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Über den Tellerrand geschaut

"Es lohnt sich, über den Tellerrand hinauszuschau'n." Dieses Fazit zog Landrat Heinz Eininger am Ende des "Dreiergipfels" in München, an dem Kreistagsvertreter aus den Kreisen Leipziger Land, Esslingen und München teilnahmen. Drei Tage lang informierten sie sich im Partnerlandkreis München.

RICHARD UMSTADT

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ESSLINGEN/MÜNCHEN Vor allem Sachthemen standen im Vordergrund des reichhaltigen Besuchsprogramms. Was für den Kreis Esslingen "das politische Feld" der kommenden Jahre ist, die Neustrukturierung der vier Krankenhaus-Eigenbetriebe, brachten die Münchner bereits erfolgreich hinter sich. Landrat Heiner Janik und sein Kreistag gingen dabei allerdings einen ganz anderen Weg als die Esslinger. Der Landkreis München trennte sich mit Gewinn von seinen zwei Kliniken München-Perlach und München-Pasing. Er verkaufte die beiden Krankenhäuser, die im Stadtgebiet von München liegen, am 23. November 2004 an den "Mercedes unter den privaten Klinikbetreibern", die Rhön AG, und bezahlte mit dem Erlös rund 100 Millionen Euro seine Kredite ab. Nun blickt der Partnerlandkreis praktisch schuldenfrei, aber nicht sorglos, in die Zukunft.

Die zwei Kliniken hatten in den Jahren 1998 bis 2001 rote Zahlen geschrieben Fehlbeträge in Höhe von 13,6 Millionen Euro pro Jahr, die der Landkreis München etwa zur Hälfte ausgleichen musste. Neben der "Falle Gesundheitsreform" sah Heiner Janik eine weitere Ursache im Einnahmeausfall durch das Absacken der Grunderwerbssteuer von 80 Millionen Euro in drei Jahren.

"Diese strukturpolitische Entscheidung par excellence haben wir von unseren Partnern im Landkreis Leipziger Land gelernt", gestand Landrat Heiner Janik. Auch dort müssen sich Landrätin Petra Köpping ("das charmante Gesicht Sachsens") und ihr Kämmerer seit Ende der 90er-Jahre nicht mehr mit der Gewinn- und Verlustrechnung der Kliniken in Borna und Zwenkau herumschlagen. Sie wurden an den privaten Klinikbetreiber "Helios" verkauft. "Wir haben mit Helios außerordentlich positive Erfahrungen gemacht", berichtete Petra Köpping.

"Als Tanz auf der Rasierklinge" bezeichnete der Münchner Landrat den Start des Geothermie-Projekts in der Hightech-Stadt Unterschleißheim. Dort kam Bürgermeister Rolf Zeitler zunächst ordentlich ins Schwitzen, als bei der ersten Bohrung im Valentins-Park bis zu einer Tiefe von rund 1 800 Meter kein Wasser floss. Erst in zirka 2 000 Meter wurden die Arbeiter fündig. Doch die Risikobereitschaft lohnte sich. Das Wasser die Schüttmenge beträgt 100 Liter pro Sekunde tritt mit einer Temperatur von 80 Grad zutage. 31 MegaWatt (MW) dieser umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Energie sollen in der Endstufe erzeugt werden. Damit können 2 800 Wohnungen mit Wärme versorgt werden. Außerdem wird das temperierte Wasser auch als Thermalwasser für das Erdinger Freizeitbad genutzt. Unterschleißheim selbst will zusammen mit einer weiteren Kommune ein Thermalbad in einem nahen Erholungsgebiet bauen und sucht dazu noch einen Investor. Rolf Zeitler sprach von Investitionen in Höhe von 50 Millionen Euro.

Wie Landrat Heiner Janik sagte, herrscht im Landkreis München "Goldgräberstimmung", denn fast alle Gemeinden sind geothermietauglich in einer Tiefe zwischen 2 000 und 3 000 Metern. In Unterhaching wird das Wasser zum Beispiel mit einer Temperatur von 120 bis 150 Grad an die Oberfläche gepumpt und nicht nur zur Beheizung der Gebäude eingesetzt, sondern auch verstromt.

