Lokales

"Über die eigene Geschichte wird wenig gesprochen"

"Identität und Integration" beides möchte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bei jungen Spätaussiedlern gezielt fördern. An der Kirchheimer Volkshochschule läuft jetzt erstmals ein solcher Kurs, als ergänzendes, freiwilliges Angebot nach Abschluss des Integrationssprachkurses.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM "Das Ankommen in der neuen Heimat hängt von vielen Faktoren ab", schreibt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge über Ziele und Hintergründe der neuen Maßnahme. "Neben ausreichenden Sprachkenntnissen sind die Integration in den Arbeitsmarkt sowie die gesellschaftliche und soziale Eingliederung in das Wohnumfeld von entscheidender Bedeutung."

Anzeige

Für die ausreichenden Sprachkenntnisse hätte bereits der Integrationskurs sorgen sollen, in dem die Spätaussiedler über sieben Monate hinweg gemeinsam mit Einwanderern aus anderen Ländern 20 Wochenstunden Deutsch-Unterricht erhalten haben. "Am Ende des Integrationskurses sollen sie die Stufe B 1 erreicht haben", sagt Eva Vogelmann, die zuständige Fachbereichsleiterin an der Kirchheimer Volkshochschule. Diese Zielvorgabe sei allerdings in vielen Fällen zu hoch: "Das schaffen nur etwa zehn bis 15 Prozent. Wir haben auch hervorragende Leute in den Kursen. Aber sie entsprechen nicht dem Durchschnittsniveau. Sie sind eher herausragende Beispiele, die den anderen zeigen, was man lernen kann."

Was die Integration in den Arbeitsmarkt betrifft, bietet das Zusatzangebot für junge Spätaussiedler zwischen 18 und 27 Jahren an der vhs Möglichkeiten, die im eigentlichen Integrationskurs kaum stattfinden können. Ein wichtiger Bestandteil des neuen Kursmodells ist zum Beispiel das Bewerbertraining.

Sprachlich und kulturell haben Spätaussiedler mit der Bewerbung und dem Vorstellungsgespräch nämlich häufig ihre Probleme: Über Jahrzehnte hinweg war es in der Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten nicht notwendig, dass ein einzelner sich bei einem Arbeitgeber bewirbt, also Werbung für sich macht.

Das führte dazu, dass die Spätaussiedler jetzt nicht nur mit dem deutschen Vokabular zum Thema Bewerbung Schwierigkeiten haben, sondern mit diesen Begriffen ganz allgemein. "Die russische Sprache kennt diese Begriffe nicht", erklärt Wilhelm Marvan, einer der Kursleiter. "Durch den Eisernen Vorhang war alles blockiert, da ist die ganze Terminologie ausgeblieben."

Er selbst ist als Kursleiter dadurch prädestiniert, dass er sowohl Deutsch als auch Russisch beherrscht. Studiert hat er einst in der Sowjetunion, später in Deutschland. Und als gebürtiger Tscheche hat er sich dabei in beiden Staaten und in zwei völlig unterschiedlichen Gesellschaften integrieren müssen.

Dass die Arbeit ein ganz wichtiger Integrationsfaktor ist, konnte er feststellen, als einer der Teilnehmer seine Freundin in den Halbtags-Unterricht mitbrachte. "Sie arbeitet schon hier, als Krankenschwester", erzählt der Kursleiter und führt dann aus, was er dabei beobachtet hat: "Sie ist bereits gut integriert und fühlt sich in der deutschen Gesellschaft wohler. Sie ist auch viel ausgeglichener als die anderen. Die hängen hier noch ziemlich in der Luft."

Der jeweilige Grad der Integration ist natürlich auch entscheidend für die eigene Identität in der neuen Heimat. Und gerade um die Identität der Russlanddeutschen ging es im ersten Themenblock des neuen Kursmodells. Über diesen Block schreibt das Bundesamt, das die vom Bundesinnenministerium geförderten Kurse an geeignete Weiterbildungsträger vergibt: "Der erste Themenblock befasst sich mit der spezifischen russlanddeutschen Identität und den divergierenden Deutschlandbildern vor der Ausreise und nach der Ankunft. Hier setzen sich die Teilnehmer mit der Erfahrung auseinander, in Russland als Deutsche und in Deutschland als Russen betrachtet zu werden."

Zur besseren Identitätsfindung hat Wilhelm Marvan seine jungen Spätaussiedler erst einmal mit ihrer eigenen Geschichte vertraut gemacht: Von Katharina der Großen sind ihre Vorfahren Ende des 18. Jahrhunderts nach Russland gerufen worden, um das Land an der Wolga urbar zu machen. "Da sind lauter tüchtige und erfahrene Leute gekommen, die das Wolgagebiet zur Getreidekammer Russlands gemacht haben", erzählt der Kursleiter.

Nach der Oktoberrevolution 1917 habe sich für die Wolgadeutschen zunächst nicht viel geändert außer dass sie eben auch von der Kollektivierung betroffen waren. "Der entscheidende Schlag kam dann durch Stalin. Er hat sie der Kollaboration mit der Wehrmacht bezichtigt und sie in alle Himmelsrichtungen des sowjetischen Imperiums zerstreut." Stalin sei es bei dieser Vertreibungspolitik darum gegangen, mit der Sprache zugleich "das Hauptgut der deutschen Kultur zu vernichten".

Auch eine interne Auseinandersetzung mit der Geschichte fand nach den Zwangsumsiedlungen kaum mehr statt. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, wie Eva Vogelmann berichtet: "In den Familien wird eigentlich wenig über die eigene Geschichte gesprochen. Gerade diese jüngeren Leute konnten damals noch gar nicht mitdiskutieren, als die Ausreiseanträge gestellt wurden. Da waren sie ja noch Kinder."

Ein Problem mit der Identitätsfindung haben die Spätaussiedler auch dadurch, dass ihr Leben in Sibirien oder Kasachstan noch immer stark von der Landwirtschaft geprägt war wie vor mehr als 200 Jahren, als ihre Vorfahren an die Wolga kamen. "Weißt du, ich liebe die Pferde, ich war mit Pferden befreundet", hat ein junger Spätaussiedler seinem Kursleiter anvertraut. Wilhelm Marvan spricht deshalb von "gewissen Schizophrenien", die er an seinen Schützlingen beobachtet hat. Eva Vogelmann verweist außerdem auf Berufe wie Melkerin oder Traktorist, für die es in Baden-Württemberg keine direkte Verwendung gibt. Das belastet aber nicht nur die Psyche der Spätaussiedler, sondern erschwert auch ihre Integration in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft.

Dabei hat Wilhelm Marvan aber schon Vorstellungen von beruflichen Qualifikationen, durch die junge Spätaussiedler auf dem deutschen Arbeitsmarkt einmal einen ungeheuren Vorsprung haben könnten: "Die wirtschaftlichen Kontakte zum Rohstoffland Russland werden sich verstärken. Und hier sind dann schon Leute, die mit russischen Geschäftspartnern kommunizieren können."