit Träume die australische Gesellschaft."

Gastgeberin in den gemeindeeigenen Räumen, Ev Dörsam, lädt im Namen der Bücherei und des Förderkreises ein, ins Oberlenninger Schlössle zu kommen und die Galerie der Künstlerträume in kleinen Karrees anzuschauen. Jeder mag dann "In Your Dreams" feststellen, dass (T)-Raum selbst in der kleinsten Hütte ist. Oder er kann über manchen Titel der Installationen nachsinnieren: "Ein Traum, ein Traum ist unser Leben", "Unsere Träume geben uns Sicherheit", "Träume erlauben weit in die Vergangenheit oder in die Zukunft zu entfliehen".

Der Ausstellungskatalog gibt in englischer Sprache Kurzinformationen zu den 30 Künstlerträumen. Das Büchlein ist postkartengroß, praktisch mit herausnehmbaren Karte und vor Weihnachten ein passendes Präsent.

INFODie Öffnungszeiten sind dienstags von 11 bis 18 Uhr; mittwochs von 15 bis 18 Uhr; donnerstags von 15 bis 19.30 Uhr; freitags von 14 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 12 Uhr. Die Ausstellung in den Räumen der Gemeindebücherei ist bis zum 6. Januar 2008 zu sehen.