Lokales

Unermüdliche Brunnenbauer

Diese Unruheständler sind nicht zu bremsen: Schon dem zweiten Brunnen in Oberlenningen haben Gottlieb Dangel, Hans Kinateder, Dieter Seltenreich und Wolfgang Holder Leben eingehaucht, sodass der Brunnen am Julius-von-Jan-Platz in neuem Glanz erstrahlt.

Brunnen am Julius-von-Jan-Platz in Oberlenningen
Brunnen am Julius-von-Jan-Platz in Oberlenningen

Lenningen. „Das ist einer der schönsten Plätze in ganz Oberlenningen – und kaum einer kennt ihn“, wundert sich Gottlieb Dangel, Oberlenninger aus Überzeugung, über das Dornröschen-Dasein des Julius-von-Jan-Platzes in direkter Nachbarschaft zu Pfarrhaus und Sankt Martinskirche. Und von der Existenz des Brunnens wusste gleich zweimal keiner. Dass sich das in Zukunft ändert, dafür haben er und drei weitere Mitstreiter von Rat und Tat, dem Kleinreparaturdienst von „Unser Netz“, sich mächtig ins Zeug gelegt.

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Seinen Anfang nahm die Geschichte, als Gottlieb Dangel vor einigen Jahren mit Freunden Oberlenninger Kleindenkmale aufstöberte und dokumentierte. Eines davon war der triste, runde Betonbrunnen am Julius-von-Jan-Platz, der um 1980 aufgestellt worden war. Sein Vorgänger stand einige Meter südlich am Fuße des Pfarrgartens. Es war ein langer Trog, an dem dereinst das Vieh getränkt wurde, weshalb der Platz auch – nomen est omen – an der Brunnensteige liegt. „Zwischenzeitlich war er mehr oder weniger zur Müllabladestelle verkommen“, beschreibt der gelernte Kupferschmied und Seniorchef der Firma Dangel-Metall den einstigen Zustand. Mehrmals hat er den Wasserspender genau unter die Lupe genommen und dabei festgestellt, dass er keinen Ablauf hat. „Das gehört einfach dazu, sonst kann man ihn nicht putzen. Außerdem veralgt ein Brunnen, wenn dass Wasser keine Bewegung hat“, erklärt Gottlieb Dangel, der schließlich das Gespräch mit Bürgermeister Michael Schlecht suchte und grünes Licht für die Sanierung bekam. Als der Seniorchef jedoch an der Kalkulation saß, wurde ihm schnell klar, dass er mit dieser Angebotssumme im Rathaus nicht zu erscheinen braucht. „Wir wollten es zunächst maschinell machen, doch der Preis dafür ging ins Unermessliche“, sagt Gottlieb Dangel.

Doch so schnell gab er nicht auf. „Ich habe hin und her überlegt, wie wir es anders machen können – und ein Angebot ,von Hand‘ abgegeben“, erzählt er weiter. Das kam nicht von ungefähr, denn das Rat und Tat-Team kann als Referenz die überaus erfolgreiche Sanierung des Oberlenninger Marktplatzbrunnens vorweisen. Nun also nahmen sich die tatkräftigen Senioren Brunnen Nummer zwei vor. Der Anfang war aber alles andere als vielversprechend. Als Wolfgang Holder dank des maßstabgetreuen Schnittmodels von Gottlieb Dangel das Ausmaß deutlich vor Augen geführt wurde, bekam er doch ein bisschen Angst vor der eigenen Courage, ob dieses Projekt nicht doch eine Nummer zu groß ist.

Das alles ließ Gottlieb Dangel nicht gelten und machte sich frisch ans Werk. Doch auch er musste sich der einen oder anderen Herausforderung stellen. Manches gelang nur mit alten, bis zu 500 Jahre alten Werkzeugen aus dem firmeneigenen Museum. „Mit denen habe ich schon als Lehrling gearbeitet“, verrät der Kupferschmied. Das war beispielsweise ein kleiner Amboss samt dazugehörigem Hammer, mit dem sich eine bestimmte Wölbung herstellen lässt.

