Lokales

Unermüdlicher Einsatz für mehr Tolerenz und Integration

Dass Menschen mit Behinderung immer stärker am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, ist ganz wesentlich Organisationen wie der Lebenshilfe zu verdanken. Der Kirchheimer Ortsverein wurde vor 40 Jahren gegründet und ist heute eine moderne und überaus anerkannte Selbsthilfeorganisation mit einer vielfältigen Angebotspalette.

FRANK HOFFMANN

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KIRCHHEIM In der Festschrift zum 40-jährigen Bestehen der Lebenshilfe Kirchheim erzählt der Landesverbandsvorsitzende Professor Dr. Ulrich Bauder die Geschichte vom ersten Schultag einer Außenklasse der Schule für geistig behinderte Kinder. Die Schüler der Grundschule und der Schule für geistig Behinderte sehen sich zum ersten Mal und unterhalten sich, wer denn nun eigentlich die behinderten Kinder seien. Als die Lehrerin hinzu kommt, sind sich die Schüler einig: "Der und der und die und die sind behindert", erzählen sie, "weil die haben eine Brille." Nun trägt aber auch die Lehrerin einen Brille. Darauf angesprochen, bekennen die Kinder freimütig: "Ja, bei dir waren wir uns auch nicht sicher. Aber dann haben wir uns gedacht, wahrscheinlich bist du doch nicht behindert."

Die Geschichte zeigt, wie schwer die Unterscheidung in "normal" und "behindert" ist und wie unbefangen Kinder mit diesem Thema umgehen. Der gesellschaftliche Alltag sieht leider noch immer anders aus, und bis in die jüngste Vergangenheit wurden behinderte Menschen ausgegrenzt, immer wieder sogar grausam verfolgt und ermordet. Die Nationalsozialisten prägten den schrecklichen Begriff vom "lebensunwerten Leben" und töteten Tausende von körperlich und geistig behinderten Menschen.

Zwar wurde mit dem Grundgesetz festgeschrieben, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf, doch Gesetzestexte allein verändern die Wirklichkeit nicht. Noch in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts versteckten Eltern ihre behinderten Kinder mehr oder weniger vor der Umwelt. Erst Vereinigungen wie der Lebenshilfe gelang es allmählich und mit unermüdlichem Einsatz, geistig behinderte Menschen "herauszuholen aus ihren Verstecken". Ziel der Lebenshilfe ist es, dass Menschen mit Behinderung so selbstbestimmt wie möglich am gesellschaftlichen, politischen und öffentlichen Leben teilnehmen können.

In Kirchheim wurde am 20. November 1965 die 200. Ortsvereinigung der Lebenshilfe gegründet. Tom Mutters, der 1958 den Bundesverband der Lebenshilfe in Marburg ins Leben gerufen hatte, kam im Februar 1965 nach Kirchheim, um für seine Idee zu werben. "Behinderte Kinder und Erwachsene dürfen nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden, sondern gehören besonders liebevoll aufgenommen", sagte Mutters bei der Veranstaltung in der Konrad-Widerholt-Halle. Seine Ausführungen waren so überzeugend, dass spontan 16 Anwesende der seit 1964 bestehenden Kreisvereinigung der Lebenshilfe beitraten. Unter ihnen auch die Pädagogin Marianne Ullrich, die zur treibenden Kraft für den Ortsverein in Kirchheim wurde.

Im Spital stellt die Stadt der Initiative einen Raum zur Verfügung, der ab dem Frühjahr vor allem für die regelmäßigen Sprechstunden genutzt wird. Bereits nach wenigen Wochen kann Marianne Ullrich zur Gründungsversammlung des Ortsvereins einladen. Die Mitglieder wählen Walter Gerstenmaier zum Ersten Vorsitzenden der Kirchheimer Lebenshilfe, des Weiteren erklären sich Eugen Kandel, Dr. Rolf Röhm, Dr. Jörg Tangl, Kurt Thalhofer, Walter Schleicher und Bürgermeister Horst Ullrich zur Mitarbeit im Vorstand bereit. Marianne Ullrich wird Geschäftsführerin des jungen Vereins.

"Am meisten beansprucht mich der Einsatz für die noch unbekannten Menschenrechte der geistig Behinderten in unserer Gesellschaft", schreibt Marianne Ullrich in ihrem Tagebuch über die Anfangszeit der Kirchheimer Lebenshilfe. "Aber ich kann nicht bei Verwaltungen und Gemeinderäten Rechte ertrotzen, ohne Fakten zu nennen." Also macht sich die Pädagogin auf die Suche, beginnt die behinderten Kinder zu erfassen und versucht die Eltern zu überzeugen, dass sie ihre Kinder in fremde Hände geben. Keine leichte Aufgabe: "Die Vergangenheit, die Angst spüre ich nur zu deutlich", schreibt sie.

