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"Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus . . ."

KIRCHHEIM In die Zeit der Romantik und verschiedene Dichter-Orte in Baden-Württemberg entführte das Esslinger Lyrikbühne-Duo Harald Vogel und Johannes Weigle sein Publikum am Freitagabend in der

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RICHARD UMSTADT

Kirchheimer Stadtbücherei. Im Rahmen des Sommerprogramms 2006 "Von den Musen geküsst . . ." spürten der Literatur-Professor und der Musiker dem romantischen Lebensgefühl jener Epoche am Ausgang des 18. Jahrhunderts nach und ließ es nicht nur die unsägliche Einsamkeit Novalis erahnen, sondern gar mitsingen: "Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt. . . ." Josef von Eichendorff, von dem dieses Gedicht stammt, war der berühmteste deutsche Romantiker. Sie gaben in ihren Werken nicht nur ihrer Sehnsucht nach einer erfüllten Liebe Raum. Romantiker wie Eichendorff und Wilhelm Müller wollten der heimatlichen Enge entfliehen und sehnten sich nach der Ferne hinaus in die weite Welt: Das Lied "Das Wandern ist des Müllers Lust", ein Lied, das noch zu Großvaters Zeiten jedes Kind singen konnte, zeugt davon.

"Einsamkeit es gab aber auch Zweisamkeit", spannte Harald Vogel die Brücke zum poetischen Briefwechsel der Arnim-Brentanos. Achim von Arnim schrieb an seine geliebte Bettina Brentano und sie verlieh ihrer Sehnsucht prosaisch Ausdruck.

Die Romantiker schnürten jedoch nicht nur ihr Ränzchen und wanderten in die weite Welt hinaus. Auch Meer und Wasser spielten eine Rolle. Harald Vogel und Johannes Weigle belegten dies mit der seelenvollen Musik zum Schifflein, das vor Anker lag.

Vom Neckar und Brentanos Heidelberg mit dem Schloss und der ehrwürdigen Universität, dem Ursitz der Studentenromantik, führte die lyrisch-musikalische Poesiereise weiter an den mythischen Rhein. Dort ertrinken Schiffer auf tragische Weise, weil sie, anstatt auf die tückischen Klippen zu achten, wie magisch nach der schönen Loreley Ausschau halten, die hoch oben auf einem Felsen über dem Fluss ihr güldenes Haar kämmt. Auch diese romantische Geschichte stammt von Clemens Brentano. Heinrich Heine, der romantische Satiriker, griff die Thematik auf. Sein Werk "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, . . ." wurde zum Volkslied, in der Stadtbücherei vorgetragen von Harald Vogel und Johannes Weigle.

Wie das Lyrik-Duo anschaulich vermittelte, waren die Romantiker nicht nur einsame Menschen, die sich in Sehnsucht nach der Geliebten oder dem Geliebten verzehrten, Gedichte schrieben, wanderten und der Natur und ihrem Sein nachspürten. Sie saßen auch gerne mit Freunden zusammen, um zu sinnieren, zu diskutieren und den "funkelnden Wein" zu trinken, wie zum Beispiel bei dem Arzt und Dichter Justinus Kerner in Weinsberg.

Im Gegensatz zum geselligen Kreis der Romantiker um Kerner blieb Friedrich Hölderlin eine "tragische Vereinzelung" "ein Kämpfer für sein politisches und individuelles Ideal", wie der Esslinger Literaturprofessor ihn beschrieb. Auch Eduard Mörike litt sein Leben lang unter der biedermeierlichen und pietistischen Enge, die ihm die kirchliche Amtspflicht während seiner beruflichen Wanderzeit auferlegte.

Vom schwäbischen Esslingen und Nikolaus Lenaus Todessehnsucht über Luise Hensels Abendgebet "Müde bin ich, geh zur Ruh', . . ." schlugen Harald Vogel und Johannes Weigle den Bogen zurück zu Josef von Eichendorff, den Dichter des deutschen Waldes und lyrischen Inspirator des klassischen Konzertliedes und volkstümlich gewordener Wander- und Abendlieder. "Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus."

Bewegt durch den begeisterten Applaus erfreute das Lyrik-Duo Harald Vogel und Johannes Weigle die Zuhörer mit einer Heine-Vertonung "Aus dem Buch der Lieder" und brachte einem Geburtstagskind im Publikum ein Ständchen.

Nach diesem wundervoll romantischen Auftakt des Sommerprogramms der Stadtbücherei darf man sich auf den nächsten Abend am kommenden Freitag mit Christiane Maschajechi freuen. Die Schauspielerin spricht über "Musenküsse und andere Katastrophen".