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"Traumhafte Kurven" sorgen für Begeisterung

"Bauliches Erbe Altstadt" lautete das Thema des jüngsten Kirchheimer "Stadtforums". Der Architekt und Stadtplaner Klaus Humpert erläuterte den zahlreichen interessierten Zuhörern, dass auch scheinbar krumme Straßen einer genauen geometrischen Planung entspringen und dass keinesfalls ein Erker oder eine andere Art von Vorbau den schnörkellosen Lauf einer Kurve in der Bauflucht stören dürfe.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Die zusammengefügten Bausteine, das Muster der Stadt und die Landschaft, in der das Muster entstanden ist das alles bezeichnete Professor Klaus Humpert als charakteristisch für das bauliche Erbe der Altstadt. "Das sehen wir heute als einen unglaublichen Wert. Wer ,Kirchheim' hört, hat sofort ein Muster der Altstadt im Kopf, und für 40 000 Menschen ist diese Altstadt nach wie vor das Identitätszentrum." Das Muster der Altstädte war das eigentliche Thema, über das Humpert an seinem 77. Geburtstag in Kirchheim referierte. Seit 18 Jahren arbeitet er an diesem Thema, weshalb er gleich zu Beginn die These aufstellen konnte: "Der Stadtgrundriss ist das zentrale bauliche Erbe einer Stadt."

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Die wichtigste These, die Klaus Humpert vertritt, wird gleichwohl von den Historikern heftig bestritten. "Entdeckung der mittelalterlichen Stadtplanung Das Ende vom Mythos der ,gewachsenen Stadt'" lautet der Titel des Buches, das er gemeinsam mit Martin Schenk zu diesem Thema verfasst hat. Entgegen der herrschenden Lehrmeinung kommen die Autoren zu der Auffassung, dass die Grundrisse mittelalterlicher Städte genau geplant sind. Die Städte seien somit nicht organisch gewachsen, wie es die Historiker nach wie vor annehmen.

Als Beispiel nennt Klaus Humpert gerne die Stadt Freiburg im Breisgau. Über viele Jahre hinweg hatte er das dortige Stadtplanungsamt geleitet, bevor er die Leitung des Instituts für Städtebau an der Universität Stuttgart übernahm. Aber erst lange nach seiner aktiven Freiburger Zeit sei er den geometrischen Feinheiten des Stadtgrundrisses auf die Spur gekommen. Seither hat er Städte in ganz Baden-Württemberg, aber auch in den angrenzenden Bundesländern, in der Schweiz oder in Italien unter die Lupe genommen und immer wieder festgestellt, dass ihre Grundrisse auf gleichseitigen Dreiecken, Rechtecken und Rastern mit stets wiederkehrenden gleichen Abständen beruhen. Besonderes Augenmerk legt Klaus Humpert aber auf Kreisbögen, die vor allem in der Epoche der Zähringer Stadtgründungen ab 1100 auftauchen: "Auch deshalb schauen die Amerikaner gerne unsere Städte an. Sie selbst haben nämlich nur einfachste Raster."

In vielen Zähringerstädten hat Klaus Humpert S-Kurven nachgewiesen, deren beide Teile jeweils verschiedene Radien aufweisen. Auch in Kirchheim hat er sich einen schnellen Überblick verschafft. Als Charakteristikum sind ihm die giebelständigen Häuser aufgefallen, die wesentlich mächtiger wirken als traufständige Gebäude gleicher Höhe. Auf die besondere S-Kurve ist Humpert in der Max-Eyth-Straße gestoßen, während die Bauflucht auf der Ostseite der Marktstraße einen einzigen großen Bogen beschreibt. Auch von der Wellingstraße war der Diplom-Ingenieur regelrecht begeistert: "Die hat eine traumhafte Kurve." Dieselbe Begeisterung habe bereits Leon Battista Alberti, einer der herausragenden Architekten und Architekturtheoretiker der Renaissance, empfunden: "Er hat gesagt, die gebogenen Straßen sind schöner, weil die Häuser gleichsam aufmarschieren."

Wie die geometrischen Abmessungen mit Hilfe von Seilen in kurzer Zeit auf großen Flächen zu bewerkstelligen sind, hat Klaus Humpert schon mehrfach mit Studenten ausprobiert, auf einem Truppenübungsplatz bei Schwerin. Genau so seien auch die mittelalterlichen Stadtgründer vorgegangen. Von Anfang an hätten sie die Standorte für Stadttore und Straßenzüge festgelegt. Die kurvenreichen Straßen seien sogar ein Hinweis auf bessere Wohngebiete, auf reiche Anwohner: "In der Biegung soll eine Qualitätsverbesserung stecken, eine Verschönerung."

