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Umringt von "super netten" Oranjes und anderen Schlachtenbummlern

BISSINGEN Friederike Siegler, 21, ist umringt von begeisterten Oranjes. Klick-klack. Das Gruppenfoto vor dem WM-Spiel Holland Elfenbeinküste im Stuttgarter Daimlerstadion ist im Kasten. Schließlich ge-

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RICHARD UMSTADT

hört es zur ehrenamtlichen Hauptaufgabe der 21-jährigen Sportökonomie-Studentin aus Bissingen, freundlich und hilfsbereit zu sein. Auch wenn's um ein Gruppenbild mit Dame geht. Friederike Siegler ist eine von rund 1 000 Volunteers, die während der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland die Fans betreuen, die zu den sechs WM-Spielen in die Stuttgarter Begegnungsstätte kommen.

Die fußballbegeisterte junge Frau bewarb sich im Herbst vergangenen Jahres übers Internet bei der Fifa und hatte Glück. Sie darf die blaue WM-Uniform der Volunteers tragen. "Durch einen Kommilitonen, der beim Confederations-Cup Helfer war, bin ich auf die Idee gekommen, mich zu bewerben," erzählt sie. "Ich wollte unbedingt bei dieser internationalen Großveranstaltung hautnah dabei sein."

Diesen Wunsch erfüllten ihr die Veranstalter. Friederike Siegler ist im Bereich Sicherheit tätig. Darauf vorbereitet wurde sie in einer Schulung. Sie lernte dabei das Fifa-korrekte Verhalten gegenüber Fans aus aller Welt ("Zu Gast bei Freunden") und in besonderen Situationen kennen und erhielt eine Stadionführung.

Fünf bis sechs Stunden vor Spielbeginn haben sich die Helferinnen

O:9020603.JP_und Helfer in der Schleyerhalle, dem Stuttgarter Volunteerscenter, einzufinden. Ihre jeweiligen Termine erfährt die Studentin per E-Mail. Beim gestrigen Spiel Spanien gegen Tunesien kam sie in der Cannstatter Kurve zum Einsatz. Das heißt für die Bissingerin, die auch Spanisch und Englisch spricht, drei Stunden vor Spielbeginn den Fans zu sagen, wo's im Stadion lang geht, welchen Eingang sie nehmen müssen, aber auch für alle anderen Fragen parat zu stehen. Dafür gehört sie im Sicherheitsbereich zu den so genannten Info-Volunteers. "Es ist wichtig, freundlich auf die Leute zuzugehen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, willkommen zu sein."

Dies scheint bisher gelungen zu sein, denn nicht nur Friederike Siegler ist begeistert von der guten Stimmung im Stadion und im schwäbischen Metropölchen, dem "Tor zur Welt". "Die Fans sind super nett und unkompliziert," macht sie vor allem den holländischen Oranjes ein dickes Kompliment.

"Und verständnisvoll und geduldig waren sie auch, als vergangene Woche das System ausfiel," berichtet Anette Weil, 33, die ebenfalls aus Bissingen kommt und sich wie Friederike Siegler mit Erfolg als Volunteer in Stuttgart bewarb. Sie nimmt im Rahmen der Einlasskontrolle die Tickets an den durch Drehkreuzen gesicherten Durchgängen im Gottlieb-Daimler-Stadion entgegen und checkt diese mit Hilfe eines elektronischen Prüfsystems. Als dieses kurzfristig den Geist aufgab, mussten Anette Weil und ihre Kolleginnen und Kollegen nach alter Väter Sitte die Karten von Hand abreißen. Problemfälle schickt sie zum Servicepoint. "Bei einem Fan war das Ticket total zerknittert. Da schaltete das System auf rot."

Die 33-jährige gelernte Steuerfachgehilfin und Bilanzbuchhalterin war bereits 1993 bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Stuttgart und 2002 bei der Leichtathletik-EM in München als Helferin aktiv. "Das war beides Mal eine tolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte," erinnert sich Anette Weil. Ein Grund mehr für die sportbegeisterte Bissingerin, bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland nicht nur vor der Glotze zu sitzen, sondern dabei zu sein, mit zu helfen und die super Atmosphäre im Stadion mit zu erleben. "Es ist ohnehin mehr Vergnügen als Arbeit," meint Anette Weil, obwohl einige Freunde zunächst nicht verstehen konnten, dass sie dafür extra Urlaubstage opfert.

Jedenfalls bereuten es weder Friederike Siegler noch Anette Weil bisher, sich als Fifa-Volunteers zur Verfügung gestellt zu haben. "Durch die Uniform, die wir auch auf der Fahrt ins Stadion tragen, hat sich so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl unter den Helferinnen und Helfern entwickelt. Man lernt sehr viele Leute kennen und jedem macht's Spaß," sind die beiden Bissingerinnen von ihrem weltmeisterschaftlichen Job im Daimler-Stadion überzeugt. Und wenn ihre Kondition noch ausreicht, dann machen sie nach dem Dienst in Stuttgarts Innenstadt auch schon mal die Nacht zum Tage. Gemeinsam mit Oranjes in orangefarbenen Häubchen, Bastzöpfen, weißen Blusen und blauen Röcken, Schweizer Fans mit Kuhglocken und Lederhosen, Trommler von der Elfenbeinküste, Fußballnarren von der iberischen Halbinsel feiern sie den Sieg, die Niederlage, das gute Wetter, die super Stimmung oder einfach nur eine feuchtfröhliche After-Work-Party unter Gleichgesinnten. Genug gearbeitet, freiwillig bis drei Stunden vor Anpfiff zum nächsten Spiel.