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Über Scoubidou ganz locker den Kontakt zu Chinesen gefunden



IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Das Eis zum Schmelzen zu bringen zwischen chinesischer Lehrerin und schwäbischem Schüler, dazu bedurfte es an der Lenninger Realschule nicht viel. Eine schlichte Knüpftechnik reichte dazu aus. Nichts ahnend brachte Jin Hua, Lehrerin aus Shanghai, einige Seidenbänder aus ihrer chinesischen Heimat mit und traf damit voll ins Schwarze. Sie wollte den Schülerinnen und Schülern zeigen, wie man mit alter chinesischer Technik Bänder knüpfen kann und kam damit bestens an, denn diese Art der "Handarbeit" ist nichts anderes als der neueste Modetrend unter den Kids: Scoubidou. Ob Jungs oder Mädchen, alle ließen sich gerne die Technik zeigen, wie man Freundschaftsbänder, Schlüsselanhänger oder Ähnliches knüpft. Die Erklärungen dazu gab es lediglich auf englisch. "Die Schüler waren so begeistert bei der Sache, dass sie sich selbst mit mir auf Englisch unterhielten", erzählt Rose Gruner, Lehrerin an der Lenninger Realschule und Initiatorin des ungewöhnlichen Austausches zwischen der New Basic Education Experimental School in Shanghai und der Lenninger Realschule. "Der Zufall hat mir geholfen, dass alle begeistert waren und sich der europäische und asiatische Kulturkreis so spielerisch schließen konnte", freut sich die Kunstlehrerin.



Die in Grabenstetten lebende Künstlerin und Lehrerin Rose Gruner hat weiterhin enge Kontakte zu ihrer Heimatstadt Bad Urach. Dorothea Schnabel, eine Kollegin aus Urach, unterrichtet seit einiger Zeit an der deutschen Schule in Shanghai. Den beiden Frauen war schnell klar, dass sie "irgendetwas Praktisches" zusammen auf die Beine stellen wollten. Die Gemeinsamkeit beider Kulturen fand Rose Gruner von der Schwäbischen Alb zu der fernöstlichen Metropole schnell: Das Symbol des Drachens. "Wir leben hier im Land der Saurier und Drachen. Es gibt Märchen und Mythen über diese Fabelwesen, die sich wunderbar fächerübergreifend aufarbeiten lassen", kommt die Lehrerin schnell auf den pädagogischen Hintergrund zu sprechen.



Für ihre Idee, Kontakt zu China zu knüpfen, konnte Rose Gruner auch einige Kolleginnen begeistern. So zum Beispiel Elke Gaiser. Wie Rose Gruner ließ sie ihre Schüler im Kunstunterricht die verschiedenartigsten Drachen malen. Das Resultat ist in einer Ausstellung bis mindestens Ende September im Staatlichen Schulamt in Nürtingen zu sehen. Diese Ausstellung unter dem Titel "Drachenbilder eine deutsch-chinesische Kulturbegegnung" wurde schon international gezeigt. So zum Beispiel in der Deutschen Schule in Shanghai mit Originalen und Kopien sowohl von Schülern aus Lenningen, als auch aus der chinesischen Metropole. Bei der Eröffnung dieser Ausstellung im Lenninger Schlössle wurden zudem Geschichten von Drachen erzählt, die die Deutschlehrerin Hermine Merz "in Auftrag" gegeben hat. In Klangform setzten sich die Schülerinnen und Schüler mit der Thematik außerdem im Musikunterricht von Claudia Frenzel auseinander.



Im Februar war Rose Gruner nach Shanghai gereist, im Gepäck hatte sie eben jene Originale und Kopien der deutschen Schüler. Bei der Ausstellungseröffnung in Shanghai waren auch Lehrer der New Basic Education Experimental School zu Gast, die ihre deutsche Kollegin zu sich in die Schule einluden. "Aus einer Schulstunde sind dann plötzlich mehrere geworden. Ich habe über Symmetrie gesprochen, was in Shanghai auch ein wichtiges städtebauliches Element ist", erzählt Rose Gruner, die sowohl Kunst als auch Mathematik unterrichtet und somit ebenfalls in ihrem Element war. Statt 50 Kinder die übliche Klassenstärke in dieser Schule hörten ihr über 100 samt zahlreicher Lehrer interessiert zu. "Dabei gab es eine Überraschung. Ich hätte gar nicht auf englisch unterrichten müssen, schwäbisch verstanden dort viele chinesische Kinder", meint Rose Gruner lachend. Die Eltern dieser Kinder haben in Stuttgart studiert und einige von ihnen lebten über neun Jahre in der Landeshauptstadt. "Ich hätte also gar keinen Übersetzer gebraucht. Die Schüler haben gleich vom Chinesischen ins Schwäbisch übersetzt und umgekehrt", sagt Rose Gruner.



