Lokales

". . . und ein großer grauer Pudel trat mit Seiner Majestät, dem König ein"

OWEN An die Erhebung Württembergs zum Königtum vor 200 Jahren erinnert derzeit die Landesausstellung im Alten Schloss in Stuttgart. Der Förderkreis "Alt Owen" hat diese Ausstellung besucht und im Rahmen der Exkursion auch gleich eine sehr persönliche Erinnerung an das letzte württembergische Königspaar König Wilhelm II. und Königin Charlotte kennengelernt: Christof Leuze las den ausführlichen Bericht über einen Besuch beim Königspaar im Dezember 1918 vor, den der damals 14-jährige Eduard Mildenberger verfasst hat. Mildenberger war von 1930 bis 1948 Pfarrer in Schopfloch. Seine Tochter Gudula Mildenberger hatte den Bericht aus Bebenhausen nun dem Förderkreis zur Verfügung gestellt. Im Folgenden wird er in einer gekürzten Fassung wiedergegeben.30. Dezember 1918. Gleich nach den Tagen des 9. und 11. Novembers des Jahres 1918 hegte Tante Mariele Hochstetter den Wunsch, unserem König und unserer Königin ihre Teilnahme auszudrücken bei dem überaus Schweren, das unser Königspaar durchgemacht hat. Papa sagte einmal am Mittagessen, als Tante Mariele fragte, ob wohl dem Königspaar von öffentlicher oder auch privater Seite Teilnahme zuteil werde, das werde sicher geschehen und wenn sie wolle, so könne sie seiner Majestät schreiben, oder Ihn auch in Bebenhausen besuchen. Tante Mariele nahm dies zuerst als Scherz auf. Als man aber nach und nach hörte, daß viele Leute dem König schreiben oder etwas schicken, oder etliche ganz kecke Leute es sogar wagen, die Majestäten selbst zu besuchen, erwachte auch bei Tante Mariele der Wunsch, Seiner Majestät zu schreiben, wieder von neuem.

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Mama besuchte einmal Herr und Frau Gräfin Üxküll, bei denen auch die Rede aufs Königspaar kam, und bei dieser Gelegenheit zeigte Herr Graf einen Brief von Seiner Majestät dem König, in dem der König Herrn Graf für die Teilnahme dankte, die Ihm dieser erwiesen hatte. Herr Graf hatte nämlich Seiner Majestät brieflich seine Teilnahme ausgesprochen. Mama sagte bei dieser Gelegenheit von Tante Marieles Wunsch und fragte, was Herr und Frau Gräfin davon halten. Frau Gräfin sagte darauf: "Sie solle es nur tun, es freue Seine Majestät!" Frau Gräfin sagte weiter, sie habe Seine Majestät schon manchmal Kirchheimer Früchtebrot (Schnitzbrot) geschickt, da der König für dieses Gebäck große Vorliebe habe. Sie habe auch dieses Jahr schon nach solchem gefragt, aber man bekomme es nicht mehr. Daraufhin sagte Mama, dann könne sie ja Seiner Majestät welches backen, da ihr Schnitzbrot, das sie zu Weihnachten backe, jedes Mal von denen, die es bekommen, besonders gelobt werde. Frau Gräfin griff dies sofort auf. Und Mama buk also ihr Weihnachts-Schnitzbrot, und zwar eine bessere und eine geringere Sorte.

Am Samstag nach Weihnachten besuchte nun Tante Mariele Herrn und Frau Gräfin, um sich zu befragen, ob und wie man das Schnitzbrot fortschicken solle. Frau Gräfin sagte aber, es werden, wie sie schon gehört habe, alle Pakete, die an Seine Majestät bestimmt seien, vom Soldatenrat in Bebenhausen zurückbehalten und so könne man gar nicht sicher sein, ob es der König dann erhalte. Tante Mariele sagte daraufhin, ob sie es dann selbst Seiner Majestät überbringen könne und dürfe. Frau Gräfin sagte, das könne sie gut tun und so sei es umso besser. Nur solle sich Tante Mariele gar keine Hoffnungen machen, den König selbst zu sehen. Anfangs habe Er alle Leute selbst begrüßt, aber jetzt könne er es nicht mehr selbst tun, es wäre zuviel für Ihn.

