Lokales

Und wenn sie nicht gestorben ist . . .

Da saß sie nun, ängstlich und verbittert. Hatte sie es doch wirklich geschafft, einen jener lichtdurchfluteten Momente im Grau in Grau ihrer Novembertage am Schopf zu packen.

Da saß sie nun, ängstlich und verbittert, klebte geradezu an jener leicht feucht gewordenen Bank am Waldesrand. Die Sonne auf ihrem Gesicht, das Blau über ihr nahm sie kaum wahr. Da fiel ein Blick auf sie, der Blick jenes bunt gefiederten Meisenkindes. Das Leichtgewicht kannte sie bereits aus früheren Begegnungen, "große Sorge" nannte sie die alte Dame ob ihres schweren Gemütes.

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"Guten Tag", sprach es die Alte an. "Guten Tag? Es gibt keinen guten Tag mehr! Ihr Vögel habt ja keine Ahnung, wie einem zumute ist. Gab es früher kaum etwas, das man auf die Seite legen konnte, so wird man in Zukunft wohl verhungern oder erfrieren, alles wird teurer, kaum auszudenken, wenn dann wieder der kalte Ostwind von Schopfloch das Lenninger Tal herunterweht und man die Hütte nicht mehr warm bekommt. Du wirst sehen, es kommt die Zeit, da wird sich unsereins das Geld für Heizöl und Sprit nicht mehr leisten können."

Davon hatte der Gefiederte bereits erfahren, doch, was das letztere betraf, fand es das für sich selber eher befreiend, da es die Hoffnung in sich hegte, die Menschen würden deshalb weniger Abgase in "seine" Luft blasen. Doch es empfand Mitleid mit der Alten. "Weißt du", versuchte es zu trösten, "ihr Menschen feiert doch nun bald wieder Advent und schraubt eure Erwartungen bis in den Himmel, der nun gerade voll blauer Hoffnung lockt. Damals, so scheint es mir, damals zur Zeit eures Jesus-Kindes könnte die Sache mit der Armut noch viel schlimmer gewesen sein. Regelrechte Blutsauger wurden auf die Leute dort im Orient angesetzt, um den letzten Euro einzutreiben. Genau da hinein ließ Gott seinen geliebten Sohn als neugeborenes Königskind erscheinen. Nicht durch Zufall wählte er Stall und Krippe. Irgendwie empfand ich immer Neid euch Menschen gegenüber, dass sich Gott als Mensch verpackte und nicht als Vogel." "Und was soll ausgerechnet ich nun von all dem haben?" bellte die Alte dem Gefiederten entgegen. "Nun, begreifst du denn nicht, das ist doch ein genialer Wink. Gott kommt genau in diesen mühevollen Alltag hinein, in einen Alltag voll Armut und Angst, nähert sich deinen Erwartungen, die du dir selbst nicht erfüllen kannst. Ich könnte mir vorstellen, er macht auch einen Besuch bei dir. Ich glaube nicht, dass nur wir Vögel ein Gespür für seine Nähe in uns tragen."

Im Kopf der Alten begann es zu arbeiten. Da saß sie nun, Angst und Verbitterung schienen sich zu verflüchtigen, die Sonne auf ihrem Gesicht noch immer sichtbar und man konnte meinen, dass auch ihr Herz einige Strahlen abbekommen hatte. Der lustige Geselle durfte tatsächlich mit Hilfe dieser Botschaft bewirken, ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Pfarrer Edgar Tuschy Evangelische Kirchengemeinde Notzingen