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"Umwelttechnologie ist das Wachstumsfeld der Zukunft"

Politik versteht er immer noch frei nach dem Soziologen Max Weber als das stetige Bohren dicker Bretter, und so wie es nach der Nominierungsveranstaltung von Bündnis 90/Die Grünen aussieht, bohrt Winfried Kretschmann auch noch eine Weile weiter. Am Montagabend kürten ihn die Mitglieder des Wahlkreises Nürtingen-Filder in der Alten Seegrasspinnerei zu ihrm Kandidaten für die Landtagswahlen im nächsten Jahr.

UWE GOTTWALD

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NÜRTINGEN Die Wahl des Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Landtag galt als sicher, war er doch im Vorfeld von den Landes-Grünen bereits als offizieller Spitzenkandidat vorgeschlagen worden. Dennoch brauchte es das Votum der Basis, die sich dem Gründungsmitglied der Grünen denn auch nicht verweigerte. Im Vorfeld gab es keinen Gegenkandidaten.

Ein deutliches Ergebnis war dennoch wichtig für einen, der seine Partei in den Landtagswahlkampf führen soll und das bekam Kretschmann. Bei nur einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen hatte er eine große Mehrheit hinter sich und kann für anstehende Kampagnen auf eine breite Unterstützung zählen. Für die hat er zuvor in einer engagierten Rede geworben, von Politik-Müdigkeit war bei dem Grünen-Schlachtross nicht das Geringste zu spüren.

Kretschmann beschwor die thematischen Wurzeln der Partei mit aktuellen Themen. Manchen Ballast habe man abgeworfen auf dem Weg von der Protest-Gruppierung zur regierungsfähigen Partei. Doch trotz aller Wandlungen habe die Partei ihre Werte bewahrt. Ökologie, Soziales und Nachhaltigkeit im Wirtschaften, so Kretschmanns Credo, stünden bei den Grünen immer noch ganz oben auf der politischen Agenda.

Kretschmanns Überzeugung: "Nachhaltigkeit verstehe ich auch so, dass viele drängende aktuelle Probleme nur gelöst werden, wenn sie in einer längerfristigen Dimension gedacht werden." Er meint damit nicht zuletzt die Krise der Staatsfinanzen und den angehäuften Schuldenberg: "Teufel hat mit 20 Milliarden Mark an Schulden sein Amt als Ministerpräsident begonnn, beendet hat er es auch mit 20 Milliarden Euro." Kretschmann sieht die öffentlichen Haushalte am Rande der Handlungsfähigkeit: "Der Etatentwurf der Landesregierung konnte nur mit Tricks ausgeglichen werden, indem auf Zinseinkünfte bis ins Jahr 2017 vorgegriffen wurde."

Den Ausweg aus der Misere sieht Kretschmann darin, die Kernaufgaben des Staates neu zu definieren und gleichzeitig zu sagen, was die Wirtschaft und was die Bürger tun können. Und schnell ist er bei einem seiner Paradethemen, obwohl der Kampf gegen die Messe auf den Fildern, wie er einräumt, verloren ist: "Diese Messe ist zum Beispiel keine Aufgabe des Staates." So werde nur ein unsinniger Subventionswettlauf zwischen den Ländern angeheizt, mit 800 Millionen Euro dazu noch ein sehr kostspieliger, da sich die Wirtschaft nicht nennenswert beteiligt habe.

Die Zukunft der Wirtschaft liegt für Kretschmann vielmehr in einem ureigensten Anliegen der Grünen: "Umweltechnologie ist das Wachstumsfeld der Zukunft, Rot-Grün hat da bereits einen Aufschwung sondersgleichen angestoßen und viele Arbeitsplätze geschaffen." Ökologie und Wirtschaft seien kein Gegensatz, das müsse man den Menschen im Wahlkampf klarmachen. Für die Umwelttechnologie prophezeit Kretschmann die nächste industrielle Revolution. Wissenschaft und Forschung zu forcieren sei geboten, sagt der Gymnasiallehrer für Biologie und Chemie und spannt den Bogen zu seinem eigenen Spezialgebiet. "Die Bildung ist eine Kernaufgabe des Staates, darin liegen die Zukunftschancen unseres Landes."

Bildung ist für Kretschmann aber auch ein Beispiel dafür, wo der Staat einen Teil an Verantwortung an die Bürger zurückgeben könne. So investierten Eltern viel Engagement in Schulen in freier Trägerschaft, von denen das Land mehr gebrauchen könne. Kretschmann betont: "Der Staat muss die Standards und die Bildungsziele vorgeben und kontrollieren, nicht jedoch vorschreiben, wie diese Ziele erreicht werden." In diesen Schulen werde pädagogisch qualifizierte Arbeit geleistet, was mit hohen Anmeldequoten honoriert und durch die Schulabschlüsse belegt werde. Auch übten sie eine innovative Wirkung auf die Staatsschulen aus. Ihre Forderung nach der in der Verfassung garantierten finanziellen Gleichstellung kann Kretschmann nur unterstützen, zumal diese Schulen wirtschaftliche Effizienz bewiesen. Ganz Schulpolitiker, plädierte Kretschmann dafür, Kinder individuel zu fördern statt auszusortieren. Auch für die Hochschulen wünscht sich Kretschmann mehr Eigenständigkeit, nicht aber, dass sie sich von der Wirtschaft abhängig machen.

Auf die Frage aus der Mitgliederversammlung nach Gerüchten um eine schwarz-grüne Koalition antwortete der knapp 57-Jährige, der sich selbst als der Erfinder der Realos bezeichnete, ganz im Stile eines Polit-Profis: "Wenn es die Option für Rot-Grün in Baden-Württemberg gibt, werden wir das natürlich machen, mit den Sozis haben wir Schnittmengen, auch wenn ihre Finanzierungsvorschläge oft auf schwa-chen Füßen stehen." Für andere Fälle könne er jetzt keine Prognose abgeben. Klar ist für Kretschmann aber: "Wir machen eigenständigen Wahlkampf mit grünen Vorschlägen, ohne Koalitionsaussage." Nicht Themen-Hobbing betreiben, sondern selbstbewusst bei den eigenen Zielen bleiben, ist Kretschmanns Empfehlung, Ziel sei ein zweistelliges Ergebnis. Großer Beifall war ihm sicher.

Noch deutlicher fiel die Kür der 47-jährigen Ingrid Grischtschenko zur Zweitkandidatin aus. Die Regionalrätin wurde einstimmig und ohne Enthaltungen gewählt. Sie versteht sich als Unterstützerin Kretschmanns und sieht ihre Aufgaben im organisatorischen Bereich.