Lokales

Überraschung am Tag danach

Finanzbürgermeister Bertram Schiebel will künftig Geschichte studieren – Zieger bedauert Rückzug

Im Esslinger Rathaus war am Montagmorgen noch die Oberbürgermeisterwahl das wichtigste Gesprächsthema, als plötzlich eine ganz andere Nachricht die Runde machte. Mit seiner Erklärung, er werde mit Ablauf seiner zweiten Amtszeit im Dezember das Rathaus verlassen, stand nun Finanzbürgermeister Bertram Schiebel (SPD) im Mittelpunkt.

Bertram Schiebel ist in der Abt-Fulrad-Straße auf dem Sprung. Seit 16 Jahren arbeitet er in diesem Gebäude. Die Bilanz fällt aus
Bertram Schiebel ist in der Abt-Fulrad-Straße auf dem Sprung. Seit 16 Jahren arbeitet er in diesem Gebäude. Die Bilanz fällt aus seiner Sicht positiv aus. „Ich schaue zufrieden auf die erreichten Erfolge zurück“, sagt er.Foto: Roberto Bulgrin

Esslingen. Mit seinem Rückzug hat fast niemand gerechnet. Entsprechend groß war das Rätselraten über Motive. Oberbürgermeister Jürgen Zieger (SPD) mochte sich daran öffentlich nicht beteiligen. Er beschränkte sich darauf, sein Bedauern zu äußern: „Die Stadt verliert einen bestens qualifizierten Fachmann.“ Ähnlich äußerten sich später die Fraktionen im Gemeinderat.

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Spekulationen über seine Beweggründe hat Schiebel zuvor mit grundsätzlichen Überlegungen zur politischen Kultur angeheizt. „Ich halte die Regelung der amerikanischen Verfassung für klug, die Präsidenten nur eine einmalige Wiederwahl zugesteht. In dieser Konsequenz sehe ich von einer erneuten Bewerbung ab“, heißt es in einer persönlichen Erklärung. Er findet kritische Worte für Selbstbezogenheit und für die Folgen, die entstehen, wenn zu viel Macht mit einem Amt verbunden ist. Auf die Frage, ob diese Überlegungen auf Jürgen Zieger gemünzt sind, antwortet Schiebel ausweichend. Auch den Ausgang der Wahl vom Sonntag will er nicht kommentieren. Den Termin für seine Erklärung, so verrät er immerhin, hat er mit Bedacht gewählt. „Ich wollte meine Personalie und die Entscheidung über den OB zeitlich entflechten.“

Das Beamtenrecht erlaubt es dem Juristen aus Rottenburg, mit 58 Jahren vorzeitig in Rente zu gehen. 35 Jahre im öffentlichen Dienst werden ihm angerechnet. Weitere Voraussetzungen erfüllt er, weil er mit 16 Jahren als Wahlbeamter schon vier Jahre länger als gefordert im Dienst ist. Abschläge kann er verkraften.

Beim Verzicht auf eine dritte Amtszeit hat der Wunsch nach einer neuen Herausforderung eine wichtige Rolle gespielt. „Wenn ich noch einmal antreten würde, wäre ich 66 Jahre am Ende meines Berufslebens und damit zu alt für ein Studium.“ Während seine Ehefrau weiter arbeitet, folgt Schiebel dem Beispiel seiner studierenden Söhne. Auch Schiebel will sich im nächsten Jahr einschreiben. Sein Interesse gilt der Geschichte, wobei noch offen ist, ob die Wahl auf Stuttgart oder Tübingen fällt.

Im Rathaus richten sich die Blicke jetzt auf die SPD. Weil die politischen Kräfte nach der Gemeindeordnung ihrer Stärke gemäß das Vorschlagsrecht für die Bürgermeister besitzen, ist sie am Zug. Das sehen auch CDU und Freie Wähler so, die mit Markus Raab von der CDU (Soziales, Kultur, Ordnung) und Wilfried Wallbrecht (Technisches Dezernat) im Rathaus vertreten sind. Unzufrieden zeigt sich Carmen Tittel von den Grünen. Wie schon in der Vergangenheit plädiert sie dafür, die drei Bürgermeisterposten in einem rollierenden Verfahren zu vergeben. Sie weiß aber, dass die Grünen als kleinste der vier Fraktionen vorerst keine Chancen haben, an der bisherigen Praxis etwas zu ändern.

Andreas Koch, Vorsitzender der SPD-Fraktion, hat sich noch nicht über mögliche Kandidaten geäußert. Er beschränkte sich auf die Aussage: „Schiebel hinterlässt eine riesengroße Lücke. Es wird nicht einfach, ihn zu ersetzen.“ Koch dankt dem Parteifreund für die Arbeit im Finanzdezernat, im Klinikum und im Verkehrsbetrieb. Zu Spekulationen über Schiebels plötzlichen Abschied äußert er sich nicht. Koch empfiehlt nur, „in diese Sache nichts hineinzulesen“. Jeder Mensch habe das Recht, sein Leben neu zu planen.

Schiebel versichert unterdessen, dass er sich in den drei letzten Monaten seiner Amtszeit nicht schonen will. Spannend könnte es werden, wenn er in zwei Wochen den Entwurf für den Haushalt 2015 erläutert. Der scheidende Bürgermeister deutet an, dass er dann noch einmal über den Tellerrand hinausblicken wird. Auch die Vorlage für die Zukunft des Städtischen Verkehrsbetriebs gilt es fertigzustellen. Das Ziel ist klar: Das Defizit von heute vier Millionen Euro soll reduziert werden. Offen lässt Schiebel, ob er sein Mandat im Kreistag weiter wahrnimmt. „Das überlege ich mir noch.“