Lokales

Trotz fehlender Mittel weiterhin zuversichtlich

Berichte der beiden Vorsitzenden, Rosemarie Reichelt und Dekan Ellinger, standen auf der Tagesordnung der Sitzung des Gesamtkirchengemeinderates der evangelischen Kirche. Kirchenpfleger Bernd Kemmner stellte den Haushalt für das Jahr 2005 vor, der noch ohne tiefgreifende Einsparungen aufgestellt werden konnte.

KIRCHHEIM In der Haushaltsrede von Kirchenpfleger Kemmner kam deutlich zum Ausdruck, dass ohne grundlegende Strukturveränderungen die nächsten Jahren finanziell nicht zu bewältigen sind. Dekan Hartmut Ellinger nahm in seinem Bericht Stellung zur Situation der Kirche in unserer heutigen Gesellschaft. Er berief sich dabei auf den Berliner Bischof Wolfgang Huber, der in seinem Buch "Kirche in der Zeitenwende" feststellt, dass sich die gesellschaftliche Situation in Europa und in Deutschland auf dramatische Weise verändert hat.

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Mit drei Begriffen versucht er die heutige Situation zu beschreiben: der Säkularisierung, dem Wertewandel und der Individualisierung. Auf diesem Hintergrund geschehe heute Gemeindearbeit. Dekan Hartmut Ellinger formulierte es so: "Die Gemeinden müssen immer wieder prüfen, inwieweit sich ihre Angebote positiv auf die gesellschaftlichen Veränderungen einlassen. Einer diffus religiös durchsetzten Kultur sind überzeugende Darstellungen des Glaubens entgegenzusetzen. Die für die Gemeinde Verantwortlichen, Haupt- wie Ehrenamtliche, müssen dazu beitragen, dass die Voraussetzungen für das Gelingen überzeugender Gottesdienste gegeben sind."

Die gesellschaftliche Tendenz der Individualisierung, die sich von gemeinschaftsbezogenen Werten immer mehr löse und sich auf mehr selbstbestimmte Werte hin orientiere, mache die Frage nach einer erlebbaren Gemeinschaft zu einer besonderen Herausforderung. Trotz zurückgehendem gesellschaftlichem Einfluss dürfe die Kirche nicht zum Rückzug aus der Gesellschaft antreten. "Eine Kirche", so lautete das Fazit von Dekan Ellinger, "die ihre gegenwärtigen Herausforderungen nach spiritueller Präsenz in der Öffentlichkeit, nach Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs über Werte und nach kompetenter religiöser Begleitung der Einzelnen im Rahmen der Gemeinde annimmt, hat Zukunft."

Ganz in diesem Sinne, dass die Evangelische Gesamtkirchengemeinde auf Zukunft baut, berichtete die Vorsitzende des Gesamtkirchengemeinderates, Rosemarie Reichelt, über die Projekte des vergangenen Jahres. An erster Stelle stand der Neubau des "Eckpunktes", der am 14. Januar seiner Bestimmung übergeben wurde. "Aus der Scheuer ist nun der Eckpunkt geworden," stellte Rosemarie Reichelt einleitend fest. In unmittelbarer Nähe zu den Beratungsangeboten der Diakonischen Bezirksstelle im Altbau und des ehemaligen Johannes-Busch-Gemeindehauses sei ein Diakonieladen entstanden, der sich sehen lassen könne. Im Jugendcafe, das vom Bezirksjugendwerk unterhalten und von einer Jugendreferentin begleitet wird, treffen sich in ihrer Freizeit junge Menschen. Auch hat die Wohngruppe für Demenzkranke vom Verein "Gemeinsam statt einsam" inzwischen ihre Räume bezogen.

Die Finanzierung des Baus belaste den Haushaltsplan der Gesamtkirchengemeinde nicht, sondern wurde so geplant, dass der Schuldendienst durch Mieteinnahmen refinanziert wird, machte Rolsemarie Reichelt deutlich. Zwei Arbeitsschwerpunkte gab es im vergangenen Jahr. Die "Arbeitsgruppe Ziele" hat das Arbeitspapier "Gemeinde stärken, Gesamtgemeinde wagen" erstellt, in dem eine effektivere Zusammenarbeit und verbesserte Kommunikation zwischen den einzelnen Gemeinden erzielt werden soll. "Leitlinien für das Ehrenamt" war ein weiterer Schwerpunkt ihrer Ausführungen. Gerade die Rolle des Ehrenamtes habe in der heutigen Zeit an Bedeutung gewonnen.

In seiner Haushaltsrede berichtete Kirchenpfleger Bernd Kemmner über den starken Rückgang von Kirchensteuermitteln in der Evangelischen Landeskirche. Grund dafür sei in erster Linie die Arbeitsmarktsituation und die Umsetzung der Steuerreform. Auch die demografische Entwicklung und die zunehmende Überalterung der Gesellschaft sei für fehlende Kirchensteuermittel verantwortlich. Die Zahl der Kirchenaustritte könne dagegen durch Eintritte und Taufen kompensiert werden. Die Landeskirche erwarte für das Jahr 2005 Kirchensteuereinahmen in Höhe von 448,6 Millionen Euro, dies sind aber 76,3 Millionen Euro weniger als vergleichsweise im Jahre 1992.

Kirchenpfleger Kemmner resümierte: "Die Globalisierung hat auch uns längst eingeholt; wohl aber auf eine andere Art und Weise, als von uns erwartet. Wir haben bisher Globalisierung über Wachstum definiert und stellen nun fest, dass wir abgeben müssen."

Für den Haushalt der Gesamtkirchengemeinde bedeuten diese rückläufigen Kirchensteuereinnahmen, dass durch hohe Personalkostenanteile und anstehende Gebäudeinvestitionen eine sehr schwierige Finanzsituation entstanden ist, die ab dem Jahr 2006 die Gesamtkirchengemeinde vor größere Probleme stellen wird. Aus diesem Grund habe der Engere Rat, Entscheidungsgremium in Verwaltungs- und Finanzangelegenheiten der Gesamtkirchengemeinde, beschlossen, einen Haushaltskonsolidierungsausschuss einzusetzen.

In den ersten Sitzungen dieses Ausschusses sei deutlich geworden, dass eine Strukturveränderung dringend notwendig sei, um die finanziellen Probleme in den Griff zu bekommen. Es mache keinen Sinn, einzelne Positionen aus dem Haushalt herauszugreifen und zu kürzen, da das vor allem die Arbeit einer einzelnen Teilgemeinde schwer treffen könne. Bernd Kemmner schloss seine Haushaltsrede mit den Worten des Bundeskanzlers: "Es geht nicht mehr um die Frage, was man gerne tut, sondern was man als seine Pflicht begreift." Nach einer kurzen Diskussion wurde mit einem einstimmigen Beschluss der Haushaltsplan für das Jahr 2005 verabschiedet.

wk