Um Kupfer in die gewünschte Form und Rundung bringen zu können, muss es im glühenden Zustand mit kaltem Wasser abgeschreckt werden. Weil das Metall durchs Klopfen mit dem Hammer allerdings wieder verhärtet, muss dieser Vorgang drei- bis viermal wiederholt werden. Durchhalten lautete hier die Parole, denn alle waren sich einig: Es könnte ein schöneres „Gschäft“ als dieses geben. Aufgelockert wurde diese Arbeit durch regelmäßige Anproben des kupfernen Brunnenmantels vor Ort. Fast sieben Meter Kupfer wurden so verarbeitet und zum Schluss sämtliche Teile zusammengeschweißt.

Arbeitsintensiv waren auch die Sicken, wie der Fachmann die Metall-Nut nennt. Dieser Arbeitsschritt forderte die Männer in vielerlei Hinsicht. „Das Zeug ist schwer, zu viert sind wir da drangehängt“, sagt Dieter Seltenreich. Er musste mit Hans Kinateder und Wolfgang Holder das Kupferteil Zentimeter für Zentimeter Gottlieb Dangel zuführen, der an der alten Sickenmaschine mit viel Fingerspitzengefühl und lockerem Hammerschlag dem Metall die gewünschte Form gab. „Man muss den Hammerschlag kennen. Wenn‘s etwas hohl klingt, hat man danebengehauen“, verrät Gottlieb Dangel. Die Sicke dient der Verstärkung und das Objekt wird dadurch stabiler. „Diese Arbeit hat uns schon ein bisschen gefordert“, sagt Dieter Seltenreich und Hans Kinateder ergänzt augenzwinkernd: „Da hat unser Lehrmeister mit uns ab und zu geschimpft – aber so alte Gesellen wie wir können auch ganz schön widerspenstig sein. Wir waren schließlich Altlehrlinge und keine Jungspunde mehr.“ Alle bringen genügend technische Grundkenntnisse aus ihren Berufen mit. Hans Kinateder ist diplomierter Maschinenbauer und hält viel von „learning by doing“, Dieter Seltenreich ist Schlossermeister und Wolfgang Holder gelernter Maschinenschlosser und Automechaniker, in letzterem Gewerk auch Meister.

Außerdem war der Wunsch des Bürgermeisters für die vier Männer Befehl: ein Sprudel-Pilz, damit der Brunnen ein lebendiges Element erhält. „Immer wieder haben wir probiert, wie wir das konstruieren müssen“, so Gottlieb Dangel. Zu diesem Zweck schlossen sie regelmäßig den Wasserschlauch an. Doch wirklich zufrieden mit dem Ergebnis waren sie nicht, irgendetwas fehlte. Der Pilz erhielt daraufhin als Tüpfelchen auf dem i ein Krönchen in Form eines abgeänderten Brausekopfs. „Jetzt sprudelt das Ganze und ist noch lebendiger geworden. Dank der Fontäne fällt der Brunnen jetzt richtig auf, sonst würde man wieder achtlos an ihm vorbeigehen“, gefällt den vier Brunnenbauern ihre Eigenkreation.

Den Grundstock für die Finanzierung legte Dr. Ulrich Scheufelen mit 1 000 Euro. Die guten Kontakte von Gottlieb Dangel zum Chef eines Kupferwerks in Osnabrück zahlten sich ebenfalls aus: Das Material im Wert von 2 800 Euro gab es umsonst. „Das waren die springenden Punkte“, freut sich der Kupferschmied über die finanzielle Unterstützung. Die Arbeitszeit der vier Rat und Tat-Männer gab es ebenfalls umsonst: 350 Stunden.

„Ich bin froh, dabei gewesen zu sein. Es ist ein Erfolgserlebnis und ich bin heute noch begeistert davon, was wir geschafft haben. Ich habe viel von Gottlieb gelernt. Das Ganze hat uns richtig zusammengeschweißt und es war ein erhebendes Gefühl, als wir die Kupferwanne reingesetzt haben – das war einmalig“, sagt Wolfgang Holder mit einem unverkennbaren Strahlen in den Augen stellvertretend für alle.

