Lokales

"TRAM ist sowas wie unser Schutz vor der bösen Welt da draußen"

KIRCHHEIM Allein erziehend und dann obdachlos dieses Damoklesschwert hängt über vielen Frauen und ihren Kindern, wenn sie

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IRIS HÄFNER

nach der Trennung die Wohnung nicht mehr halten können. "Seit Monaten schon suche ich eine Wohnung. Ich habe inseriert, auch über die Apotheke, bei der ich arbeite nichts. Spätetens, wenn bei der Besichtigung meine Lebenssituation zur Sprache kommt, kann ich mir die Wohnung abschminken", sagt Sabine (sämtliche Namen sind von der Redaktion geändert).

So oder so ähnlich lief es bei vielen, die zu TRAM (Treffpunkt allein erziehender Menschen) kommen.

O:STERN.TI_Dort können sie mit ihren Erfahrungen den Neuen helfen und mit dem einen oder anderen Tipp aufwarten. Dies ist einer der Gründe, weshalb der Treff so beliebt ist. Sabine erfuhr so beispielsweise, dass in einem großen Wohnblock zwei Sozialwohnungen der Stadt frei sind. Die sollen aber Notfällen vorbehalten bleiben. "Ist das denn kein Notfall, wenn eine Frau mit zwei kleinen Kindern keine Wohnung findet", ärgert sich Anita.

Als Sabine wegen ihrer Notsituation bei der Stadt Kirchheim um Rat fragte, bekam sie zur Antwort, dass sie in ihrer alten Wohnung so lange bleiben soll, bis sie geräumt wird. "Was dann? Dann stehe ich vor der gleichen Situation und unnötige Kosten fallen auch noch an", ist sie enttäuscht. Mit der Antwort des Beamten habe sie wenig anfangen können. "Er könne nichts für mich tun. Nach der Zwangsräumung würde ich dann ins Obdachlosenasyl kommen zu Alkoholikern und Pennern. In welch eine Gesellschaft kommen die Kinder da denn rein", sagt sie aufgebracht. Man habe ihr bei der Stadt auch nicht gesagt, dass sie einen Wohnberechtigungsschein beantragen kann.

"Dabei habe ich gedacht, dass die größte Schwierigkeit sein wird, unsere Wohnung schnell verkaufen zu können. Das ging Gott sei Dank recht schnell und glücklicherweise auch so gut, dass wir null auf null rausgekommen sind", wundert sich Sabine noch im Nachhinein. Seit 30 Jahren lebt sie in Kirchheim, sie hat eine feste Stelle in einer Apotheke, mit der Aussicht auf eine höhere Wochenarbeitszeit. "Ich habe immer gearbeit, brav meine Steuern bezahlt und jetzt interessiert meine Situation niemand. Dabei kann das jederzeit jeder Frau mit Kindern passieren", erzählt sie weiter.

Als ihre beiden Söhne klein waren, hat Sabine sogar ehrenamtlich in städtischen Kindergärten gearbeitet und Sprachhilfe für Kinder und Mütter gegeben. "Das Projekt ,klein anfangen' in der Auferstehungskirche habe ich mit aufgebaut", erzählt Sabine. Umso unverständlicher ist ihr jetzt das Verhalten der Beamten. "Das ist jetzt also der Dank dafür", sagt sie resignierend.

Anita kann ebenfalls ein Lied davon singen, wie es ist, plötzlich kein Dach mehr über dem Kopf zu haben. Auch sie hat zwei Kinder. "Das Jugendamt hat mir geholfen. Damals standen zwei städtische Wohnungen ungenutzt rum. Ohne den Druck seitens des Jugendamts hätte ich die nicht bekommen", erinnert sie sich. Über ihr neues Domizil ist sie glücklich, auch wenn es sich nur um eine Zwei-Zimmer-Wohnung handelt. "Die Räume sind schön groß, das geht prima", sagt sie. Als sie ernsthaft befürchten musste, doch ins Obdachlosenheim abgeschoben zu werden, stattete sie ihrer angedrohten neuen Bleibe einen Besuch ab. "Da gibt es nicht mal Briefkästen, nur schwarze Vertiefungen und Ratten sind rumgesprungen", erinnert sie sich heute noch mit Schrecken daran. "Als allein Erziehende fühlst du dich wie ein Mensch zweiter Klasse", ist Anitas Erfahrung.

