Lokales

Über 4 000 Kilometer und im Radgepäck ein Mundstück

KIRCHHEIM Die Lokale Agenda Kirchheim hat Anfang April die Imagekampagne "FahrRad" gestartet. Der werbewirksame Einsatz wird sich bis zu den Goldenen Oktobertagen hinziehen. Mit dieser Kampagne wollen die Initiatoren ein noch besseres Klima für das Fahrradfahren schaffen. Der Teckbote bringt im Rahmen der Aktion eine lockere Serie über Menschen, die im Alltag den Drahtesel und dessen Möglichkeiten längst für sich selbst entdeckt haben.



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RICHARD UMSTADT

Die Trompete bleibt zu Hause. Aber ganz auf sein geliebtes Blech verzichten will Christian Mück, 20, dann doch nicht. "Das Mundstück kommt mit", stellt der begeisterte Musiker fest. Und sein Fahrrad-Kompagnon Horst Kirra, 20, hat nichts einzuwenden. Beide sind sie inzwischen mit ihren Stahlrössern in Europa unterwegs der etwas andere Urlaub. Vier Wochen planten sie dafür ein. Über 4 000 Kilometer wollen die beiden Kirchheimer zurücklegen und wer ihr Reisetagebuch unter www.brassinstinct.de/tour_2004 verfolgt, traut ihnen dies zu.



In sechs Tagen radelten Christian Mück und Horst Kirra über Nördlingen, den Main-Donau-Kanal entlang, durch die Fränkische Schweiz und das Fichtelgebirge, vorbei an Leipzig und durch die Lutherstadt Wittenberg nach Berlin. Von dort führte sie ihre Tour weiter über Braunschweig, Hameln, Telgte bei Münster, Enschede, Soest, Amsterdam, Den Haag, Hoeck van Holland nach Berchem bei Antwerpen.



Heute ist Halbzeit. 14 Tage unterwegs. Rund sechs bis sieben Stunden täglich auf dem harten Radsattel. Das ist nichts für Weicheier. "Viele unserer Freunde halten uns für verrückt", verriet Christian vor der Abfahrt. Der Gymnasiast, der im nächsten Jahr sein Abi "baut", und Horst, der im Herbst mit dem Mathe/Physik-Studium beginnt, sehen das anders. "Es ist etwas Besonderes. Man erlebt mehr und sieht viel." Beide sind für den Teutonengrill nicht geschaffen, sondern wollen die Welt er-fahren radelnderweise.



Das wird auch in der zweiten Hälfte ihrer Tour d'Europe so sein: Brüssel, Lüttich, Paris, Dijon, Lyon, in Richtung Schweiz, der Mont Blanc als wunderschöne Bergkulisse, Genf, Chamonix, durchs Aostatal auf den Comer See zu und zurück über den San Bernardino durch das Land der Eidgenossen ans Schwäbische Meer und wieder in heimische Gefilde, Friedrichshafen Kirchheim.



"Die Alpen wollen wir als Krönung für den Schluss aufbewahren", erzählte Horst. Sozusagen als Reminiszens an die Tour-de-France-Gladiatoren. Zunächst hatten die beiden sportlichen jungen Männer die Idee, durch die Alpen ans Mittelmeer zu radeln. Dann kamen ihnen jedoch starke Bedenken. "Vielleicht wird das doch etwas zu heiß." Deshalb planten sie um und blieben im Herzen Europas. Die Nächte verbringen sie im Zwei-Mann-Tunnelzelt auf Campingplätzen außerhalb der Häusermeere und in Jugendherbergen. Christian: "Wir wollen abends aus den großen Städten draußen sein, deshalb werden wir die Sehenswürdigkeiten auch nur im Schweins-Galopp besuchen können."



Christian Mück, der in Hoeck van Holland auf dem Campinplatz seinen 20. Geburtstag feierte, hat Erfahrung. Im vergangenen Jahr radelte er auf seinem Mountainbike 2 000 Kilometer durch Schweden. Seinem Freund Horst imponierte das. Als er dem musikalischen Radwanderer für Sommer 2004 eine Tour durch Europa vorschlag, hatte Christian nichts dagegen. Horst schwang sich daraufhin, wann immer es die Abi-Vorbereitungen zuließen, auf sein 28-Zoll-Trekkingbike und trainierte. 40 bis 50 Kilometer pro Abend strampelte er so herunter und bereitete sich auf die Urlaubstour vor.



Inzwischen radelten sie durch Belgien und legten in den vergangenen zwei Wochen täglich Etappen von durchschnittlich 143 Kilometer zurück. "Wir sind gut ausgerüstet und ziehen das durch", meinte der 20-jährige Gymnasiast. Freilich können immer wieder Stolpersteine im Weg herumliegen, die man zuvor nicht einplant: Gegenwind, wolkenbruchartiger Regen, Steigungen bis zu 25 Prozent, Horden von Schnaken, ein Wespenstich, ein altersschwaches Führungskabel, platte Reifen, die Nacht durchfeiernde Gruppen mit zwei unterschiedlichen Musikrichtungen, deren Lautsärke auf Konkurrenz angelegt ist, und ähnliches mehr. Christian und Horst bleiben trotz alledem gelassen: "Ein bisschen Glück gehört dazu."



Übrigens: Beide Radfahrer schwärmen von Holland. Originalton, Tagebuch, elfter Tag: "Ein wunderschönes Land zum Fahrradfahren. Es gibt so gut wie keine Straße, neben der kein Fahrradweg verläuft. Sogar eigene Ampeln mit Kontaktschleife und Lämpchenanzeige, wie lange es noch dauert, bis es grün wird, erleichtern dem Fahrradfahrer das Leben. Von denen gibt es dem entsprechend viele! Das alles nützt natürlich nur, wenn auch die Autofahrer rücksichtsvoll sind. Jede Art von Zweifel daran können wir nur widerlegen. Oftmals verzichten sie sogar auf ihre Vorfahrt. Zumindest in dieser Hinsicht können wir uns ein großes Stück davon abschneiden." Warum die meisten Niederländer deutsch sprechen, erklären die beiden so: "Anders als in Deutschland, werden die Filme nicht in der Landessprache synchronisiert, sondern nur mit Untertitel versehen. Dadurch lernen die Holländer die Sprache gleich mit und nutzen ihre Sprachfertigkeit, um verwirrten, ausländischen Radfahrern beizustehen."

Ein bewegter Urlaub: Zwei Kirchheimer radeln durch Europa.