Lokales

Übernachtung in zwei alten Zugwaggons inklusive

Die 19-jährige Kirchheimerin Anja Honegger ist für ein halbes Jahr in Australien (wir berichteten). Sie schildert auf der Jugendseite des Teckboten ihre Eindrücke vom Leben im Outdoorcamp. Weitere Berichte aus dem "Busch" sollen in regelmäßigen Abständen folgen.

ANJA HONEGGER

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IRONBARK Seit einigen Tagen herrscht nach der langen Sommerferienpause auf dem Outdoorcamp Ironbark wieder Hochbetrieb. Vor Ankunft der neuen Schülergruppe gab es für uns Mitarbeiter in einer dafür gestalteten Mitarbeiterwoche viel zu tun, um das Anwesen, die Fahrzeuge, die Arbeitsgeräte und vieles mehr für etwa 50 Jugendliche wieder auf Vordermann zu bringen. Auf der anderen Seite wurde das Mitarbeiterteam in einigen theoretischen Einheiten weitergeschult. Daher gab es Unterricht in Sachen Kindererziehung, Aufsichtspflicht, Seelsorge, Mobbing, korrekte Vorgehensweise in Notfallsituationen, Gesundheit und Sicherheit auf Ironbark. Sehr interessant waren die Diskussionen zur Philosophie und dem Lehrcharakter unseres Outdoorcamps, worüber ich später noch etwas berichten werde. Außerdem konnten wir unseren "Erste-Hilfe-Kurs" auffrischen, wobei wir in einer Prüfung das Gelernte gleich unter Beweis stellen mussten.

Zum Ausgleich gab's für diejenigen Mitarbeiter, die Interesse daran hatten Gelegenheit, Unterricht im Reiten zu nehmen worauf ich mich sehr gefreut hatte. Für die Schüler stellt das Reiten einen relativ großen Teil ihres Ironbarkprogrammes dar, daher besitzen wir hier etwa zwölf Pferde und große Reitanlagen.

Besonders lustig waren speziell für mich die Proben der Rettungsmaßnahmen beim Abseilen und Klettern, da ich dabei das Opfer spielen durfte. Als neue Mitarbeiterin bekomme ich nun etwas verspätet auch meinen Mitarbeiterausweis mit Fotoidentifikation und gehöre somit offiziell zum Personal des St. Peter's Lutheran College. Nach dieser abwechslungsreichen Woche ging es also für alle Mitarbeiter wieder motiviert in das nächste fünfwöchige Programm.

Ein besonderer Aspekt der Abenteuererziehung von Ironbark ist "Cronins". Dieser eigentümliche Name steht für Ironbarks Anwesen namens "Cronins", auf dem ein zweitägiges Pionierprogramm stattfindet, an welchem jeder der Schüler innerhalb seiner fünf Wochen auf dem Campus teilnimmt. Früh morgens habe ich mich, ausgestattet mit Funkgerät und Erste-Hilfe-Tasche, die Mitarbeiter immer und überall bei sich haben müssen, mit 18 Jugendlichen auf den etwa einstündigen Fußmarsch nach Cronins gemacht. Im Prinzip besteht die Anlage aus zwei alten Zugwaggons, in denen man übernachtet, einer großen Scheune als Überdachung, zwei rustikalen Toiletten und einem Küchen-beziehungsweise Lagerfeuerbereich. Die Idee ist, den Schülern das totale "back to basics"-Leben etwas näherzubringen. Elektrizität und jeglichen Komfort gibt es nicht. Trotzdem oder genau deshalb sind diese zwei Tage für die meisten Jugendlichen das absolute Ironbark-Highlight. Auf Cronins angekommen werden zunächst Regeln erklärt, die Waggons bezogen und Arbeitsgruppen eingeteilt, welche dann mit ihren Aufgabenbereichen durchwechseln.

Die Gruppe "work" ist für alle anfallende Arbeit, wie zum Beispiel Beschaffung von Feuerholz, Zäune nach dem Waldbrand neu errichten, Äckerpflügen und vieles mehr zuständig.

