Lokales

Umwelt, Umfeld, Landschaft und Gemeinde gestaltet

Mit einem Festakt feierte der Jesinger Obst- und Gartenbauverein (OGV) sein 75-jähriges Bestehen. Zahlreiche Gratulanten zollten der Leistung des Vereins Respekt.

ANNA ROSS

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KIRCHHEIM Alles war angerichtet. Der Saal der Jesinger Gemeindehalle spiegelte den Geist des Vereins wider, der hier sein großes Jubiläum feiern konnte. Orangefarbene Karotten, gelbe Kürbisse, grüne Äpfel, ganze 22 Sorten. Dies und noch mehr Obst und Gemüse in allen Formen und Farben war vor der Bühne arrangiert. Im Hintergrund prangte das Motto "Gartenkultur fördern, Landschaft bewahren". Dieser Leitspruch steht mit für die Geschichte des Verein.

Bei der Gründung des Obstbauvereins Jesingen am 5. Oktober 1930 bestand das Hauptziel in der "Pflege, Förderung und Ausdehnung eines den klimatischen und den Bodenverhältnissen des Ortsbezirks Rechnung tragenden, wirtschaftlichen Obstbaus", wie es im Geleitwort zur Gründung heißt. So beteiligte sich der anfangs 47 Mitglieder zählende Verein erfolgreich an Obstausstellungen auf Bezirks- und Ortsebene. Dabei waren im Jahr 1931 sage und schreibe 120 verschiedene Apfel- und Birnensorten zu bewundern. Die Vereinsaktivitäten beinhalteten unter anderem die Anlage des Vogelschutzgehölzes am Schinderwasen (1933) und gemeinschaftliche Baumspritzaktionen (ab 1936).

Der Zweite Weltkrieg brachte zuerst einen Stillstand der Vereinsaktivität mit sich, 1947 jedoch erfolgte die Wiederaufnahme der Tätigkeit und eine Umorientierung, denn die Nachkriegszeit machte es buchstäblich unabdingbar, "die Früchte seiner Arbeit zu ernten", wie der Erste Vorsitzende des OGV, Ernst Wolf, anmerkte. Somit rückte die Optimierung der Lebensmittelversorgung und damit der Gartenbau ins Zentrum des Interesses und der nunmehr neu benannte "Obst- und Gartenbauverein Jesingen" wirkte durch Sommer- und Winterschnittkurse sowie Fachvorträge als unterstützende Kraft mit.

Doch im Laufe der Zeit vollzog sich eine weitere Trendwende. Man bewegte sich zunehmend weg vom Nutz-, hin zum Ziergarten und aus der ertragsorientierten Bebauung entwickelte sich eine eher hobbymäßige Beschäftigung mit Garten und Wiese. Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker ging in ihrer Lobrede vor allem auf die Leistungen des Vereins in diesem Bereich ein. So trage er beispielsweise durch die seit 1961 regelmäßig stattfindenden Blumenschmuckwettbewerbe "zur Verschönerung unserer Heimat" bei. Auch in diesem Jahr wurden Jesinger Privatgärten im Rahmen des Wettbewerbs auf Pflegezustand, Farben und Gesamteindruck bewertet. Von den 90 Preisträgern freuten sich wohl Anneliese Stolz sowie Heidelore und Karl-Martin Kufner am meisten, da ihr Blumenschmuck den ersten Platz belegte.

Die Kirchheimer Oberbügermeisterin verwies weiterhin auf die zahlreichen Rundgänge und Lehrfahrten sowie auf Veredelungs-, Schnitt- und Pflanzenschutzkurse, mit denen der Verein "aktiv zum Umweltschutz, Naturschutz und Artenschutz" beitrage. Als wichtige Aufgabe komme dem OGV Jesingen auch die Erhaltung alter Obstsorten wie "Gwürzluiken" oder "Brettacher" zu. Ihren Dank im Namen von Rat und Stadt Kirchheim untermauerte Angelika Matt-Heidecker durch die Übergabe eines Schecks in Höhe von 525 Euro. Darüber hinaus überreichte sie einen weiteren Scheck in gleicher Höhe ein Jubiläumsgeschenk der Wilhelm-Narr-Stiftung. Beides, so das Oberhaupt der Teckstadt, möge der Verein "zu Gunsten der Natur einbringen".

Auch Ulrich Rieker, Vorsitzender des Landesverbandes für Obstbau, Garten und Landschaft (LOGL), lobte die Verdienste des Jesinger Obst- und Gartenbauvereins. Er habe dazu beigetragen, "Umwelt, Umfeld, Landschaft und Gemeinde positiv zu gestalten". Diesem Urteil schloss sich der Jesinger Ortsvorsteher Hans Gregor an. Er betonte das Bedürfnis des Menschen nach einer Oase der Ruhe und Kraft, die er nicht nur im "so wunderschön geschmückten Saal" sehe, sondern auch in der 75-jährigen Tätigkeit des OGV. Durch die Arbeit zum Erhalt der Streuobstwiesen, die einer Vielzahl von Tieren und Pflanzen Lebensraum bieten, erwiesen sich "unsere Obstanbauer vor allem auch als Naturschützer", die nicht zuletzt durch ihren "starken Arm und durch die Zähne ihrer Baumsäge unsere Landschaft schufen".

Die Kontinuität der Vereinstätigkeit symbolisierten vor allem auch die Mitglieder, die aufgrund ihres langjährigen Engagements mit silbernen oder goldenen Ehrennadeln ausgezeichnet wurden. Eine Fortsetzung dieses dauerhaften Engagements wünschten sich Laudatoren und Zuschauer gleichermaßen. So bezeichnete beispielsweise Hilde Stolz, die schon lange in Jesingen lebt, die Arbeit des OGV als "für die ganze Region maßgebend". Ebenso Lina Denner, die aus Neidlingen kam, um der Jubiläumsfeier beizuwohnen: "Die Leut' braucht mer, dass alles erhalten bleibt". Tatsächlich sieht auch Schriftführer Mario Drexler die zukünftige Hauptaufgabe des Obst- und Gartenbauvereins Jesingen in fortwährender Beratertätigkeit vor allem bei den Themen Anbaumethoden und Umweltschutz. In jedem Fall aber mache das rege Interesse, das bei der Jubiläumsfeier gezeigt wurde, Hoffnung auf die Zukunft: "Das motiviert unheimlich".