Aber wenn Tante Mariele wolle, so könne sie es ja einmal probieren. Sie solle sich bei Herrn Baron Freiherr von Gültlingen melden lassen, der sei immer bei Seiner Majestät und soll diesem Grüße von Ihnen überbringen, da sie mit Ihm verwandt seien. Bei diesem soll Tante Mariele seinen Wunsch vorbringen. Doch, sagte Frau Gräfin weiter, sie wisse nicht gewiss, ob Freiherr von Gültlingen bei Seiner Majestät gegenwärtig sei. Wenn das nicht der Fall sei, solle sich Tante Mariele bei Graf von Stauffenberg oder bei ihrer Cousine, Palastdame Gräfin von Üxküll melden lassen und ebenso Grüße ausrichten usw. Tante Mariele ging nun heim und berichtete, wie es ihr gegangen sei. Als nun an ebendiesem Samstag in der Zeitung kam, daß man vom 2. Januar 1919 nur noch mit einer Reiseerlaubnis fahren dürfe, sagte Papa, wenn Tante Mariele noch nach Bebenhausen wolle, so sei der Montag, (30. Dezember 1918) der einzige Tag hierzu.

Am Samstagabend mit dem 7 Uhr Zug kamen unsere Vettern von Neidlingen (Gerhard und Friedrich Elsässer), um mit uns zu spielen. Sie brachten auch Sachen mit zum Mitnehmen nach Bebenhausen. [...] Am Sonntag sah Papa nach den Zugmöglichkeiten und fand als einzige Möglichkeit einen Zug, der in Unter-Boihingen morgens 6.02 Uhr abfährt und auf den man von Kirchheim aus keinen Anschluss hat. Um halb 5 Uhr ließ Papa Gerhard und mich (Eduard) zu sich hinaufrufen, wir zwei, die natürlich meinten, etwas Unrechtes getan zu haben, gingen sehr ungern von unserem lustigen Spiel weg. Papa fragte uns, ob wir gerne Tante Mariele begleiten wollen, ich, um helfen zu tragen, Gerhard, weil er in Tübingen einen Großvater hat. Da strahlten wir natürlich. [...]

Um 6.00 Uhr ging Papa, Mama, Reinhold und ich ins Vereinshaus zum Jünglingsvereins-Weihnachten. Wir kamen um 10 Uhr heim und richteten vollends unsere zur Reise nötigen Sachen. So z.B. richtete ich in meine Taschenlaterne eine neue Batterie hinein, richtete meinen Schirm etc. Auch diktierte mir Papa einen Brief an Seine Majestät, wenn wir je in Bebenhausen niemand antreffen würden. Ich schrieb den Brief, der folgendermaßen lautete:Kirchheim-Teck,30. Dezember 1918Eure königliche Majestät!Treue schwäbische Landeskinder wagen es, als Zeichen der Ergebenheit und Untertanentreue gegen ihren guten König und seine Gemahlin Euer Majestät ein kleines Angebinde zu überreichen. Mit vielen Schwaben haben wir mit Entrüstung von all dem Schweren und Entwürdigenden gehört, das über Euer Majestät gegangen ist und sprechen Euer Majestät aus, daß viele Schwabenherzen in Dank und Treue zu ihrem edlen Königspaar schlagen.VerehrungsvollMarie Hochstetter aus Kirchheim u. Teck mit ihren Neffen Eduard Mildenberger und Gerhard Elsässer.

[...] Um 11 Uhr gingen wir ins Bett. Ich schlief gut. Um 4 Uhr weckte uns Tante Mariele. Man packte die beiden Rucksäcke und tat auch noch einige Butterbröter hinein. Eine Schwarz-Träubles-Weinflasche mit Inhalt wickelte man in Wachspapier ein und steckte sie in meinen schwarzen Malbeutel. Wir aßen Morgensuppe und ein wenig Welschkornbrei. Um 5 Uhr bei sinkender Nacht marschierten wir vom Hause weg. Ich trug den Korb, der mit Tannenreis ausgelegt war und in den wir dann die Sachen hineintun wollten. Dieser Korb (gelb-rötlich) war noch ganz neu. Ich ließ von Zeit zu Zeit meine Taschenlaterne aufblitzen, da es sehr schmutzig und stockfinster war. Zum Glück regnete es nicht, solange wir nach Unter-Boihingen marschierten. Dort kamen wir nach 6 Uhr an. Nach 7 Uhr kam der Zug, der schon so besetzt war, daß wir größtenteils stehen mussten, teils auf den Trittbrettern, teils im Wagen, die fast alle ganz ohne Beleuchtung waren.

