Lokales

Trotz Traumnoten nur zweite Wahl

ANDREAS VOLZ

KREIS ESSLINGEN Besonders drastisch ist die Situation dieses Jahr an den Grund- und Hauptschulen in Baden-Württemberg. Nach Zahlen, die die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) vorlegt, stehen den 2 600 Bewerbern für diese Schularten im kommenden Schuljahr gerade einmal 330 Stellen zur Verfügung. Für diejenigen Bewerber, für die mit dem laufenden Schuljahr auch die Referendariatszeit endet, ist das nicht nur ein eklatantes, sondern auch ein unerwartet deutliches Missverhältnis.

Zum Vergleich: Vor einem Jahr waren denselben Zahlen zufolge für baden-württembergische Grund- und Hauptschulen noch 1 470 neue Lehrkräfte eingestellt worden. Darum beworben hatten sich damals 2 200 ausgebildete Pädagogen. Zwei Drittel haben also eine Anstellung bekommen. In der aktuellen Runde dagegen kann sich nur ein Achtel der Bewerber so glücklich schätzen, einen Arbeitsplatz im Traumberuf als Grund- beziehungsweise Hauptschullehrer erhalten zu haben.

Bei einem Pressegespräch, das der GEW-Kreisverband Esslingen-Nürtingen gestern veranstaltete, haben sich fünf Lehramtsanwärterinnen im Alter zwischen 25 und 27 Jahren ihren Frust und ihre Enttäuschung von der Seele geredet. Da sind zum Beispiel Ulrike Beischer und Lena Kofler, die vor dem Referendariat noch Zusatzqualifikationen erworben haben: Ulrike Beischer hat an der pädagogischen Hochschule das Erweiterungsstudium "Kulturelle Pädagogik" absolviert, das sie in besonderer Weise dazu befähigt, mit Kindern zu arbeiten, für die Deutsch nur die Zweitsprache ist. Dadurch hat sie zwar Erfahrung gewonnen, letztlich aber ein entscheidendes Jahr verloren. Lena Kofler hat ebenfalls ein Jahr "verschenkt", wenn sie es rückblickend betrachtet. Sie hat nämlich ein Jahr lang in den USA studiert, wovon sie im Fremdsprachenunterricht entscheidend profitiert.

Angesichts der Einstellungssituation fragen sich nun allerdings beide, ob sie nicht besser im letzten Schuljahr ihr Referendariat hätten abschließen sollen. Dann wären sie heute womöglich schon alle Einstellungssorgen los und würden seit einem Jahr in ihrem erlernten Traumberuf arbeiten auch ohne die Zusatzqualifikation, die ihnen jetzt ohnehin eher sinnlos vorkommt. Auch an den Noten kann es nicht wirklich liegen: Lena Kofler etwa hat in beiden Staatsexamen zusammen einen Schnitt von 1,3. Ihre Kollegin und Leidensgenossin Geraldine Ernst hat im 2. Staatsexamen sogar die Traumnote 1,0 erreicht. Trotzdem sitzt sie mit Beginn der Sommerferien erst einmal auf der Straße und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Dabei war sie auch noch so flexibel gewesen, ihren Schwerpunkt zu tauschen. Sie hat sich auf die Hauptschule verlegt, weil es immer hieß, dadurch wären die Chancen besonders gut. Genutzt hat es vorerst nichts.

Juliane Adam, die momentan ebenfalls keine berufliche Perspektive für sich sieht, bringt es auf den Punkt: "Da gibt es einen Beruf, den ich ergreifen wollte und den ich deshalb auch erlernt habe. Aber was sollen wir denn jetzt machen? Wir würden ja gerne arbeiten." In den Job-Centern erfahren die Referendarinnen derzeit, dass sie ALG II nach dem "Hartz-IV-Gesetz" beantragen können. Von einer Kollegin berichten sie, dass ihr eine Putzstelle und eine Stelle als Verkäuferin auf dem Fischmarkt angeboten wurden.

Lena Kofler spricht von einer "eingleisigen Ausbildung", die sie absolviert hat. Die Ausbildung führt zu einer Anstellung im Staatsdienst oder aufs Abstellgleis. Natürlich gibt es auch Privatschulen. Aber da sind die Bewerbungsfristen längst abgelaufen, lange bevor die Referendarinnen auf Nachfrage erfahren haben, dass sie beim Staat noch auf unbestimmte Zeit in der Warteschleife hängen werden. Für Bewerbungen sind außerdem Zeugnisse nötig. Die jedoch gibt es erst am letzten Schultag.

Was also tun? Beruflich völlig umorientieren, ist die eine Möglichkeit. Die andere besteht darin, auf Nachrückverfahren zu warten oder sich auf eine der rund 300 neuen Stellen zu bewerben, die in Baden-Württemberg für "pädagogische Assistenten" vorgesehen sind. Dadurch, dass "keine eigenverantwortlich unterrichtenden Lehrkräfte" die Deutsch- oder Mathematiklehrer während des Unterrichts unterstützen, sollen die Hauptschulen aufgewertet werden. Alexandra Bachhofer sieht darin aber vor allem eine Abwertung der examinierten Lehrerinnen und Lehrer, die ja extra für den "eigenverantwortlichen Unterricht" ausgebildet worden sind: "Wir wollen keine Lehrer zweiter Klasse sein."

In der Schulpraxis fehlen durchaus Stellen für Lehrer "erster Klasse", wie Hans Dörr, GEW-Kreisvorsitzender und Rektor der Plochinger Burgschule, erläutert: "Wir müssen den Ergänzungsbereich noch weiter runterfahren. Stütz- und Förderkurse sind schon weitgehend zu Fremdwörtern geworden." Verschiedene Maßnahmen hätten dazu geführt, immer mehr Lehrpersonal einzusparen: sei es die zusätzliche Deputatsstunde für Referendare, der weitgehende Wegfall von Krankheitsvertretungsstunden oder auch das Vollstopfen von Klassenzimmern. Am Klassenteiler anzusetzen, hält Dörr für wichtiger als das Konzept mit den pädagogischen Assistenten wenn man schon versuche, das PISA-Erfolgsmodell Finnland zu kopieren.

INFOHeute in einer Woche, am Dienstag, 10. Juli, veranstaltet die GEW auf dem Stuttgarter Schlossplatz eine landesweite Protestaktion gegen die derzeitige Einstellungspolitik. Beginn ist um 16 Uhr. Die GEW bittet um Online-Anmeldung unter www.gew-bw.de.

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