Seit Herbst 2003 an die Fernwärmeversorgung der Stadt Unterschleißheim angeschlossen, ist das Sonderpädagogische Förderschulzentrum Rupert-Egenberger-Schule. Die dortige Sport- und Mehrzweckhalle ist ein weiteres Beispiel einer Investition zu Gunsten der Umwelt und letztendes auch des Portemonnaies. Zentraler Punkt der Haustechnik ist eine kontrollierte Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung aus der Abluft. Spielfläche und Foyer werden ausschließlich über die Zuluft beheizt. Halle und Foyer können nach einem Kohlendioxid-Sensor entsprechend der Belegung geregelt werden.

Die Turnhalle im Passivhausstandard stellt sich, auch wenn der Zielwert im Heizwärmebedarf von 17,5 Kilowatt pro Quadratmeter Geschossfläche, was 1,75 Liter Öl entspricht, noch nicht ganz erreicht ist, ökologisch und ökonomisch äußerst positiv dar, so Walter Hilger, Abteilungsleiter Bautechnik im Landratsamt München. So benötigt sie, bezogen auf die Gebäude des gesamten Förderzentrums, nur etwa zehn Prozent des Gesamtheizwärmebedarfs, obwohl die Geschossfläche 25 Prozent des gesamten Förderschulzentrums ausmacht. Dem erhöhten Kostenaufwand von fünf Prozent oder 127 000 Euro beim Bau der rund 2,3 Millionen Euro teuren Turnhalle steht eine jährliche Einsparung an Heizkosten von rund 4 000 Euro gegenüber.

Doch nicht nur die Kostenseite stellt sich, vor allem beim immer teurer werdenden fossilen Brennstoff, günstig dar, auch die Umweltbilanz ist überzeugend: Durch den Einsatz von Geothermie vermeidet die Stadt Unterschleißheim Schadstoffemissionen von jährlich rund 8 800 Tonnen Kohlendioxid und 7 000 Tonnen Stickoxid sowie 4 500 Tonnen Schwefeldioxid.

Das Geothermie-Konzept passt zu der Stadt vor den Toren Münchens, die mit rund 600 Unternehmen darunter Microsoft, EADS, BMW, Mobilcom und Serono Pharma sowie zirka 14 000 Beschäftigten zu den Top-Wirtschaftsstandorten des Landkreises München zählt. Dabei spielt innovatives Denken und Handeln eine wichtige Rolle, wie Bürgermeister Rolf Zeitler sagte. Mit dem Verein Innovative Community Unterschleißheim ICU, gegründet von Rolf Zeitler und namhaften Unternehmen aus der Stadt und Umgebung im Mai 2000, wurde ein Netzwerk geschaffen, das seine Fäden bis nach China spannt.

4,4 Kilometer lang wird die neue U-Bahnverlängerung von Garching-Hochbrück bis zum Forschungszentrum Garching. Mit rund 4 000 Beschäftigten und 8 500 Studenten der Technischen Universität München in fünf Fakultäten und zahlreichen Instituten der Ludwig-Maximilians-Universität ist das Forschungsgelände Garching eines der größten Zentren für Wissenschaft, Forschung und Lehre in Deutschland. "Von daher macht die U-Bahnverlängerung Sinn", sagte Dr. Christine Dendorfer, die Abteilungsleiterin für Wohnungswesen und Verkehr im Landratsamt München. Der Busverkehr sei mittlerweile an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen. Die Stadt Garching hatte bis 1995 keinen Anschluss an das ÖPNV-Schienennetz. Nach einem Finanzierungsvertrag zwischen dem Freistaat Bayern, der Stadt Garching und dem Landkreis München trägt der Freistaat 95 Prozent der zuwendungsfähigen Investitionskosten. Den Rest der Kosten teilen sich Landkreis und Stadt im Verhältnis zwei Drittel zu einem Drittel. Das heißt, der Landkreis München berappt bei Gesamtkosten von rund 163 Millionen Euro insgesamt 10,18 Millionen Euro. Auch am Fahrzeugkauf beteiligt sich der Partner-Landkreis. Die Höhe des Betriebskostendefizits, das anteilmäßig am Kreis München hängen bleibt, wird auf jährlich rund 800 000 Euro geschätzt. Im unverschuldeten Krisenfall hofft Janik auf den Freistaat zählen zu können.