Als wir uns in Tübingen wieder gefunden hatten, erkundigten wir uns nach einer Fahrgelegenheit nach Bebenhausen und erfuhren, daß bald ein Postauto fahre, wir wollten also 3 Karten lösen, aber der Beamte sagte, er wisse noch nicht, ob es noch Platz gebe, da es schon sehr besetzt sei. Aber er wolle nachsehen. Indem drückte ein Herr her, der auch eine Karte verlangte, der Beamte gab ihm dieselbe und kam nachher mit der Bemerkung, 2 Plätze seien noch frei. Wir entschlossen uns daher, zu laufen. Bei strömendem Regen, der manchmal auch wieder nachließ, marschierten wir durch Tübingen, Lustnau zu. Als wir an der Sophienpflege vorbeikamen, sagte Tante Mariele, wie wär's wenn wir in der Sophienpflege anfragen würden, wo wir uns in Bebenhausen richten sollen, denn durch den großen Marsch waren wir natürlich sehr schmutzig geworden.

In eine Wirtschaft zu gehen und uns dort zu putzen (wir hatten einen Lumpen und eine Bürste mitgenommen), wagten wir deshalb nicht, weil wir nicht wussten, wie die Stimmung in Bebenhausen gegen den König sei. Wir trafen den Hausvater Claß, den Tante Mariele von früher her kannte, mit seiner Tochter auf dem Gang. Wir brachten unser Anliegen vor und er sagte uns, wir sollen nur zu Schlossverwalter Bauerle gehen, bei dem können wir das gut machen. Aber unseren Korb können wir auch ganz gut bei ihnen richten. Da es eben nicht mehr regnete, so hielten wir das auch für das beste und richteten unseren Korb folgendermaßen: Unten hinein legten wir die 2 Schnitzlaible und die 2 Pfund Butter, in die Ecken verteilten wir die Eier und darauf legten wir Äpfel, Quitten und Nüsse. Das Säckle Mehl legten wir auch unten hinein. Auf die Äpfel legten wir unseren Tannenwedel und darauf hin ein Tüchle zum Schutz, wenn es je unterwegs regnen sollte.

[...] Tante Mariele und ich trugen den Korb miteinander. Der Weg kam uns endlos lang vor. Einmal fiel uns der Tannenwedel heraus, sodaß ich eine gute Strecke zurückspringen musste, um ihn zu holen. Plötzlich hörten wir ein Auto tuten, das sich uns rasch näherte. Anfangs meinten wir, es sei das Postauto, das zurück nach Tübingen fahre, aber wir merkten bald , daß es ein königliches Auto sei. Es saßen 4 Damen darinnen und wir waren uns klar, als das Auto vorbei war, daß in diesem natürlich die Königin sitze. Endlich unter trüben Betrachtungen kamen wir um viele Windungen herum nach Bebenhausen. Durch ein kleines Mauertörle drangen wir in den Schlosshof ein und näherten uns an der königlichen Autohalle vorbeilaufend dem Schlosse. Vom Schloss her kam auf uns zu ein Betresster, den wir fragten, ob wir hier auf dem rechten Weg zu Schloßverwalter Bauerle seien. [...]

Er sagte: "Da haben sie sich gleich an den rechten gewandt, ich bin der Schloßverwalter. Warten sie nur einen Augenblick, ich bin gleich wieder da." Er sprang dann mit einem Brief hinunter zur Autohalle, und war nach einer halben Minute wieder bei uns. Er ging dann mit uns aufs Schloss zu und wir sagten ihm, wir wollen den Majestäten einen kleinen Gruß vom Lenninger Tal von Kirchheim bringen. [...] Wir fragten ihn dann noch, wo wir uns dann putzen könnten. Er aber sah an uns hinunter und sagte: "Sie sind ja gar nicht schmutzig", als wir aber unsere Schuhe zeigten, sagte er, "das macht nichts wir sind hier auf dem Lande. Kommen Sie nur mit! Majestät ist nicht so heikel." [...]