Sabine ergänzt: "Du kommst dir vor wie der letzte Schnorrer, dabei will ich ja meine Wohnung bezahlen." Ihr Mann zahlt nach anfänglichen Schwierigkeiten nun regelmäßig Unterhalt, und mit ihrem Gehalt kommt sie so einigermaßen über die Runden. Ein Auto ist jedoch wie bei den meisten allein Erziehenden nicht drin, weshalb innerstädtische Wohnungen wegen der kurzen Wege zu Schule und Lebensmittelgeschäft eine pure Notwendigkeit sind. Irritiert ist Sabine über ein Gerücht über die Fehlbelegung einer sozialgeförderten Wohnung, das ihr in der Apotheke zu Ohren gekommen ist. "Wenn das wahr ist, dann frage ich: Wo ist da die soziale Gerechtigkeit?"

TRAM bedeutet für Anita, dass sie unter Gleichgesinnten die verschiedensten Probleme ansprechen kann und Hilfe jeglicher Art bekommt. "Jeder hat ein offenes Ohr für den anderen, und wenn's einem schlecht geht, holen sie einen wieder raus aus dem Tief", sagt sie. Auch die Kinder finden hier Freunde und leben sich schnell ein. Anita hätte gerne einen Job. "Ich würde sämtliche Arbeit annehmen, könnte ich nur was finden. Nicht mal eine Putzstelle bekommt man. Als ich auf eine Chiffreanzeige geantwortet habe, war ich schon Nummer 150 oder so", bedauert sie die derzeitige Arbeitsmarktlage.

"Unser Treffpunkt ist sowas wie der Schutz vor der bösen Welt da draußen. Man kommt hierher und kann loslassen", sagt Ursula. Sie genießt es, bei einer Tasse Kaffee zu sitzen und das TRAM-Team den Rest organisieren zu lassen. Die Kinder weiß sie wohl versorgt, ihr Sohn darf sogar einen Kumpel mitbringen. "Die Kinder treffen hier auf Gleichgesinnte, denn Kinder von Sozialhilfeempfängern werden gedrückt", ist ihre Erfahrung. Ihr Sohn hatte in der Schule sogar schon folgenden Satz hören dürfen: "Ihr lebt von den Steuerngeldern von meinen Eltern." Doch dem nicht genug. Manche Eltern verbieten ihren Sprösslingen den Umgang mit dem kleinen Simon, denn mit dieser "Kaste" will man erst gar nicht in Berührung kommen.

Obwohl Ursula Arbeit hat ist sie Hartz IV-Empfängerin. Sie wohnt auf dem Dorf, deshalb hält sie verzweifelt an ihrem alten Kleinstwagen fest. Ihre Tochter braucht sie jedoch nicht von der Schule abzuholen, die steigt nämlich vor den Augen ihrer Klassenkameradinnen nicht ein. Ihr Sohn tut sich immer noch schwer mit der Trennung seiner Eltern, insbesondere auch deshalb, weil der Vater von seinen Kindern nichts mehr wissen will. "Er ist ein ganz lieber kleiner Kerl, der aber seine kleine Welt um sich herum nicht mehr versteht. An manchen Tagen, wenn er einfach nicht mehr weiter weiß, äußert sich dies in aggressivem Verhalten, in der Regel gegen sich selber", beschreibt Ursula ihren Sohn. Als sie einen Therapieplatz ergattern konnte, war sie überglücklich, doch weil sie die Stunden bald nicht mehr bezahlen konnte, musste Simon seine Therapie wieder abbrechen.

Nichtsdestotrotz lassen sich die TRAM-Teilnehmer ihre Stimmung nicht vermießen. Markus ist Schornsteinfeger und hat kurz vor Weihnachten von einigen Kunden Sekt geschenkt bekommen. So stoßen die allein Erziehenden auf sich, Susanne Kurz und das Leben an. Gemeinsamkeit macht schließlich stark und geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid.