Lokales

Ungewöhnliche Konstellation: Umweltschutz kontra Naturschutz

Bei schönstem, aber kaltem Wetter wurde gestern die Abwasserableitung Schopfloch/Süd mit Regenüberlaufbecken "Ulmer Straße" in Gutenberg offiziell in Betrieb genommen. Der anspruchsvolle Bau verursachte Kosten in Höhe von knapp 2,8 Millionen Euro.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Gleich zu Beginn der Veranstaltung ging Lenninges Bürgermeister Schlecht auf die Problematik des Trinkwassers in Gutenberg ein. Gefunden worden seien coliforme Bakterien in der Rotlehenquelle, die erst vor wenigen Tagen nach monatelangen Proben mit Einverständnis des Gesundheitsamtes wieder in Betrieb genommen worden war. "Als reine Vorsichtsmaßnahme haben wir dann die Bevölkerung informiert, das Wasser abzukochen", so der Schultes. Bei den gefundenen Bakterien würde es sich aber nicht um Krankheitserreger handeln, weshalb kein akutes Gesundheitsrisiko durch dieses Wasser bestehe. Zwischenzeitlich liegt das Ergebnis der ersten Nachprüfung vor. Auch wenn darin keine Keime zu finden waren, werden weiterhin Proben gezogen.

Nach diesem Frischwasserthema wandte sich Michael Schlecht dem Abwasser und den damit "verbuddelten" Millionen zu. Weil die Gesetzeslage verschärft wurde, darf das Oberflächenwasser nicht mehr direkt in Gewässer eingeleitet werden und da in Schlopfloch für ein Regenüberlaufbecken der Platz fehlt, wurde es im Tal am Ortsausgang von Gutenberg gebaut. Damit das Wasser dort hingelangen kann, musste eine Fallleitung gebaut werden, die sowohl an die Planung als auch an die Ausführung hohe Ansprüche stellte. Im steilsten Teilstück der Klinge weist der Hang ein Gefälle von 60 Prozent auf. Die Leitung ist einen Kilometer lang, überwindet 200 Höhenmeter und hat wegen einer Querung im Steilstück eine maximale Neigung von 61 Prozent.

Eine derartige Sonderfertigung hat ihren Preis: knapp 2,8 Millionen Euro kostete das Projekt, wovon 2,54 Millionen Euro zuschussfähig waren. Davon übernahm das Land 44 Prozent, sprich rund 1,1 Millionen Euro. Für die Gemeinde Lenningen blieb trotzdem noch der stolze Betrag von über 1,6 Millionen Euro. "Dies schlägt sich ganz klar im Gebührenhaushalt nieder. Das heißt: Die Bürger von Lenningen müssen diese Maßnahme mitfinanzieren", gab Michael Schlecht zu bedenken.

Verwundert zeigte er sich darüber, keinen Vertreter des Regierungspräsidiums begrüßen zu können, da diese Behörde nicht unerheblich an diesem Projekt beteiligt war. "Ich hoffe nicht, dass dort die Angst grassiert, in Sippenhaft genommen zu werden", spielte der Schultes auf die äußerst umstrittene Ausweisung des Tobeltals zum Naturschutzgebiet durch diese Behörde an.

"Wir haben gute Miene zu einem nicht ganz so guten Spiel gemacht", erinnerte Michael Schlecht an die Anfangsphase des Projekts. Die Gemeinde habe einiges an Erfahrung sammeln können, was das Zusammenwirken verschiedener Behörden anbelangt. "Manchmal hatte man das Gefühl, die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut", übte der Schultes Kritik. Es galt so paradox es klingt Umweltschutz und Landschaftsschutz unter einen Hut zu bringen.

"Uns ist bewusst, dass dies ein schwerer Brocken für die Gemeinde war", sagte Sabine Hennings, Leiterin des Umweltschutzamtes des Landkreises Esslingen. Umso erfreulicher sei die gute Zusammenarbeit mit Gemeinderat und Bürgermeister gewesen. "Nun kommt reines Wasser in der Lauter an", nannte sie die Vorteile. Sabine Hennings ging auch auf die Diskrepanz der einzelnen Behörden ein. "Auf der einen Seite will man etwas für die Umwelt tun, greift dafür aber mit dem Bau in ein geschütztes Gebiet mit all seinen Besonderheiten ein", verdeutlichte sie den Spagat.

Schweres und ungewohntes Gerät war für den Bau nötig. "Wie Spinnen bewegten sich die Spezialmaschinen einer österreichischen Partnerfirma im Gelände", erklärte Wolfgang Bürkle, Planer des gesamten Projekts. Einige Lüftungsschächte mussten gesetzt werden, um die Luft schnell aus den Leitungen zu bringen. "In dem Rohr würden sich sonst die Wellen überschlagen und dann schlägt die Leitung zu", so der Planer. Das Material dazu wurde mit Kettenfahrzeugen den Hang hinauf transportiert.

Ähnliche Probleme hatte Wolfgang Bürkle auch am Ende der Leitung zu lösen: "Wir mussten die Energie und auch die Luft rausnehmen. Ansonsten würde es die Schachtdeckel heben." Das rund geschwungene Rohr könnte als Kunst am Bau angesehen werden, ist in Wahrheit aber ein Schalldämpfer. Beim Bau des Regenüberlaufbeckens wurde auch noch die Besonderheit des Geländes vor Augen geführt. "Ein Teil der Kammer steht auf Betonpfählen, weil wir auf Tuffsand gestoßen sind, im anderen Teil mussten wir knallharten Felsstein lösen", zeigte Wolfgang Bürkle die Besonderheiten auf.