Lokales

Unabhängig und standorttreu in die Zukunft

Die Papierfabrik Scheufelen hat gestern in Oberlenningen ihr 150-jähriges Bestehen gefeiert. Zu den Gästen zählten Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger sowie seine Amtsvorgänger Erwin Teufel und Lothar Späth. Die Festveranstaltung stand unter dem Jubiläumsmotto "150 Jahre Unabhängigkeit 150 Jahre Zukunft".

ANDREAS VOLZ

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LENNINGEN Dr. Klaus Heinrich Scheufelen, der in Bälde seinen 92. Geburtstag feiern kann, saß als "Patriarch" im Lehnstuhl auf der Bühne der Festhalle in Oberlenningen und berichtete über die Entwicklung der Papierherstellung sowie über die Firmen- und Familiengeschichte. Sein Großvater Carl Scheufelen hat 1855 die Papiermühle in Oberlenningen übernommen, nachdem er wegen der Repressalien gegen ihn als Sympathisant der Revolution von 1848 seinen Dienst als Lehrer quittiert hatte. "Die Ausbildung der Papiermacher war damals eine handwerkliche. Als Lehrer mit naturwissenschaftlichen Interessen hat mein Großvater das anders gesehen", blickte Klaus H. Scheufelen zurück in die Anfangszeiten des Unternehmens. Sein Vater Adolf Scheufelen, der Sohn des Firmengründers, studierte Chemie, Maschinenelemente und Elektrotechnik und promovierte bei Lothar Meyer in Tübingen.

Sowohl Adolf Scheufelen als auch sein Bruder Heinrich, der Papierkaufmann gelernt hatte, sammelten Erfahrung im Ausland, bevor sie nach Lenningen zurückkehrten, die Geschäftsführung übernahmen und 1892 mit gestrichenen Papieren eigener Produktion an den Markt gingen. Diesem Erzeugnis gaben sie den Namen "Kunstdruckpapier", und so führte der Redner weiter aus "Scheufelen wurde zur führenden Fabrik für grafisch anspruchsvolle Papiere". Unter dem Namen "Phönix" ist das Papier zum Markenzeichen geworden. Bis heute ziert ein stilisierter Phönix das Logo der Papierfabrik.

Etliche Produkte aus dem Hause Scheufelen haben es zu Kultstatus gebracht, und das nicht nur, weil die NASA seit Apollo 13 "Mondpapier" aus Oberlenningen eingesetzt hat. Klaus Heinrich Scheufelen erinnerte auch an die Olympischen Spiele von 1972: "Die Olympia-Plakate waren erfolgreich, weil sie anders waren." Sie wurden ebenso zu Sammlerobjekten wie einige Jahre zuvor die auf Scheufelen-Papier gedruckten Kataloge, mit denen Volkswagen den Amerikanern den Käfer schmackhaft machte.

Klaus Heinrich Scheufelen schilderte in seiner Rede auch die Schwierigkeiten im Laufe von 150 Jahren Firmengeschichte, zu denen unter anderem der Zweite Weltkrieg und seine Folgen gehörten. Ein anderes Problem besteht paradoxerweise im technischen Fortschritt: "Die Möglichkeiten zur Leistungssteigerung nehmen schneller zu als der Markt", führte Klaus H. Scheufelen gestern aus. Das wiederum habe zu Überproduktion, Preisverfall und niedrigerem Verdienst geführt und zwinge zu hohen Investitionen. Trotzdem zeigte sich der Firmenpatriarch zuversichtlich, dass die Papierfabrik auch 150 Jahre nach Gründung des Unternehmens am Markt bestehen bleibt, und bekannte sich nachhaltig zum Standort Oberlenningen sowie zur Unabhängigkeit des Familienbetriebs.

Diesen Aspekt unterstrich auch Kim Jokipii, der Vorsitzende der Geschäftsführung: "Wir sind der einzige unabhängige Hersteller von gestrichenen holzfreien Papieren in Deutschland." Damit das auch so bleiben kann, sei Ende 2003 ein umfassendes Programm zur Restrukturierung und Erneuerung eingeleitet worden. Jokipii verwies auf eine Reihe von Ergebnissen, etwa eine Produktivitätssteigerung um 42 Prozent, die Senkung der Unfallhäufigkeit oder die Reduzierung des Produktportfolios. Er fasste zusammen: "Wir haben die notwendigen Schritte unternommen, die unternehmerische Tätigkeit Scheufelens zu rationalisieren und Kosten zu senken." Optimierung sei allerdings ein kontinuierlicher Prozess. Die Unternehmen, die auch in Zukunft Bestand haben, seien nicht notwendigerweise die stärksten, größten oder schnellsten, sondern die anpassungsfähigsten. "Scheufelen wird Erfolg haben", sagte der international bekannte Papiermanager, "ein neues Team entsteht, das an den Prozess des Wandels glaubt und mit uns in die Zukunft geht."

Wie sich diese Zukunft an der Unternehmensspitze gestalten wird, hatte der Geschäftsführende Gesellschafter Dr. Ulrich Scheufelen bereits zu Beginn der Veranstaltung ausgeführt: Zum 30. September wird er aus der Geschäftsführung ausscheiden und im Verwaltungsrat an die Stelle seines Vaters Klaus Heinrich treten. Neu in die Geschäftsführung berufen werden zum 1. Oktober Hariolf Koeder, Leiter Vertrieb und Marketing, sowie Dr. Wolfgang Lied, Leiter Produktion und Technik. Zudem ist im Gesellschafterbereich mittlerweile die fünfte Generation vertreten: Ulrich Scheufelens Söhne Axel und Stefan.