Der Aufgabenbereich der zweiten Gruppe ist das Kochen. Einziges Hilfsmittel dazu sind Lagerfeuer und gusseiserne "camp-ovens". Mit "camp-ovens" wurde sowohl früher als auch noch heute vor allem im Outback gekocht. Ein Ofen besteht aus zwei gusseisernen Schalen, wobei eine als Boden, die andere als Deckel dient. Heiße Kohlen unter und über dem Ofen sorgen dafür, dass man wirklich unvorstellbare Gerichte darin kochen oder sogar backen kann. Diese Arbeit ist jedoch körperlich sehr ermüdend. Ständig muss neues Holz aufs Feuer geleget werden, damit immer genügend heiße Kohle vorhanden ist, um in den "camp-ovens" zu backen. Etwa alle Viertelstunde muss dann die Kohle unter und über die Öfen geschaufelt werden, um eine konstante Hitze zu erhalten. Die Jugendlichen sind daher jedes Mal wahnsinnig begeistert und über ihren Erfolg überrascht, wenn sie ihre selbst gebackenen Kekse, Kuchen, Brote, Pies, Aufläufe und vieles mehr aus dem Lagerfeuer holen.

Die Schüler der dritten Gruppe verbringen während der "quiet time" jeweils zwei Stunden alleine an einem gewissen Ort im Busch. Es wäre wünschenswert, wenn sie dabei ihre Zeit auf Ironbark reflektieren, wobei eine Zeichnung irgendeines Gegenstands der Umgebung sogar verlangt wird. Zwei Stunden mögen sich vielleicht nicht besonders lange anhören, doch sie dienen als Vorbereitung auf die "Solocamps" der Schüler, die in der darauffolgenden Programmwoche stattfinden. Dabei müssen sie optional 12 oder 24 Stunden alleine verbringen und bei der längeren Variante sogar eine Nacht im Busch campen. Gleichzeitig ist es sehr hilfreich für die Mitarbeiter, die Schüler bei der zweitstündigen Probe ihres Solos zu beobachten. Manche treffen sich und reden miteinander, was natürlich nicht Sinn der Sache ist. Dabei merken die Jugenlichen leider nicht, dass sie sich damit eigentlich selbst um eine Erfahrung bringen. Nach der Ideologie Ironbarks soll ihnen einfach die einmalige Chance gegeben werden, gewisse Grenzerfahrungen zu machen, wozu sie im "normalen Leben" nicht kommen. Ob sie diese Herausforderung annehmen, bleibt den Schülern selbst überlassen. Solches unerwünschte Verhalten jedoch schließt sie natürlich sofort fürs lange Solo aus. Wir können nur Schüler für 24 Stunden alleine in den Busch schicken, wenn wir ihnen zumindest zwei Stunden vertrauen können. Die Gefahr für neue Buschfeuer, zum Beispiel auf Grund von nicht sorgfältig gelöschten Lagerfeuern, ist einfach zu groß.

Genau dieses Prinzip des Vertrauenschenkens und Herausforderungen anbieten findet auf Ironbark oft Anwendung. Wenn manche Schüler zum Beispiel auf den langen Wanderungen ihren schweren Rucksack nicht tragen wollen, dann wird er zur Campingstelle gebracht. Es ist ihre Entscheidung, sich der einmaligen Erfahrung zu entziehen, körperlich an die Grenzen zu kommen. Da ihnen diese Freiheit gelassen wird, kommt es tatsächlich auch recht selten vor, dass jemand seinen Rucksack nicht tragen möchte.

Zum Ausgleich und zur Freude der Schüler geht es nachmittags als Highlight von Cronins gemeinsam noch in der Schlucht des Nationalparks schwimmen und abends werden am riesigen Lagerfeuer traditionelle, australische Country-Lieder gesungen. Manche Dinge auf Cronins sind auch für mich eine große Herausforderung. Schließlich muss ich mich selbst erst einmal an die Arbeit dort und die primitiven Umstände gewöhnen, bevor ich danach die Schüler dabei unterstütze und darin unterrichte. Trotzdem sind diese zwei Tage für mich und vor allem für die Jugendlichen ein echtes Ironbark-Highlight.

Insgesamt verbleiben mir hier in Australien nun noch etwa zwei Monate, denen ich mit viel Abenteuerfreude und Spannung entgegen sehe.