Eine gelungene Überraschung mit Ehren-Gesellenbrief

„Am Schluss sind wir uns einig gewesen: Es war schön“, ergänzt Hans Kinateder. Doch kaum, als der Brunnen floss, fand Rat und Tat-Kollege Werner Schulmeyer heraus, dass aus Sicherheitsgründen ein Brunnen maximal eine Wasserhöhe von 26 Zentimetern haben darf, um ein Ertrinken von Kindern zu verhindern. „Unserer hatte 30 Zentimeter. Deshalb haben wir den Abfluss auf 20 Zentimeter gekürzt, ebenso den Wasserpilz. Das hat sich gelohnt, denn es sieht jetzt viel harmonischer aus“, nahmen die Vier die „Nachbesserung“ gelassen hin.

Sich der Leistung seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter voll und ganz bewusst, wollte Gottlieb Dangel seinen Gesellen nach der Vollendung des Werks „a Bombole“ zum Abschluss der Arbeiten mitgeben: ein Bettfläschle. Dafür stellte er extra eine Form her und die Freunde konnten zeigen, wie gut sie die Kunst des Kupferschmiedens mittlerweile beherrschen. „Mit sowas haben wir überhaupt nicht gerechnet“, freut sich Dieter Seltenreich, der dank dreier Töchter gleich in Kleinserie ging.

Doch das war nicht genug der Überraschungen. Aus der Einweihungsfeier wurde ein Fest. „Weil das Wetter nicht so toll war, haben wir spontan bei der Feuerwehr ein Zelt und einen Grill geholt“, erzählt Hans Kinateder. Das war insofern kein Problem, weil Wolfgang Holder als einstiger Kommandant weiterhin Schlüsselgewalt hat. Wohl vorbereitet von Meister Gottlieb Dangel und Werner Schulmeyer waren jedoch die „Ehren-Gesellenbriefe“ für Dieter Seltenreich, Wolfgang Holder und Hans Kinateder, die Bürgermeister Schlecht als Schmankerl überreichte. „Mit sowas haben wir überhaupt nicht gerechnet“, spricht Wolfgang Holder seinen Kollegen aus der Seele – umso größer war die Freude über die gelungene Überraschung.

Nun wünschen sich Gottlieb Dangel, Wolfgang Holder, Hans Kinateder und Dieter Seltenreich, dass der Platz zum Treffpunkt für Jung und Alt wird. „Das Seniorenwohnheim ist nicht weit und der Platz auch mit dem Rollator zu erreichen. Es ist ruhig dort und schön – mit Lauter, Brücke, Kirche und Pfarrhaus“, kommt Hans Kinateder ins Schwärmen. Alles scheint perfekt, doch eines stört nicht nur die Vier gewaltig: die Glascontainer in unmittelbarer Nachbarschaft. „Wenn die weg wären – dann wär‘s einwandfrei“, so der Wunsch von Gottlieb Dangel.

 

Die Brunnensanierung des Rat und Tat-Teams war die Initialzündung für den ersten Brunnenhock in Oberlenningen, der auf dem Oberlenninger Marktplatz am kommenden Sonntag, 22. Juni, stattfindet. „Wir nehmen die Sanierung zum Anlass, diese Leistung mit einer Hocketse zu würdigen. Gleichzeitig wollen wir eine alte Tradition wieder aufleben lassen, ein Fest in Oberlenningen zu etablieren“, so die Mitglieder des Organisationsteams des Hocks. Alle Vereine und Organisationen nehmen daran teil und der Erlös kommt der Dachsanierung der Martinskirche zugute. Das Fest beginnt um 10 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst, ab 11 Uhr sorgen die Vereine für die Bewirtung der Gäste.

Oberlenningen, Rat & Tat, Brunnenverkleidung für Julius-von-Jan-Platz, Aufbau, Rat u.Tat-Team im Pool, 14.04.29, Ruoff
Oberlenningen, Rat & Tat, Brunnenverkleidung für Julius-von-Jan-Platz, Aufbau, Rat u.Tat-Team im Pool, 14.04.29, Ruoff