Doch Marianne Ullrich kann die Vorbehalte zerstreuen. Bereits im Gründungsjahr hat die Frau des Kirchheimer Bürgermeisters Ullrich 33 behinderte Kinder in Kirchheim und Umgebung registriert, und die Lebenshilfe macht sich daran, für eine Sonderschule für Bildungsschwache zu kämpfen. Mit dem neuen Schulverwaltungsgesetz, das am 1. April 1965 in Kraft getreten ist, gilt in Baden-Württemberg auch für Kinder mit geistiger Behinderung die allgemeine Schulpflicht. Geeignete Räumlichkeiten für eine Schule findet die Lebenshilfe schließlich in der Kirchheimer Austraße. Im Juni 1966 bewilligt der Gemeinderat den Umbau der beiden Baracken und gewährt 70 000 Mark Zuschuss. "Aktion Sorgenkind" stellt dem Verein einen Kleinbus für den Transport der Kinder zur Verfügung.

Die "Sonderschule für Bildungsschwache" bekommt den Namen Bodelschwinghschule und startet im April 1967 mit dem Unterricht. Weil zunächst nur eine Lehrkraft zur Verfügung steht, können fürs Erste nicht mehr als zehn Kinder aufgenommen werden. Der tatsächliche Bedarf ist wesentlich höher. Die Lebenshilfe Kirchheim betreut mittlerweile 60 Kinder in Kirchheim und Umgebung. Ab September sind es dann drei Lehrkräfte, die über 20 Kinder betreuen. Die Lebenshilfe, die inzwischen auch ihre Beratungstätigkeit in die Austraße verlegt hat, bemüht sich im Interesse der Kinder kontinuierlich um eine Verbesserung des Angebots. So kann ab 1968 der Tagesschulbetrieb mit Mittagessen und Nachmittagsbetreuung aufgenommen werden. Gleichzeitig machen sich die Vereinsaktivisten Gedanken über die weitergehende Versorgung der behinderten Jugendlichen. In den Verhandlungen mit der Lebenshilfe Göppingen belingt es schließlich, in der neu eröffneten Behindertenwerkstatt in Heiningen ab 1972 zwölf Plätze für Jugendliche aus dem Kirchheimer Raum zu reservieren.

Anfang der 70er-Jahre geht die Schulträgerschaft für die Sonderschule an den Landkreis Nürtingen über. Nach längerer Diskussion entscheidet sich der Kreistag für den Bau einer "zentralen Sonderschule für Bildungsschwache" in Nürtingen. Im Dezember 1972 wird die neue Bodelschwinghschule in Nürtingen eingeweiht, und nach der Fertigstellung des zweiten Bauabschnitts besuchen auch Kinder aus dem Raum Kirchheim diese Schule.

Die Lebenshilfe Kirchheim nimmt den Auszug der Schule zum Anlass, umgehend das nächste Projekt in Angriff zu nehmen: einen Sonderschul-Kindergarten. Der Verein baut die beiden Baracken in der Austraße mit tatkräftiger Unterstützung der Eltern um, und am 1. September 1975 kann der Kindergarten seinen Betrieb aufnehmen. Zunächst mit drei Kindern, aber bereits nach zwei Jahren sind es 17 Kinder. Auch der Aktionskreis Behinderte (AKB) nutzt die Räumlichkeiten in der Austraße und bietet unterschiedliche Freizeitangebote für Jugendliche mit geistiger Behinderung an.

Im Oktober 1975 feiert die Lebenshilfe Kirchheim ihr zehnjähriges Bestehen. Bereits damals formuliert Professor Gottfried Huss, seit 1974 Erster Vorsitzender der Ortsvereinigung und zugleich Landesvorsitzender der Lebenshilfe, seinen Wunschtraum, an einen normalen Kindergarten eine Gruppe mit behinderten Kindern anzugliedern. Und Bundesgeschäftsführer Tom Mutters spricht von einem neuen, wichtigen Abschnitt für die Lebenshilfe: "Der Schwerpunkt verlagert sich auf die Lösung der Fragen, die sich bei der Eingliederung von behinderten Jugendlichen und Erwachsenen in die Gesellschaft ergeben. Betroffen sind der Wohn- und Lebensbereich, das Mitspracherecht der Behinderten und das Recht, an der eigenen Lebensgestaltung mitzuwirken, so weit dies möglich ist."

