Lokales

Umstieg auf ambulante Behindertenhilfe

Die Behindertenhilfe ist der kostenträchtigste Bereich im Sozialhaushalt des Landkreises Esslingen. 46 Millionen Euro Eingliederungshilfe gibt der Kreis jährlich für knapp 1800 behinderte Menschen aus. Die Zahl der Behinderten wächst, mit ihnen die Ausgaben. Laut Unternehmensberatung Kienbaum sind erhebliche Einsparungen möglich, wenn verstärkt von stationärer auf ambulante Betreuung umgeschaltet wird.

ROLAND KURZ

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KREIS ESSLINGEN 30 Prozent der stationär untergebrachten Menschen könnten langfristig ambulant versorgt werden, sagen die Gutachter. Ambulant betreutes Wohnen kostet bis zu 14 000 Euro jährlich, für stationäre Unterkunft muss pro Person zwischen 20 000 und 40 000 Euro bezahlt werden. Der Landkreis könnte 2,5 Millionen Euro sparen, wenn 20 Prozent der stationär betreuten Behinderten ambulant versorgt würden, sagen die Gutachter. Damit könnten die Folgen steigender Fallzahlen gedämpft werden.

Nur unter dem Kostenaspekt will man das Thema auf dem Landratsamt nicht betrachten. Es gehe auch um "selbstbestimmte Teilhabe" der behinderten Menschen, sagt Kristin Schwarz-Henle, Leiterin des Amtes für besondere Hilfen. Man wolle zwar die Quote von 22 Prozent ambulanter Wohnformen erhöhen, aber man müsse die Sache differenzierter betrachten. Bei seelisch behinderten Menschen habe man schon einen hohen Anteil ambulant betreuter Wohnformen.

Für geistig behinderte Menschen gab es dagegen 1992 noch keinen einzigen Platz im ambulanten Wohnbereich, inzwischen sind es 25 Plätze. Bis 2010 wolle man das Angebot mindestens verdreifachen, so Nora Burchartz, Behindertenhilfe- und Psychiatrieplanerin des Landkreises. Die Zielrichtung ergebe sich aus der Befragung der behinderten Menschen selbst. Auch Eltern behinderter Kinder fordern die "gesellschaftliche Teilhabe" ein, sprich Aufnahme in Regelkindergarten und Regelschule.

Die Einrichtungen seien überwiegend zu dieser Umstellung bereit, so Burchartz, doch es gebe auch Ausnahmen. Ende April werden sich amtliche Planer mit Vertretern der Einrichtungen zusammensetzen, um ein Konzept für ambulantes Wohnen zu erarbeiten. Die Heime könnten Gebäudeteile umwidmen, glaubt Schwarz-Henle. Durch ambulant betreute Wohnformen könne man den Bau neuer Heime vermeiden, die auf Grund steigender Fallzahlen notwendig würden. Ohne große Behindertenzentren habe der Kreis Esslingen eine relativ gute Basis für den Umbau der Betreuungsformen, meint Burchartz.

Viele behinderte Menschen aus dem Kreis Esslingen sind in der Diakonie Stetten oder dem Bruderhaus Reutlingen untergebracht. Für diese Zentren wird der Umbau nicht einfach sein. Es gehe aber nicht um Rückholaktionen, betont Schwarz-Henle, sondern um Angebote für neue Hilfeempfänger.

Der Umstieg auf ambulantes Wohnen brauche "begleitende Strukturen" im Alltag behinderter Menschen, betont Burchartz. Das sind etwa die familienentlastenden Dienste und die Tagesstätten. Im Grunde müssten die Wege zu allen kommunalen Institutionen freigemacht werden, zur Volkshochschule und zu jedem Verein. Netzwerke schaffen, lautet auch hier die Zauberformel. Lange Zeit habe man das Gegenteil gemacht, sagt Burchartz, nämlich Einrichtungen auf der grünen Wiese gebaut. Um die Verantwortung und die Möglichkeiten der Kommunen zu verdeutlichen, wird derzeit eine Fachtagung vorbereitet: "Neue Wege in die Gemeinde für Menschen mit Behinderung".

Mit dem Wechsel zu ambulanten Formen treten Begriffe wie "Beheimatung" und "stellvertretende Verrichtung" in den Hintergrund. Was kann und was braucht der einzelne behinderte Mensch? Diese Fragen sind für Planerin Burchartz die Richtschnur. Dass die Eingliederungshilfe 2005 vom Landeswohlfahrtsverband an den Landkreis überging, scheint die personenbezogene Betrachtung vereinfacht zu haben. Ein landeseinheitlicher Rahmen genügt, meint Schwarz-Henle, die einst beim LWV beschäftigt war und damals gegen den Wechsel der Zuständigkeit schrieb.

INFOVon 60 000 behinderten Menschen im Kreis Esslingen erhalten 1792 Eingliederungshilfe. Die finanzielle Unterstützung fängt bei Integrationshilfen im Kindergarten an, geht über Sonderschulen, Familienpflege, bis zur Heimunterbringung und zur Arbeit in Behindertenwerkstätten. Von 1048 Leistungsempfängern im Bereich Wohnen (507 geistig Behinderte, 186 körperlich Behinderte, 355 seelisch Behinderte) leben 559 außerhalb des Landkreises. 821 erwachsene Menschen leben in Einrichtungen der Behindertenhilfe (78 Prozent), 227 in ambulant betreuten Wohnformen. Bei den ambulanten Wohnformen überwiegt der Anteil der seelisch behinderten Menschen mit 82 Prozent.