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"Über den Preis bekommen wir keinen einzigen Kunden"

Handys, Getränkedosen oder Zahnpastatuben eine Vielzahl von Alltagsgegenständen wird mit Maschinen des Kirchheimer Unternehmens Sprimag veredelt. Der Spritzmaschinen-Spezialist gehört weltweit zu den führenden Anbietern in den Bereichen Oberflächen- und Innenbeschichtung.

FRANK HOFFMANN

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KIRCHHEIM Mit atemberaubender Geschwindigkeit rasen die Getränkedosen durch die computergesteuerten Anlagen des Kirchheimer Spritzmaschinen-Herstellers Sprimag. Bis zu 2 400 Aludosen pro Minute wird in den High-Tech-Anlagen mit höchster Präzision eine Innenbeschichtung verpasst, um die Getränke zu schützen. Auch Tuben für Klebstoff, Zahnpasta, Senf oder Tomatenmark werden mit Sprimag-Maschinen beschichtet.

Das zweite Standbein des schwäbischen Maschinenbauers sind Anlagen für die Oberflächenbeschichtung. "Vor allem für die Automobilindustrie bauen wir in diesem Bereich sehr viele Maschinen", erzählt Sprimag-Geschäftsführer Reiner Eberhardt. Zu den Kunden zählen fast alle bekannten Autohersteller von Audi über BMW bis zu Renault und VW. Beschichtet werden in den Fahrzeugen eine Vielzahl von Teilen, wobei zwischen technischer etwa bei Bremsscheiben und optischer Beschichtung etwa bei Armaturen unterschieden wird. Aber auch Handygehäuse oder Tastaturen werden weltweit mit Maschinen des Kirchheimer Unternehmens lackiert. "Mit dem Geschäftsfeld Oberfläche machen wir rund 60 Prozent unseres Umsatzes", sagt Eberhardt, der Rest entfällt auf Beschichtungsautomaten für Verpackungen, vornehmlich aus Metall. Sprimag-Anlagen für die Innenbeschichtung von Tuben, Alu-Getränkedosen oder Aerosoldosen gehen in alle Welt.

Gegründet wurde die Firma als "Spritzmaschinengesellschaft" (Sprimag) 1925 von Otto Heinrich in Leipzig. Produziert wurden zunächst einfache Lackiermaschinen für Holz, Glas, Keramik und Metall. Teller und Tassen oder Christbaumkugeln beispielsweise wurden in den Anfangsjahren mit Otto Heinrichs Maschinen lackiert. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Enteignung des Unternehmens anstand, brach Otto Heinrich seine Zelte in Leipzig ab und wagte 1949 einen Neubeginn in Nabern. 1955 folgte der Umzug nach Kirchheim in die Henriettenstraße. Heute beschäftigt das Unternehmen in Kirchheim 150 Mitarbeiter. Sprimag sowie die Unternehmen AISA, Aisapack und Magplastic gehören zur Schweizer Unternehmensgruppe SIH. Neben Sprimag in Kirchheim gibt es Schwesterunternehmen in USA und Brasilien. Die Sprimag-Gesellschaften haben weltweit 300 Beschäftigte.

In Kirchheim fertigt Sprimag komplexe Beschichtungs-Anlagen und lebt heute wie viele Maschinenbauer vor allem vom Export. "Mitte der 80er-Jahre haben wir 80 Prozent unserer Maschinen an deutsche Firmen verkauft", erzählt Reiner Eberhardt, "heute gehen 80 Prozent in den Export." Und auf dem Weltmarkt können deutsche Firmen in aller Regel nur mit Qualität bestehen, ist Eberhardt überzeugt: "Über den Preis bekommen wir keinen einzigen Kunden. Wir müssen besser sein."

Weiterbildung und Forschung genießen bei Sprimag deshalb höchste Priorität. "Wir dürfen uns nicht ausruhen", lautet Reiner Eberhardts Credo. "Maschinen können kopiert werden, das Wissen der Mitarbeiter nicht", sagt der Sprimag-Geschäftsführer und legt deshalb größten Wert auf hoch qualifizierte und flexible Mitarbeiter, die bereit sind, sich ständig weiterzubilden. In den Labors des Kirchheimer Unternehmens werden zudem regelmäßig neue Farben und Materialien getestet, um allen Herausforderungen gewachsen zu sein. Mit dem ständig steigenden Exportanteil gewinnen zudem Sprachkenntnisse eine immer größere Bedeutung. Sprimag trägt dem seit vielen Jahren mit hausinternem Englisch-Unterricht Rechnung.

"Unsere Monteure sind heute zugleich Projektmanager", beschreibt Vertriebsleiter Robert Häußler die deutlich gestiegenen Anforderungen. Bis zu sechs Monate sind die zwei- bis dreiköpfigen Teams bei den Kunden in aller Welt im Einsatz, um die Maschinen in Betrieb zu nehmen. Zusätzlich benötigte Handwerker und Hilfskräfte für die Montage müssen die Sprimag-Monteure vor Ort suchen und einarbeiten. Viele Kunden erwarten von dem Kirchheimer Anlagenbauer inzwischen einen umfassenden Service. Dazu gehört die Betreuung der Maschinen ebenso wie die Schulung der Mitarbeiter oder ein Telefon-Service.

In Brasilien liefert das Kirchheimer Unternehmen nicht nur Anlagen, sondern auf Wunsch auch auf Sprimag-Maschinen lackierte Teile. Mit großem Erfolg. 150 Mitarbeiter beschäftigt die Firma in Brasilien und denkt gerade darüber nach, den Personalstand deutlich zu erhöhen.

In Kirchheim dagegen hatte der Spritzautomaten-Spezialist vor allem im Herbst 2005 mit einigen Problemen zu kämpfen. Zur allgemeinen Auftragsflaute kam der schwache Dollar-Kurs, der für einen Einbruch auf dem US-Markt sorgte, und Sprimag musste etwa 20 Arbeitsplätze abbauen. "Inzwischen läuft's wieder gut", freuen sich Eberhardt und Häußler über den Aufschwung, der bereits zu einigen Neueinstellungen führte. Wobei vor allem in den Bereichen Konstruktion und Entwicklung Mitarbeiter gesucht werden. Im jährlichen Wechsel werden je zwei Lehrlinge für die Ausbildung zum Industriemechaniker beziehungsweise Elektroniker (Automatisierungstechnik) eingestellt.

Bis Mai kommenden Jahres ist das Kirchheimer Unternehmen gut ausgelastet und hat das Umsatzziel für 2006 bereits überschritten. Statt der zunächst anvisierten 22 werden es voraussichtlich 24,5 Millionen Euro werden, sieht Geschäftsführer Reiner Eberhardt das Unternehmen im Aufwind. Gerade werden drei große Anlagen für VW und Volvo gebaut, und auch bei den Beschichtungsautomaten für Getränkedosen ist das Unternehmen gut ausgelastet. Vor allem aus dem Nahen Osten haben die Kirchheimer einige interessante Aufträge bekommen. Auslöser war nicht zuletzt George W. Bushs Irak-Politik: Statt bei der US-amerikanischen Konkurrenz kaufen die arabischen Dosenhersteller inzwischen lieber bei Sprimag ein.