Er führte uns immer höher hinauf durch lange Gänge, die durch Teppiche belegt waren. Zwei mal begegneten wir hierbei Dienern. Der eine in schneeweißem Anzug, er kam allem Anschein nach vom Keller, denn er hatte in einer Schüssel erdige Kartoffeln. [...] Und weiter hinauf ging's durch lange Korridore und wieder hinauf, wo uns an einer Türe wieder ein Kellner mit Geschirr begegnete. Dieser schmunzelte ein wenig und vollends als ich ihm die Türe aufmachte. Dann ging's wieder durch einen Gang. Der Schloßverwalter ließ uns warten und er ging drei Schritt weiter, horchte an einer Türe und sagte zu uns, und jetzt treffen wir es ja ganz geschickt. Beide Excellenzen sind beieinander. Palastdame Gräfin von Üxküll und Oberhofmarschall, königlicher Kammerherr Freiherr Schenk von Stauffenberg.

Dann klopfte er an und indem ging die Türe auf und eine ältere Frau in Hut und Mantel trat heraus. Schloßverwalter sagte zu ihr, es seien Besuche vom Lenninger Tal da, die den Majestäten ein Gruß überbringen wollen und die Grüße auszurichten haben von Graf von Üxküll aus Kirchheim. Die Gräfin sagte, nachdem Tante Mariele uns vorgestellt hat, sie habe leider keine Zeit für uns, da sie noch nach Tübingen müsse und vor Mittag wieder zurück sein müsse. Sie gab dem Graf noch einige Winke und verschwand um eine Ecke. Graf von Stauffenberg unterredete sich kurz mit Schloßverwalter. Graf von Stauffenberg war mittelmäßig groß, hatte einen grauen Anzug an und hielt eine Zigarre in der Hand. Schloßverwalter führte uns dann wieder durch einige Gänge und sagte immer wieder: "Sind sie nur ganz ruhig und gar nicht aufgeregt."

[...] Vor einer Türe stand ein Stuhl und unter diesem stellte der Schloßverwalter nun Tante Marieles Galoschen, die es schon länger ausgezogen hatte und die Schloßverwalter schon lange in der Hand getragen hatte. Dann machte er die Türe neben dem Stuhle auf und sagte: [...] "Warten sie hier einstweilen." Dann ging er hinaus. Ich stieß Tante Mariele immer wieder an vor freudiger Erregung. Wir wagten nicht, laut zu sprechen in diesem königlichen Gemach. [...] Als wir vielleicht drei Minuten gewartet hatten und ich meinen Anzug und meine vollgepfropften Taschen in Ordnung gebracht hatte, hörte man auf einmal auf dem Gang leise Schritte. Dann ging die Türe auf und herein trat die Königin in einem leichten violetten Kleid mit einem Brief in der Hand.

Wir sprangen natürlich von unseren Sitzen auf und sagten: "Guten Morgen Majestät!" Sie kam dann ganz freundlich auf uns zu und reichte jedem von uns die Hand. Kaum hatte sie uns begrüßt, so ging die Tür wieder auf und ein großer grauer Pudel mit langen Haaren trat mit Seiner Majestät, dem König ein. Der König hatte einen schönen schwarzen Gehrock, der offen war und der auf der linken Seite ein Täschchen hatte, aus dem ein schwarz-weißes Tüchlein herausguckte, an. Er hatte einen ungestärkten Kragen mit zwei weißen Knöpfchen an. [...] Tante Mariele stellte sich und uns vor und seine Majestät begrüßte auch jedes von uns mit Handschlag. Die Hand hielt er dabei nicht sehr weit vom Körper weg, fasste aber unsere Hand ziemlich kräftig.

Tante Mariele sagte nun, woher wir seien und unsere Namen und daß es schon seit November den Wunsch gehabt habe, Seinen Majestäten seine Teilnahme und einen kleinen Beweis der Treue zu überbringen und auszudrücken. Worauf der König seinen Dank aussprach und sagte, "Das freut mich herzlich, vom Lenninger Tal von Kirchheim kommen sie?" [...] Dann ging der König auf mich zu und fragte mich, wie alt ich sei, ob ich schon konfirmiert sei und in welche Klasse ich gehe? [...] Dann fragte mich die Königin: In Kirchheim sind mehrere gute Schulen. Gehst du in Kirchheim in die Schule? Ich beantwortete die Frage und zählte die Kirchheimer Schulen auf.

