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"... und wir kamen ins KZ Auschwitz"

"Zu Recht gedenkt man am 27. Januar der sechs Millionen Juden, die in Auschwitz, Riga, Treblinka oder einem anderen Konzentrationslager ein grausames Schicksal erlitten." Das sagte Brigitte Kneher zum Holocaust-Gedenktag am Schlossgymnasium und fügte hinzu: "Beschämend ist, dass so selten der 500 000 Zigeuner gedacht wird, die dasselbe Schicksal erleiden mussten."

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM "Zigeuner" kaum ein anderer Begriff löst so viele und so unterschiedliche, kaum miteinander zu vereinbarende Assoziationen aus: positive wie negative, fröhliche wie melancholische, faszinierende wie abwertende. Und wer sich in der amerikanischen Paradedisziplin der "political correctness" übt, wird gar entsetzt den Kopf schütteln, wenn das Wort "Zigeuner" überhaupt benutzt wird, und mit Nachdruck darauf verweisen, dass man stattdessen "Sinti und Roma" sagen müsse.

Darauf ging auch Brigitte Kneher in ihrem Vortrag über die Kirchheimer Familie Reinhardt ein: "Die Bezeichnung ,Zigeuner' lehnt der deutsche Zentralrat der Sinti und Roma als diskriminierend ab. Die Kirchheimer Sintifamilie Reinhardt dagegen bekennt sich zu der Bezeichnung ,Zigeuner' und trägt diesen Namen mit Stolz." Es komme darauf an, wie es ausgesprochen werde, der Ton mache die Musik.

Die Zwischentöne sind besonders wichtig und am Holocaust-Gedenktag stimmten sie im Schlossgymnasium. Eine überaus große Zahl interessierter Zuhörer, darunter auch viele Mitglieder der Familie Reinhardt, hatte sich zur Abendveranstaltung eingefunden, um Brigitte Knehers Vortrag gegen das Vergessen zu verfolgen und um sich von der Musik des Zigeuner-Swing-Ensembles Wedeli Köhler durch alle Stimmungslagen zwischen "freudvoll und leidvoll" führen zu lassen.

Sehnsuchtsvoll, schwermütig, aufwühlend, schicksalsschwer kam sie daher, die Musik von Wedeli Köhler und seinen Söhnen Sascha und Benjamin, unterstützt von Bruno Reinhardt am Bass. Von einem Moment auf den anderen folgte dann oftmals der Wechsel, entwickelte sich quasi aus dem Nichts heraus die ansteckendste Fröhlichkeit mit lebensbejahenden Rhythmen, die ins Blut gingen, oder doch zumindest in die Füße. Urplötzlich wussten dieselben Musiker mit denselben Instrumenten Geige, Gitarre, Kontrabass und Klavier überschäumende Lebenslust zu vermitteln und zeigten somit auf, dass sich das Leben nicht auf Dauer unterdrücken lässt.

Zum Ja für menschenwürdige Lebensbedingungen und zum Widerstand gegen Vergessen und bewusstes Verdrängen forderte auch Brigitte Kneher am Ende ihres Vortrags auf, insbesondere die Schüler: "Auf euch kommt die Aufgabe zu, als Multiplikatoren euer Wissen weiterzugeben, dass weder Nazi-Schmierereien, wie wir sie unlängst in Kirchheim hatten, noch das Auftreten der NPD-Abgeordneten in Dresden einen Nährboden finden." Ganz in diesem Sinne hatte Schulleiter Siegfried Lutz in seiner Begrüßungsansprache zu Beginn der Veranstaltung aus der berühmten Rede Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestag des Kriegsendes zitiert: "Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren."