Vor allem dank der großzügigen Unterstützung durch den bekannten Kirchheimer Kunstmaler Carl Weber, der die Hälfte seines Vermögens der Lebenshilfe hinterlässt, rückt der Neubau eines Kindergartens in greifbare Nähe. Unterstützung bekommt der Verein bei diesem Projekt zudem von der Stadt Kirchheim, "Aktion Sorgenkind" und vielen Spenden darunter auch die der Teckboten-Leser im Rahmen der Weihnachtsaktion 1981.

Im Februar 1981 ist Baubeginn in der Senefelder Straße, und im Oktober des gleichen Jahres kann der Carl-Weber-Kindergarten eingeweiht werden. Auch die Kooperationsidee wird bald Realität: Ab 1986 besuchen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam den Carl-Weber-Kindergarten. Zunächst in getrennten Gruppen mit festem gemeinsamem Programm und spontanen Begegnungen im Alltag, ab 1996 dann aufgrund der positiven Erfahrungen in gemischten Gruppen. Heute ist der Kirchheimer Carl-Weber-Kindergarten einer der wenigen Kindergärten in Baden-Württemberg mit Intensivkooperation. In den beiden gemischten Gruppen verbringen jeweils neun bis zwölf Kinder ohne Behinderung und vier bis fünf Kinder mit Behinderung ihren Alltag und lernen, partnerschaftlich miteinander umzugehen. Sie erleben, dass man trotz unterschiedlicher Fähigkeiten und Einschränkungen befreundet sein und gemeinsam spielen, lachen und streiten kann. "Gerade diese integrative Arbeit war uns immer ein besonderes Anliegen", erzählt Lebenshilfe-Vorstandsmitglied Christian Birzele-Unger.

Parallel zu der überaus erfolgreichen Entwicklung des Kindergartens entstehen Müttertreffs mit dem Ziel des Gedankenaustauschs und der gegenseitigen Hilfestellung. Der Selbsthilfegedanke und die Solidarität der Eltern untereinander führt 1987 zur Einrichtung des familienentlastenden Dienstes. Ziel ist es, Familien von dem Druck etwas zu entlasten, rund um die Uhr für das behinderte Kind da sein zu müssen. Bärbel Kehl-Maurer und Martha Metzger ermitteln den Bedarf der Familien und machen sich auf die Suche nach ehrenamtlichen Helfern.

Ein Arzttermin, Einkaufen, ein abendlicher Kinobesuch oder ein gemütliches Abendessen im Restaurant sind eigentlich Selbstverständlichkeiten, die jedoch Eltern von behinderten Kindern vor gehörige Probleme stellen. Die Mitarbeiter des familienentlastenden Dienstes sorgen dafür, dass vor allem die Mütter, die in aller Regel die Hauptverantwortung für die Kinder tragen, wichtige Termine wahrnehmen können oder einfach 'mal zwei, drei Stunden Zeit für sich haben. Je nach Bedarf tagsüber, abends oder auch am Wochenende spielen die Helferinnen und Helfer mit den Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, gehen mit ihnen spazieren oder besuchen Veranstaltungen. Der Umfang der Betreuungen nimmt im Laufe der Zeit ständig zu, sodass der Vorstand 1995 beschließt, für diesen Bereich eine hauptamtliche Stelle einzurichten.

Damit können die familienentlastenden Angebote zu einem bedarfsgerechten Dienst "Offene Hilfen" ausgebaut werden. Zu diesem Sektor gehört heute die persönliche Beratung der Menschen mit Behinderung und ihrer Angehörigen, die Einzelbetreuungen im familienentlastenden Dienst, Freizeiten in den Schulferien, eine integrative Sportgruppe für Kinder und Jugendliche, offene Angebote für Eltern, um Erfahrungen auszutauschen, und das von ehrenamtlichen Mitarbeitern mit und ohne Behinderung organisierte Cafe Paradiesle.

Ein wichtiges Anliegen bleibt die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung. 1983 gründen die Ortsvereinigungen Kirchheim und Esslingen der Lebenshilfe mit dem Verein für Körperbehinderte in Esslingen ein gemeinsames Unternehmen, die Werkstatt für Behinderte in der Esslinger Alleenstraße. Im Oktober 1984 können die ersten 15 Mitarbeiter mit Behinderung aufgenommen werden. Der Werkstattbereich wird kontinuierlich ausgebaut. 1999 kann im Kirchheimer Gewerbegebiet Kruichling eine Zweigwerkstatt eröffnet werden. Mittlerweile beschäftigt die gemeinnützige GmbH Werkstätten Esslingen-Kirchheim (W.E.K.) 250 Mitarbeiter mit Behinderung davon rund 70 in Kirchheim und 55 Fachkräfte. Die W.E.K. sind ein modernes Dienstleistungsunternehmen und Partner für Industrie, Handwerk und Behörden.