Ferner fragte mich die Königin, wie wir denn den Korb getragen hätten. Ich sagte, daß wir den Inhalt in unseren Rucksäcken getragen und dann in der Sophienpflege umgebettet haben. Gerhard trug nun den Korb auf Verlangen des Königs auf den Tisch herüber und die Königin stellte ihn auf den Tisch und gab dem König den Brief. Der König lupfte dann die Serviette und sagte, nachdem der König den Tannenwedel auf den Tisch gelegt hatte: "Ach so schöne Äpfel", und indem er einige herausnahm sagte er: "Da danke ich ihnen eben herzlich, das freut mich sehr." Dann sprachen beide noch eine Weile mit uns, hierauf gab der König wieder jedem die Hand, bedankte sich nochmals herzlich und nahm den Korb an die Hand und wollte gehen. Ich sprang sofort hinzu und wollte ihm den Korb abnehmen und auch Tante Mariele. Seine Majestät der König aber sagte: "Lassen sie mich nur, das tue ich selbst."

[...] Dann ging der König mit dem Korb an der Hand hinaus. Seine Majestät die Königin sagte zu uns, wir sollen uns nur noch ein wenig setzen, bis der Korb zurückgebracht werde. Nachdem sie sich gesetzt hatte, ließen wir uns nach und nach auf wiederholtes Zureden auch nieder. Die Königin stützte den Arm auf den Tisch auf und sprach und benahm sich wie eine gewöhnliche Bürgersfrau. [...] Die Königin fragte noch verschiedenes, auch uns Buben, von dem ich aber nichts mehr weiß. Die Königin fragte uns auch noch, ob es gegenwärtig in Kirchheim ruhig sei oder ob man auch viel von der Revolution spüre. Als die Königin längere Zeit mit uns gesprochen hatte, sagte Tante Mariele: "Wir wollen aber Ihre Majestät nun nicht länger in Anspruch nehmen!" Die Königin sagte, sie muss jetzt allerdings gehen, sie habe eben Post bekommen. [...]

Die Königin bedankte sich nochmals herzlich, reichte wieder jedem von uns die Hand und sagte, wir sollen uns nur wieder setzen bis der Korb komme. Dann verschwand sie. Wir freuten uns dann natürlich sehr, daß es uns so gut gegangen sei und verwunderten uns sehr, daß die Majestäten so freundlich und herzlich zu uns waren; aber auch weil die Majestäten so einfach gekleidet waren. Der König hatte als einzigen Schmuck: er hatte mehrere Ringe an den Fingern und ein goldenes Armband um den linken Arm (am Puls) wie eine goldene Uhrenkette. Die Königin hatte keine Kette und sonst nichts an sich als eine ganz einfache Brosche, einen hohen gelblich weißen durchsichtigen Kragen, in der Mitte desselben (am Hals) einen ganz weißen runden Stein, der in ein schmales goldenes Ringlein gefasst war.

[Nach längerer Zeit] hörte man wieder Schritte und die Tür ging auf und ein Diener in Uniform trat ein mit einem großen Zinnblech, worauf 3 Tassen, 6 Stück Zucker, 2 Kannen Kaffee, 1 Kanne Milch und 8 butterbestrichene Brötchen lagen. Er sagte, Ihre Majestät die Königin habe angeordnet, uns etwas essen zu bringen, da wir doch hungrig sein werden, wir sollen's uns schmecken lassen, der Korb sei hier und stellte ihn auf einen Stuhl, die Königin habe befohlen, ihn uns so lange nicht zurückzugeben, bis wir etwas zu essen haben, damit wir nicht einstweilen gehen. [...] Wir machten uns dann an den Königskaffe, der ein trefflicher Bohnenkaffe war. Wir tranken und aßen natürlich nicht alles. Die Tassen hatten einen blauen Rand, die Krone mit W, die Löffelchen etc ebenso. Nach dieser Stärkung machten wir uns auf, ich trug den Korb und der Schloßverwalter begleitete uns die Stiege hinunter.

[...] Um 3 Uhr pilgerten wir nach Tübingen zu Gerhards Großvater, wo wir noch einige schöne Stunden verlebten. Unser Zug ging um 7 Uhr, er war natürlich gesteckt voll. Im Gedränge verlor Gerhard noch seine Klassenkappe. So endete diese feine Königsreise, wir werden noch lange an diesen 30. Dezember 1918 zurückdenken und wollen hoffen und wünschen, daß über unser geliebtes Königspaar nie mehr so etwas Schweres kommen möge wie November 1918.Das Foto mit den Unterschriften des letzten württembergischen Königspaars stammt aus dem Schreibheft, in dem Eduard Mildenberger seine Erinnerungen an den Besuch in Bebenhausen handschriftlich festgehalten hat.