Lokales

„Um der Schönheit des Fliegens willen“

Die Kirchheimer Fliegergruppe Wolf Hirth ehrte gestern mit einer Gedenkfeier ihren Namengeber am Tag nach dessen 50. Todestag

Mit einer Gedenkfeier ehrte die Kirchheimer Fliegergruppe Wolf Hirth gestern ihren Namenspat­ron: Am Hörnle enthüllten der Sohn und der Großneffe Wolf Hirths den neu gestalteten Gedenkstein. Auch auf der Kirchheimer Hahnweide erinnert seit gestern eine Gedenktafel an den großen Flugpionier.

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Andreas Volz

Bissingen. Auf „fremdem Terrain“ begrüßte Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker am Hörnle unterhalb der Teck zahlreiche Gäste, die sich dort zu Ehren Wolf Hirths versammelt hatten. Besonders beeindruckt zeigte sie sich von Wolf Hirths zwölftem Gebot für Segelflieger, das der Teckbote am Samstag auf seiner Sonderseite zum 50. Todestag des Flug- und Motorsportlers, Konstrukteurs und Geschäftsmanns veröffentlicht hatte: „Man muß euch Segelflieger nicht nur an den weißen Möwen auf blauem Grunde erkennen, sondern an dem helleren, freien Blick, der immer hilfsbereiten Kameradschaft, dem völligen Mangel an Eitelkeit und kleinlicher Gesinnung. Dann werdet ihr euch überall unter den Völkern finden und verbinden, werdet ihr der Anfang eines neuen Adels sein und zugleich die ersten Bürger einer freien, friedlich vereinten Welt.“

Anschließend warf Dr. Stefan Blumenthal etliche Schlaglichter auf das ebenso arbeits- wie ereignisreiche und abenteuerliche Leben seines Großonkels Wolf Hirth. 1911 habe der damals Elfjährige die fliegerischen Erfolge seines großen Bruders Hellmuth im Beisein der württembergischen Königsfamilie miterlebt. Der berühmte Konstrukteur Ernst Heinkel war ebenfalls zu Gast bei diesem Flugtag auf dem Cannstatter Wasen und notierte später, dass Wolf Hirth damals wohl noch nicht ahnte, „dass aus ihm einmal der berühmteste Segelflieger werden wird“.

Wolf Hirths Leben ist umrankt von legendären Ereignissen wie der ersten Teilnahme am Rhön-Wettbewerb 1920, als er mit dem Motorrad wieder nach Hause fuhr. Dort stellte er in Rekordzeit ein Flugzeug fertig, mit dem er schließlich noch am laufenden Wettbewerb teilnehmen konnte.

Daran erinnerte der Großneffe gestern ebenso wie an Wolf Hirths spektakuläre Flugvorführungen in den USA oder in Japan. Immer wieder streute Stefan Blumenthal dabei Anekdoten ein, die seinen Zuhörern den Menschen Wolf Hirth näher brachten.

Über seinen Erfolg in Japan, wo er 1935 sogar von Kaiser Hirohito empfangen worden war, schrieb Wolf Hirth etwa, wie sehr er sich über die vielen Menschen wunderte, die ihn und seinen Flug fotografierten: „Die Fotohandlungen in Tokio müssen an diesem Tag sehr gute Geschäfte gemacht haben.“

Nach einem Flug, der Wolf Hirth 1938 über eine Gesamtstrecke von 13 000 Kilometern nach Südafrika führte, bemerkte er, dass eine solche Reise bei guter Vorbereitung „in der Tat kein Wagnis mehr“ darstelle. Dabei erlebte Wolf Hirth so manche brenzlige Situation. So berichtete sein Großneffe von einem Motorflug, der 1929 von Mailand nach Kairo hätte führen sollen. Nach acht Stunden habe die Benzinpumpe aber kein Benzin mehr transportiert. Wolf Hirth schrieb im Nachhinein: „Es war mir gar nicht mehr wohl in meiner Haut.“ Seine Brillengläser waren in dieser Situation beschlagen – „obwohl ihnen das in meinem Führerschein ausdrücklich verboten ist“. Er hat dann langsam und bedächtig einen Apfel gegessen und dabei „klar und kalt“ über seine Lage nachgedacht. Das führte schließlich zur erfolgreichen Notlandung in Brindisi.

Preise und Rekorde im Segel- und im Motorflug sowie im Motorradsport ließ Stefan Blumenthal so wenig unerwähnt wie den zweifachen Gewinn des Hindenburg-Pokals oder die Verleihung der Lilienthal-Medaille. Als Unternehmer und Konstrukteur war Wolf Hirth mit seinem Partner Martin Schempp gleichermaßen erfolgreich wie als Erforscher der Thermik. Privates hatte in der Laudatio ebenfalls Platz: Seinen Neffen, den Vater Stefan Blumenthals, beispielsweise hat Wolf Hirth vor den Verfolgungen der Nationalsozialisten geschützt. Seine Tatkraft muss wirklich enorm gewesen sein. Sie war selbst nach der Amputation des linken Beins nach einem Motorradunfall im Jahr 1925 durch nichts zu bremsen.

Nicht zu vergessen sind Wolf Hirths Erfolge als begeisterter und begeisternder Fluglehrer. So zitierte Stefan Blumenthal den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss, der seine Arbeit für eine Minute unterbrach, als er erfuhr, dass Wolf Hirth am 25. Juli 1959 beim Landeanflug auf Dettingen gestorben war: „Ich habe ihn in seiner klaren, erzieherischen Art geliebt.“ Diese erzieherische Art Wolf Hirths kommt auch in vielen seiner eigenen Zitate zum Segelfliegen zum Ausdruck. Mit einem davon beendete Stefan Blumenthal am Hörnle seinen Vortrag über den Großonkel: „Wir wollen fliegen, um der Schönheit des Fliegens willen.“