Als eine "Sache von unten", will die deutsche Lehrerin ihr Engagement verstanden wissen. Die Einladung nach Deutschland der beiden chinesischen Kollegen Jin Hua und Wang Jianyum brachte viel Arbeit mit sich, die sich schlussendlich ausgezahlt hat. "Eine Woche vor ihrer Ankunft war unklar, ob sie überhaupt fliegen dürfen", erzählt Rose Gruner. Viele deutsche Behörden machten sich für den Besuch stark und auch Klaus Erlenmaier, Rektor der Lenninger Realschule, schickte eine Einladung nach China.



Das Programm in Deutschland war für die chinesischen Besucher dichtgedrängt. Es reichte vom Spaziergang durch den Heidengraben in Grabenstetten und dem Besuch des Freilichtmuseums in Beuren über Informationsgespräche an der John-F.-Kennedy-Schule in Esslingen und beim Staatlichen Schulamt in Nürtingen bis hin zum Treffen im Kultusministerium. Dort fand mit Beate Wieland ein Gespräch über die Schulentwicklung im Bereich Kunst statt.



Doch auch auf anderer Ebene setzte sich die deutsch-chinesische Begegnung fort. Die chinesische Elternvertreterin war zu gleicher Zeit mit ihrem Sohn in Deutschland zu Gast. Der Zufall wollte es, dass deren Sohn Toni Wang im gleichen Alter ist wie Marlin Samson-Jurczik, der Sohn der Elternvertreterin an der Lenninger Realschule. "Die beiden verstanden sich prächtig und haben gleich ihre Internetadressen ausgetauscht", so Rose Gruner, die auf einen Fortbestand der jungen internationalen Freundschaft hofft. Schon in China hat die Lehrerin fleißig Mail-Adressen gesammelt. Die selbst gemalten Bilder wurden beispielsweise auf diesem Weg schon hin und her geschickt und so Kontaktmöglichkeiten für die Schüler geboten.



"Wir wollen die Schüler fit machen für die Zukunft. Dazu gehört auch Weltoffenheit", sind für Rose Gruner die tieferen Beweggründe für das Engagement der Schule. Sicherheit im Umgang mit dem Ungewohnten und Fremden soll den Jugendlichen dadurch vermittelt werden. Da viele deutsche Firmen schon mit chinesischen Unternehmen zusammen arbeiten oder Geschäfte machen, haften den schulischen Kontakten der beiden Länder für Rose Gruner nichts Exotisches an. "Es ist durchaus möglich, dass unsere Schüler in Shanghai oder in einer anderen Stadt in China arbeiten. Nach dem Job im Büro verbringen sie ihre Freizeit mit den Chinesen. Es ist für sie dann sicherlich problemloser, Kontakte mit Einheimischen zu knüpfen, da sie schon im Vorfeld den einen oder anderen Chinesen kennen gelernt haben", nennt Rose Gruner einen ihrer Gründe für ihre Risikobereitschaft, Neues zu wagen.



Immer wieder kommt sie auf die Kunst zu sprechen, die die Möglichkeit bietet, die Kulturen zu verbinden. "Es geht nicht nur um Ästhetik, sondern auch um das, was die Schüler innerlich bewegt. Durch die selbst gemalten Bilder nehmen sie Anteil aneinander und die deutschen Jugendlichen erfahren beispielsweise, dass Drachen in China Glücksbringer sind", sagt Rose Gruner.



Die Künstlerin Rose Gruner hat sich ebenfalls mit dem Thema China auseinandergesetzt. Einige der Resultate sind in der Feng-Shui-Autobahn-Raststätte Gruibingen zu sehen. Mit anderen Künstlern stellt die Lenninger Lehrerin dort ihre Werke noch bis zum 2. Oktober unter dem Titel "(T)reib-Art Kunst bewirkt Kommunikation" aus.

Jin Hua aus Shanghai zeigt Lenninger Schülerinnen und Schülern Scoubidou.