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"Und hofften gar, es spräche einer Halt"

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Auch wenn die schöngeistige Literatur in jenen Tagen nur ein Teil dessen war, was in den Augen der braunen Machthaber als "undeutsch" auszumerzen war und keinen Platz mehr in öffentlichen wie in privaten Bibliotheken haben sollte, so hat sich die Gedenklesung des Literaturbeirats doch aus naheliegenden Gründen auf die nichtwissenschaftliche Literatur beschränkt. Diese war dafür mit nahezu allen Genres vertreten: Romanausschnitte, Gedichte, Kurzgeschichten, Reportagen sogar dramatische Szenen waren zu hören. Die Autorenliste liest sich wie eine Referenzliste deutschen Geisteslebens, und zwar ersten Ranges: Tucholsky, Kästner, Kafka, Werfel, Kisch, Toller oder Ringelnatz, um nur die allerbedeutendsten zeitgenössischen Autoren unter ihnen aufzuzählen.

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Einer, der hundert Jahre vor ihnen lebte, wirkte, litt und unvergleichlich schreiben konnte, fehlt noch in der Aufzählung der größte unter ihnen: Heinrich Heine. Der große Spötter, dem nichts verhasster war als bornierter, kleingeistiger Nationalismus, beeindruckt im Nachhinein auch durch seine Weitsicht. Und das nicht nur, weil er bereits 1821 also 112 Jahre vor dem 10. Mai 1933 auf die Folge von Bücherverbrennungen hingewiesen hat: "Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen."

In dem Gedicht "Die Wahlesel" hat sich Heine über politische Kleinkariertheit lustig gemacht, die sich gerade dann besonders unangenehm bemerkbar macht, wenn eindeutige Mehrheiten herrschen. Und so halten denn auch die Esel bei Heine an ihrem deutschen "Eseltume" fest, wollen weder "zebräisch" sein noch "welsche Stuten" oder deren Abkömmlinge dulden. Wichtig ist allein, dass "Eselsblut" in den Adern der Versammlungsteilnehmer fließt. Die Parallelen zur NS-Rhetorik und zu den einstigen Rassereinheitsvorstellungen sind unverkennbar.

Doch trotz allen Spotts klang Heines prophetische Parabel vor dem Kirchheimer Rathaus bedrückend, gerade im Zusammenhang mit der systematischen Ausschaltung von Demokratie und Rechtsstaat im "Dritten Reich". So beginnen "Die Wahlesel" gleich mit folgendem Vierzeiler, der als düstere Vorschau, aber auch als realistische Warnung zu deuten ist: "Die Freiheit hat man satt am End, / Und die Republik der Tiere / Begehrte, daß ein einzger Regent / Sie absolut regiere."

Wenn die Regierungen ob absolut, diktatorisch oder auch demokratisch legitimiert Soldaten in den Krieg schicken, dann trifft es meist die Jugend. Zwischen den Weltkriegen schrieb Erich Kästner das Gedicht "Primaner in Uniform". In lockerem Plauderton wird die erschreckende Geschichte einer Gymnasialklasse zu Kriegszeiten erzählt: "Der Rektor trat, zum Abendbrot, / Bekümmert in den Saal. / Der Klassenbruder Kern sei tot. / Das war das erste Mal." Weitere Mitteilungen dieser Art folgen. Während die Lehrer weiter Latein treiben und "gefaßt" in der Heimat zurückbleiben, nimmt der Text die Situation der Schüler genau in den Blick: "Wir hatten Angst. Und hofften gar, / Es spräche einer Halt! / Wir waren damals achtzehn Jahr, / Und das ist nicht sehr alt."

Auch in den anderen Texten, die sich die Kirchheimer Gymnasiasten für ihre Lesung zur Erinnerung an die Bücherverbrennung ausgesucht hatten, dreht es sich oft um junge Menschen etwa bei Kästners "Pünktchen und Anton" oder in Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen". Noch jünger sind die Protagonisten in Tucholskys "Colloquium in utero": Zwei Zwillinge unterhalten sich im Mutterleib, ob sie überhaupt nach draußen sollen, oder ob es in diesen Zeiten nicht besser wäre, sich gleich "an dem eignen Nabelstrang aufzuhängen".

Der Tod ist in den Texten, die vor dem Kirchheimer Rathaus gelesen wurden, nahezu allgegenwärtig ob es in Bruno Travens Roman "Die Brücke im Dschungel" um die Beerdigung eines kleinen Jungen geht oder in Egon Erwin Kischs Reportage "Rettungsgürtel an einer kleinen Brücke" um die Stelle, an der die ermordete Rosa Luxemburg ins Wasser des Berliner Landwehrkanals geworfen wird. "Ein Menschenleben kann nicht hoch genug bewertet werden", heißt es mit Hinweis auf den Rettungsgürtel an der Brücke, der Menschenleben retten helfen soll.

Zu retten war Deutschland zur Zeit der organisierten Bücherverbrennung aber längst nicht mehr, auch wenn Ernst Toller schon zu "Silvester 1931" in seinem Text über "Reichskanzler Hitler" festgestellt hatte, dass es eine Minute vor zwölf sei. Klar und deutlich analysiert Toller 13 Monate vor der "Machtergreifung" bereits, "daß die Nationalsozialistische Partei gekennzeichnet ist durch ihren Willen zur Macht und zur Machtbehauptung. Sie wird es sich wohl gefallen lassen, auf demokratische Weise zur Macht zu gelangen, aber keinesfalls auf Geheiß der Demokratie sie wieder abgeben."

Toller beklagt, dass die Menschen weder aus der Vergangenheit noch aus der Gegenwart lernen. Einen Beitrag, um zu verhindern, dass sich diese Problematik wiederholt, leistete die Lesung des Literaturbeirats in Kirchheim. Am Pult standen dabei ausschließlich junge Menschen. Selbst die Moderation hatten zwei der Lesenden übernommen, Lidija Globokar und Gerald Schulz. Wie wichtig es ist, dass gerade die nachwachsenden Generationen danach fragen, was damals geschehen ist, hatte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker bereits in ihrem Grußwort betont: "Es gibt keine Schuld der nach dem Krieg Geborenen, aber eine Verantwortung. Wir müssen uns erinnern an das, was ein Teil unserer Geschichte ist."