Lokales

Ungewöhnliche Beziehung

50 Jahre Patenschaft mit der Nürtingen-Grundschule in Berlin-Kreuzberg

Nicole Mohn

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Weilheim. „Eine ungewöhnliche Beziehungskiste“, so drückte es Dezernent Gerhard Maier in seinen Begrüßungsworten aus, ist es, die da dieser Tage ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Im Winter 1958 sprach der Landkreis – es war damals noch der Kreis Nürtingen – seine erste Einladung an Berliner Kinder aus. Die Mädchen der 6 b der 20. Grundschule aus dem Bezirk Kreuzberg durften als erste die Natur und die klare Luft oben am Steilhang der Alb genießen. „Die Kinder müssen raus“, erinnert sich Weilheims Bürgermeister Hermann Bauer noch gut an die Beweggründe, in den 60ern noch in der Kreisverwaltung tätig, die den damaligen Landrat Dr. Ernst Schaude zu der Einladung bewegten. Raus aus einer damals noch geteilten Stadt in einer Insellage, die von Grenzen umgeben nicht viele Möglichkeiten bot.

Es sollte nicht bei der einen Einladung bleiben: Schon im Februar 1959 kamen die nächsten Kinder zu Besuch – und viele weitere sollten folgen. Eine Partnerschaft wuchs, die Jahre und alle historischen Entwicklungen überdauerte. Maier bedankte sich bei den vielen Helfern.

Rund 4 000 Jungen und Mädchen aus Kreuzberg dürften in den zurückliegenden Jahren die Gastfreundschaft in Lichteneck genossen haben, schätzt Gerd-Jürgen Busack. Wanderungen auf der Schwäbischen Alb, Schlittenfahrten am Randecker Maar und die Weihnachtsmärkte in Weilheim oder Kirchheim, Spiel- und Bastelabende – „Das ist jedes Jahr etwas Besonderes“, sagt der ehemalige Schulleiter der Nürtingen-Grundschule, der eigens zum Jubiläum nach Lichteneck gereist war. Nicht nur die Kinder nehmen viele schöne Erinnerungen von hier mit, sondern auch er selbst verbindet mit dem Schullandheim manch Unvergessliches: „Allein der Blick von hier oben hat mir immer Ruhe und Gelassenheit geschenkt – ich denke, vielen Kindern geht es ebenso“.

Die Aufenthalte in Lichteneck sind für den pensionierten Rektor mindestens ebenso wichtig wie 1958: Zwar gebe es auch in Kreuzberg Kinder, die Ferienorte auf Mallorca besser kennen als ihr Zuhause – es gebe aber auch viele andere, die nicht über Berlin hinauskommen. Viele Familien mit kleinem Einkommen könnten es sich nicht leisten, mit ihren Kindern wegzufahren, ihnen eine große Klassenfahrt zu spendiere, berichtet er. „Die Bedeutung von Lichteneck ist größer denn je“, stellt er fest.

Zwar fällt heute der Zuschuss aus der Kasse des Landkreises nicht mehr so üppig aus, wie in den Anfangsjahren der Patenschaft. Damals weilten die Kinder vier Wochen lang im Schullandheim „und fuhren reich beschenkt nach Hause“, so Busack. Doch immerhin sponsert der Kreis den Berliner Kindern von der Nürtingen-Grundschule die Hälfte der Aufenthaltskosten für die zwölf Tage, die sie dort ausspannen.

Und Geschenke, die gab es auch in diesem Jahr wieder: Und die wurden den Jungen und Mädchen aus Kreuzberg, die den kleinen Festakt mit Tänzen und Vorführungen umrahmten, gleich von drei Nikoläusen gebracht. Und die hatten zur Freude der Kinder nicht nur Leckereien für jeden in ihren Säcken, sondern auch noch einen flotten Rap auf den Lippen.