In Esslingen hat Klaus Humpert eine "sensationelle Entdeckung" gemacht, die von den Historikern allerdings erst recht abgelehnt werde: Pliensautor, Wolfstor und das Mettinger Tor sind die Eckpunkte eines gleichseitigen Dreiecks. Das bedeutet, dass selbst die Vorstädte bereits Teil der ursprünglichen Planung gewesen sein müssen. Dass keiner dieser Pläne überliefert ist, begründet Klaus Humpert damit, dass die Baumeister eine Art Geheimzunft betrieben haben. Drei verschiedene Erkennungszeichen mussten übereinstimmen, bevor sie jemanden in ihre Bauhütten einließen. Auch von Klosteranlagen seien keine Pläne überliefert bis auf die große Ausnahme Sankt Gallen , und doch werde wohl niemand behaupten, die Klöster seien ohne Planung entstanden. Die geometrischen Grundformen hat Klaus Humpert außer in den Stadtgrundrissen auch in Kirchen, ja sogar in mittelalterlichen Miniaturen nachgewiesen. Geometrie sei damals noch als göttliche Wissenschaft betrachtet worden.

Auch wenn er seiner Zuhörerschaft eine beinahe unglaubliche Menge an Material und Beweisen für seine These vorlegte, spickte Klaus Humpert seinen Vortrag mit Humor und vielen amüsanten Details. Außerdem gab er konkrete Handlungsanweisungen, um das bauliche Erbe Altstadt auch künftig zu bewahren. Zum einen wandte er sich dabei an die Bevölkerung, die er dazu anhielt, die Stadt mit Leben zu füllen und sich zu ihr zu bekennen: "Wenn ihr eure Stadt liebt, dann kauft auch in ihr ein, selbst wenn es ein bisschen teurer ist. Fahrt nicht nach Metzingen. Kauft euch auch mal eine Hose oder ein paar Schuhe in der Stadt, und nicht nur ein Eis."

Zum anderen riet Klaus Humpert dazu, in der Altstadt wettkampfartige Veranstaltungen anzubieten, wie das in Kirchheim auch schon der Fall ist, etwa beim Radrennen oder beim City-Lauf. Schließlich empfahl er Architekten, Stadtplanern, Bauherren und Gemeinderäten, sich an den Grundriss der Altstadt zu halten und eine schöne Biegung in der Bauflucht nicht durch einen Erker zu zerstören oder zerstören zu lassen: "Die Selbstverwirklichung eines Architekten darf solche Kurven nicht kaputt machen." Er selbst habe früher auch noch anders gedacht, bekannte der emeritierte Professor. Inzwischen sieht er die "Ideologie der Moderne" als ähnlich große Katastrophe für die Altstädte an wie die einstigen Stadtbrände, obwohl er eigentlich selbst in der Wolle gefärbt sei "in Karlsruhe, bei Egon Eiermann".

Der Wiederaufbau der Städte nach dem Krieg sei mancherorts kaum weniger verheerend gewesen als die Zerstörungen durch den Krieg selbst. "Obwohl ich die eigentlich nicht leiden kann", seien es konservativ denkende Verantwortliche in vielen Städten gewesen, die den alten Stadtgrundriss einfach wieder hochzogen. "Wenn wir da hingekommen wären, wäre die Stadt erledigt." Das bezeichnete Klaus Humpert als "die große Tragik der Moderne". Sie habe zwar wunderbare Siedlungen, Einfamilienhäuser oder Bürohochhäuser bauen können "aber sie konnte keine Altstadt wieder aufbauen".

Dass die Altstadt als "Ur-Raum" und Kulturraum nach wie vor sehr zerbrechlich sei, fügte Kirchheims Planungsamtsleiter Dr. Hermann-Lambert Oediger in der anschließenden Diskussion an. Zuvor hatte er im zweiten Teil des Vortragsabends ausgeführt, dass Kirchheim im Vergleich zu anderen Städten gut aufgestellt ist: "Bundesweit gibt es im Einzelhandel zehn Prozent Leerstand, in Kirchheim liegen wir bei vier Prozent." Die Tendenz seit dem Jahr 2003 sei positiv. Auch das urbane Wohnen liege im Trend. In den vergangenen vier Jahren seien 35 neue Wohneinheiten in der Innenstadt entstanden. Die Stadterneuerung und die Entwicklung des innerstädtischen Einzelhandels bezeichnete Oediger als Daueraufgabe, wobei er von allen Beteiligten ein "klares Bekenntnis zur Stadtmitte" einforderte.