Lokales

Traumurlaubsziel hier Erosion und Brennstoffmangel dort

Ein Lastwagen ist mit Bambusstangen beladen, die für den Export nach Hongkong oder Singapur bestimmt sind. Die Ladung ist aber verrutscht, und das Führerhaus hängt in der Luft. "Das ist ein Symbol für die Entwicklungshilfe", sagte Herbert Rädler gestern im Schlossgymnasium, "wenn man zu viel auflädt, dann kippt es."

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Herbert Rädler, Bildungsreferent beim Reutlinger Entwicklungspädagogischen Informationszentrum (EPIZ) weiß, wovon er spricht: 18 Jahre lang war er in nahezu allen Gebieten der Südhalbkugel als Entwicklungshelfer tätig. Früher oder später möchte er auch wieder "raus" in die Welt, um sein praktisches Wissen weiterzugeben. Einstweilen aber macht er es umgekehrt und berichtet an deutschen Schulen über seine Erfahrungen, die er in der "großen weiten Welt" gemacht hat. So kam er gestern ans Kirchheimer Schlossgymnasium auf Einladung der SMV und der Lehrergruppe "Eine Welt" , um gemeinsam mit Schulleiter Siegfried Lutz die Wanderausstellung des baden-württembergischen Innenministeriums mit dem Titel "Unteilbare Eine Welt" zu eröffnen.

Die Ausstellung besteht aus acht großen Köpfen mit bunten Bildern auf der Vorderseite und grafisch eindrucksvoll aufbereiteten Informationen auf der Rückseite. Besitzverteilung, Bevölkerungsentwicklung, Umwelt, Wirtschaftsbeziehungen, Verschuldung oder Rüstungsausgaben sind die Themenbereiche, die stets global betrachtet werden und die mit farbigen Weltkarten zum Informieren und zum Lesen einladen. Das Motto "auseinander entwickelt" steht über dem "Auge" der ersten Tafel und gilt gewissermaßen für die gesamte Ausstellung: "Übergewicht, Hightech-Medizin und moderne Computer im Norden doch jeder sechste Mensch in den Entwicklungsländern hungert, ist ohne ärztliche Versorgung und kann nicht lesen und schreiben."

Auf die Gegensätze zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern verwies auch Bildungsreferent Herbert Rädler in der Aula des Schlossgymnasiums. So zeigte er aus Namibia typische Safari-Bilder mit Giraffen und Zebras oder werbewirksame Südseestrände von den Fidschi-Inseln. "Man kann dort einen Traumurlaub verbringen", kommentierte er die Bilder aus Sicht der Westeuropäer oder Nordamerikaner und fügte lediglich einschränkend hinzu: "Aber das ist extrem teuer."

Vor Ort gibt es aber noch deutlichere Einschränkungen des Traumurlaubsklischees. Drei Jahre lang hat Herbert Rädler als Entwicklungshelfer auf den Fidschi-Inseln gelebt und gearbeitet. Dort herrsche großer Mangel an Brennholz und an landwirtschaftlicher Nutzfläche. Deshalb werden die bewaldeten Hänge systematisch gerodet. Bei einer jährlichen Niederschlagsmenge von etwa 5 000 Millimetern ist die Erosion kaum mehr aufzuhalten. Die Lösung des Problems, die Rädler zusammen mit den Einheimischen gefunden hat, besteht darin, entlang der Höhenlienien die Hauptkulturpflanze Taro anzubauen und dazwischen Bäume zu pflanzen, die regelmäßig auf die Höhe einer Hecke gestutzt werden. Das wirkt der Hangerosion entgegen, und außerdem lässt sich die Taro-Produktion auch noch vermarkten.

Nur 200 Millimeter Niederschlag fallen in der Kalahariwüste in Namibia mit ein Grund, warum auch dort extremer Brennholzmangel zu beklagen ist. Herbert Rädler hat mit den Bewohnern Biogasanlagen gebaut, die in Indien und China häufig anzutreffen sind, in Namibia aber bislang unbekannt waren. "Kuhmist wird zu 50 Prozent mit Wasser vermischt", erklärte der Entwicklungshelfer gestern in Kirchheim, "und durch anaerobe Vergärung entsteht Methangas. Das ist nahezu geruchsfrei und lässt sich als Brennmaterial zum Kochen verwenden."

Solche Biogasanlagen als ein Prinzip der "angepassten Energie" hat Rädler auch in Ruanda bereits erfolgreich eingeführt. Von einer weiteren nachhaltigen Entwicklung wusste er aus Thailand zu berichten: Ende der 70er-Jahre sei dort Milchpulver aus Australien importiert worden, weil die Touristen Milch trinken wollten. Inzwischen hat sich in Thailand eine eigene Milchwirtschaft etabliert mit Rindern aus Indien, mit neuen Techniken zum Futteranbau und zur Silage und mit großem Erfolg. "Das System funktioniert. Die Schulkinder trinken fast alle Milch und sind wegen des Kalziumgehalts meistens größer als ihre Eltern." Das Beispiel zeigt, dass Entwicklungshilfe nicht "kippen" muss, wenn man nur den "Bambuslaster" richtig belädt.

INFODie Ausstellung "Unteilbare Eine Welt" ist im Schlossgymnasium noch bis zum 22. Dezember zu sehen. Höhepunkt ist der "Eine-Welt-Tag" am Freitag, 17. Dezember, von 15 bis 22 Uhr. Mit dessen Erlös, mit den Einnahmen des Pausenverkaufs von Selbstgebackenem sowie mit dem Opfer des Weihnachts-Schulgottesdiensts wird ein Jugendprojekt im brasilianischen Recife unterstützt.