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"Und wenn nicht jetzt, wann denn?"

Jan Jakubowski hat den Holocaust überlebt mit Mühe und Not, aber auch mit viel Geschick, Wagemut, Improvisationstalent und einem unbeugsamen Willen. Gestern hat er am Kirchheimer Schlossgymnasium aus seinem Buch "Mein Überlebenskampf mit Beteiligung des Himmels" gelesen. Sein Wille ist nach wie vor bewundernswert.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Jan Jakubowskis Identität ist durch den Holocaust geprägt: Um als Jude in der Gegend um Auschwitz, Krakau und Kattowitz überleben zu können, änderte er seinen Namen. Aus "Großkopf" wurde "Jakubowski". Diesen Namen trägt er bis heute. Auch sein Geburtsjahr wäre ihm beinahe zum Verhängnis geworden. Er war eigentlich zu jung, um als Arbeiter rekrutiert zu werden. Der sicheren Deportation entging er nur deshalb, weil er sich älter machte. So ist sein Geburtsjahrgang bis heute offiziell das Jahr 1921, obwohl er "erst" 85 Jahre alt ist.

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Jahrelang lebte Jan Jakubowski versteckt, sicherte sein Überleben durch unbezahlte Arbeit, erwarb sich die Nahrungsmittel zum Überleben durch Zusatzarbeit nach Feierabend. Von Anfang an stand für ihn fest: Er würde sich nicht versklaven lassen. Und als er dennoch aufgespürt, verschleppt und in einen Deportationszug verfrachtet beziehungsweise in ein Arbeitslager eingesperrt worden war, ließ er sich das Gesetz der Handlung nicht aus der Hand nehmen. Er suchte nach Fluchtmöglichkeiten und ergriff schließlich auch mehrfach die Flucht.

Die Flucht aus dem Lager "Chorzow" bei Kattowitz beschreibt er in seinem Buch über den "Überlebenskampf" besonders eindrücklich. Er war dafür zuständig, Zäune zu bauen oder zu reparieren: "[...] im Lager selbst wurden wir von mehreren Posten bewacht, da der Drahtzaun während der Arbeiten teilweise offen blieb. Eine Flucht zu diesem Zeitpunkt war also unmöglich, aber den Fluchtplan hatte ich bereits im Kopf. Lediglich die Einzelheiten und Modalitäten mussten stündlich korrigiert werden."

Flexibel genug war Jan Jakubowski also, um sich von keinen noch so widrigen Umständen von seinem Gedanken an die Flucht abbringen zu lassen. Hinzu kam eine genaue Beobachtungsgabe, sodass er gewisse Eigenschaften der Gegner zu seinen Gunsten ausnutzen konnte: "[...] als die letzte Lücke bereits geschlossen werden sollte, inspizierte ich, noch mit der Drahtschere bewaffnet, den gesamten neuen Teil des Zaunes. Damit das Werk einen ordentlichen Eindruck machte, schnitt ich da und dort noch ein Stück Draht ab. Durch das Verhalten der Lagergewaltigen war ich darüber belehrt worden, dass ihnen das eigentliche Kunstwerk Gottes, der Mensch, ziemlich gleichgültig war [...]. Aber sie reagierten durchaus positiv, wenn äußere Dinge gelungen und ,schön' erschienen und auch ein Stacheldrahtzaun sollte durchaus einen ,ästhetischen' Anblick bieten. Diese Eigenschaft der ,Übermenschen' machte ich mir zunutze. Denn ich schnippelte unter ihren Augen nicht nur unschöne Enden ab, sondern an zwei ausgesuchten Stellen im unteren Bereich des Zauns diesen einfach durch und schüttete die Stelle mit Erde zu."

Durch dieses Loch im Zaun gelang ihm später die Flucht, so wie er zuvor schon einmal aus einem fahrenden Deportationszug in die Dunkelheit und damit in die vorläufige Freiheit gesprungen war. Den Mut zum Handeln hat Jan Jakubowski nach eigener Aussage seiner Erziehung zu verdanken. Als Kind in einer orthodoxen jüdischen Familie aufgewachsen, hatte er schon früh mit dem Studium des Talmud begonnen. Ein 2000 Jahre alter Spruch des Rabbi Hillel war es, der für Jan Jakubowski zum (Über-)Lebensmotto wurde: "Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Und solange ich nur für mich bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann denn?" Aus den drei Fragen hat er sich drei Maximen abgeleitet: "Tu alles, was in deiner Macht liegt, um dir selbst zu helfen. Denke bei deinem Handeln auch an andere. Verschiebe die Handlung nicht, denn es kann zu spät sein."

Das Gesetz des Handelns hält Jan Jakubowski bis heute aufrecht. Es ist ihm ein Bedürfnis, seine Erfahrungen weiterzugeben selbst im hohen Alter und geschwächt von Krankheit. Immer wieder stockte gestern sein Vortrag am Schlossgymnasium, wo er zum Holocaust-Gedenktag sprechen sollte, zur Eröffnung der Wanderausstellung über die Auschwitz-Fahrt von Kirchheimer Schülern im vergangenen Jahr. Mitten in der folgenden Passage des Buchs brach der Vortrag endgültig ab: "Aber mehr noch als der Hunger setzte mir und wahrscheinlich auch allen anderen etwas anderes zu, was mir selbst damals noch gar nicht so recht bewusst war. Es war das Fehlen eines Menschen, mit dem man seine Gedanken austauschen konnte. Obwohl man mit vielen in einer Baracke zusammen war, blieb man doch sehr einsam. Ein jeder war in seine eigenen Gedanken versunken bzw. in eine Art Bewusstseinsdämmer versetzt."

In einen ähnlichen Bewusstseinsdämmer versank nun der 85-jährige Jan Jakubowski mehrmals, bevor der verantwortliche Lehrer Bernd Löffler die Veranstaltung vorzeitig für beendet erklärte. Aber immer wieder raffte sich der Zeitzeuge auf und wollte weitererzählen von "Gerechten", die ihm geholfen haben, oder vom Getto, in dem zu wohnen er sich weigerte. Der Untertitel seines Buchs lautet schließlich: "Ein Bericht für die Nachkommen". Und für alle, die nach ihm kommen, nach Auschwitz und dem Holocaust, will er berichten und Zeugnis ablegen, damit sich ein solcher Völkermord im Rassenwahn möglichst nicht mehr wiederholen kann.

Im Anschluss an den offiziellen Teil las der erschöpfte Jan Jakubowski im kleinen Kreis noch weiter. Erstaunlich war es, zu welcher Vitalität er auch dabei immer wieder fähig war, beispielsweise als er mit fester, klarer Stimme einen zweiten hebräischen Spruch vorsagte und vorsang, der ihm von frühester Kindheit an in seinem Leben Halt und Orientierung gab, einen Spruch des Rabbi Nachmann: "Die ganze Welt insgesamt ist eine sehr schmale Brücke, und die Hauptsache, sich nicht zu fürchten, sich überhaupt nicht zu fürchten." Und auch diesem Spruch fügte Jan Jakubowski noch eine eigene Ergänzung hinzu, die helfen kann, das Überleben zu sichern: "Sieh zu, dass du auf der schmalen Brücke nicht zuviel tragen musst, was dich nach unten ziehen kann."