Diese Unmenschlichkeit beschrieb Brigitte Kneher, die erste Geschichtspreisträgerin der Stadt Kirchheim, anhand des Schicksals der Sinti und Roma im Allgemeinen und der Familie Reinhardt im Besonderen. Das Vernichtungslager Auschwitz, das zum Synonym für den Holocaust geworden ist, spielt in beiden Fällen eine Rolle. Der wirkliche Auschwitz-Gedenktag ist für Sinti und Roma nämlich nicht der Tag der Befreiung am 27. Januar, sondern die Nacht vom 2. auf den 3. August. 1944 war das der Tag, so berichtete Brigitte Kneher, "an dem das ,Zigeunerlager' Auschwitz-Birkenau liquidiert worden ist. Von 6 000 dort noch gefangen gehaltenen Zigeunern wurden die Arbeitsfähigen ausgesondert und in andere Konzentrationslager deportiert. Der verbleibende Rest, nahezu 3 000 alte Frauen und Männer, Gebrechliche, Kranke und Kinder, wurden in die Gaskammern gejagt. Dies geschah in einer Nacht."

Mit Erlaubnis der Familie Reinhardt schilderte Brigitte Kneher das Schicksal Albert Reinhardts, der einen Teil seiner Schulzeit in Kirchheim verbracht hat. 1940 heiratete er seine Frau Pauline, die beiden Kinder sind in Stuttgart geboren, wo der Familienvater zwangsverpflichtet als Hilfsarbeiter bei Stuttgarter Firmen tätig war. Zu den Umständen seiner Verhaftung im März 1943 zitierte die Rednerin Albert Reinhardt selbst: "Ich musste meine ganze Wohnungseinrichtung zurücklassen. Kleider, Wäsche und Betten durften wir mitnehmen sowie unser Geld und unseren Schmuck. Am 15. März wurde ich mit meiner Familie, meinen Geschwistern und deren Familien von Stuttgart aus in den Güterwagen verladen, und wir kamen ins KZ Auschwitz. Dort wurde uns dann alles abgenommen, darunter waren auch noch zwei Violinen und eine Gitarre."

Die Kinder von Albert und Pauline Reinhardt sind in Auschwitz-Birkenau vergast worden. Auch das dritte Kind, das erst im KZ zur Welt kam, hatte keine Chance zu überleben in der NS-Todesmaschinerie. Das Ehepaar indessen fand sich 1945 im KZ Bergen-Belsen wieder, berichtete Brigitte Kneher: "Albert kam aus Buchenwald, seine Frau Pauline aus Ravensbrück. Sie haben Zwangsarbeit, Misshandlung, Hunger, Krankheit und den Verlust ihrer Kinder überlebt. 18 Personen, Angehörige aus dem engsten Familienkreis des Ehepaares, sind im KZ umgekommen."

Sinti, zu denen auch die Kirchheimer Familie Reinhardt gehört, leben seit nahezu 600 Jahren in Deutschland, betonte Brigitte Kneher. Sie besaßen die deutsche Staatsangehörigkeit, die ihnen erst 1935 durch die Nürnberger Rassengesetze aberkannt wurde. Gesetze machten den Zigeunern aber selbst in der Nachkriegszeit noch das Leben schwer. Außerdem galt die Nazi-Terminologie noch bis in die 60er-Jahre hinein. Brigitte Kneher: "Der wichtigste Nachweis, den sie zu erbringen hatten, war, dass sie aus so genannten ,rassischen Gründen' deportiert worden waren und nicht als ,arbeitsscheue Elemente'." Die Haftzeit der Kinder sei für eine Entschädigung zu kurz gewesen. Dazu passt Brigitte Knehers Fazit: "Der sehr schmerzhafte Gang durch alle Instanzen endete 1972 mit einem für die Familie Reinhardt demütigenden Vergleich."

Das Schicksal der Kirchheimer Familie Reinhardt stand am Holocaust-Gedenktag im Schlossgymnasium exemplarisch für die Schicksale anderer Zigeunerfamilien. In den zahlreichen Gedenkveranstaltungen geht es aber eher selten um Sinti und Roma. Deshalb dankte Brigitte Kneher dem Schlossgymnasium und vor allem auch den beiden Lehrern Bernd Löffler und Markus Ocker dafür, dass sie sich zusammen mit ihren Schülern diesem Thema gestellt haben.