Bereits bei der Gründung der Werkstatt war für die Eltern klar, dass in der Angebotspalette noch ein wichtiger Aspekt fehlt: das Wohnen. Mehrere Jahre beschäftigte sich der Vorstand mit der Planung für ein Wohnheim, mit der Suche nach einem geeigneten Grundstück, den erforderlichen Genehmigungen und dann natürlich auch den notwendigen Finanzmitteln. 1992 wird Gerhard Thrun hauptamtlicher Geschäftsführer der Lebenshilfe Kirchheim und treibt die inzwischen in der Kirchheimer Saarstraße geplante Wohnanlage für Menschen mit Behinderung mit großem Elan voran. 1995 ist es so weit: Das Wohnheim in der Saarstraße wird eröffnet. Seither ist die Saarstraße nicht nur Wohnstätte für 24 Menschen mit Behinderung in drei Gruppen, sondern zugleich das neue Zentrum der Lebenshilfe. Die Geschäftsstelle für fachlichen Rat ist dort ebenso zu Hause wie eine Begegnungsstätte für die Angebote der offenen Hilfe und die Freizeitaktivitäten des AKB oder das Cafe Paradiesle und das Büro des Vereins für Betreuungen. Auch der Bau des Wohnheims wird von den Teckboten-Lesern unterstützt: Im Rahmen der Weihnachtsaktion 1993 spenden sie die beeindruckende Summe von 200 710 Mark für die Lebenshilfe.

Im Laufe der Jahre wurde das Angebot im Bereich Wohnen erweitert. Ein wichtiger Aspekt ist das Trainieren von freieren Wohnformen, beschreiben die Vorstandsmitglieder Bärbel Kehl-Maurer, Hans-Jürgen Ziegler und Christian Birzele-Unger den Versuch, auch in diesem Sektor den Menschen mit Behinderung mehr Mitwirkung, Mitgestaltung und Mitentscheidung zu ermöglichen. Ausdruck findet dies in dem Angebot "Ambulant Unterstütztes Wohnen" und in der 2004 eröffneten Außenwohngruppe in der Oberen Steinstraße. Sieben Frauen und Männer leben dort und werden gemäß dem Motto "so viel Hilfe wie nötig, so viel Selbstständigkeit wie möglich" von den Mitarbeitern der Lebenshilfe stundenweise unterstützt und begleitet.

Überhaupt spielt das Thema Selbstbestimmung im Alltag der Lebenshilfe eine immer stärkere Rolle. "Hilfe geben, ohne zu bestimmen", lautet ein wichtiger Grundsatz. Die Menschen mit Behinderung sind in den vergangenen Jahren immer stärker in Entscheidungsprozesse einbezogen worden. In dem 2001 verabschiedenten Leitbild der Lebenshilfe Kirchheim heißt es: "Menschen mit geistiger Behinderung sind gleichberechtigte Bürger in unserer Gesellschaft mit dem Recht auf Achtung ihrer Würde, ihrer Persönlichkeit und ihrer Handlungsfreiheit. Unabhängig von der Art und Schwere der Behinderung hat jeder Mensch ein Recht auf Selbstbestimmung und auf ein Leben so normal wie möglich." In der Praxis bedeutet dies, dass die Mitsprachemöglichkeiten stetig ausgebaut werden. Zum Heimbeirat und Werkstattbeirat kam 2001 der von den behinderten Menschen gewählte Beirat der Lebenshilfe Kirchheim, und seit 2004 gehören zwei der betreuten Menschen mit Behinderung dem Vorstand an.

Im Jubiläumsjahr präsentiert sich die Lebenshilfe Kirchheim als moderne Selbsthilfeorganisation mit vielfältigen Angeboten, bereit, sich den Herausforderungen der Zukunft zu stellen: "In der öffentlichen Bioethikdiskussion, die auch das Lebensrecht der Menschen mit Behinderung beeinträchtigt oder gar infrage stellt, werden wir uns noch vehementer zu Wort melden müssen", nennt die Vorsitzende Bärbel Kehl-Maurer ein Beispiel. Genauso erfordern die Krise der öffentlichen Kassen oder neue Gesetze im Sozialbereich den unermüdlichen Einsatz der Lebenshilfe, um den Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen die dringend benötige Unterstützung zu geben.

INFOWer die Lebenshilfe Kirchheim unterstützen will beispielsweise über die neu gegründete Stiftung findet im Internet unter www.lebenshilfekirchheim.de weitergehende Informationen.