Lokales

Ungewöhnliche Stätte für Wappenstein

Einer der letzten baulichen Überreste des Neidlinger Wasserschlosses ist in Kirchheim zu finden: der Wappenstein. Christiane Sander wurde auf ihn aufmerksam.

ROLF GÖTZ

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KIRCHHEIM Am Treppenaufgang des Hauses Schlierbacher Straße 7 in Kirchheim hat sich, bislang weitgehend unbemerkt, ein letzter baulicher Überrest des 1821/26 abgebrochenen Neidlinger Wasserschlosses erhalten sieht man von den drei Flügeln des Walles ab, die das Renaissanceschloss im oberen Dorf nördlich der Kirche einst umgaben und noch heute den Standort des Schlosses markieren. Es handelt sich um einen Wappenstein mit den Wappen eines Ehepaares und der Jahreszahl 1561.

Dass nun auf ihn aufmerksam gemacht werden kann, ist Christiane Sander zu verdanken. Ihr war kürzlich aufgefallen, dass an der Ostseite des vor 1823 erbauten Hauses in der Schlierbacher Straße ein Wappenstein eingemauert ist, der an dieser Stelle einige Verwunderung erregen muss. Auf dem Weg zu den Arztpraxen in diesem Haus sind hier von den 1930er- bis in die 1980er-Jahre viele Patienten vorbeigegangen, ohne sich über einen Wappenstein an dieser Stelle zu wundern, der was Form und Alter betraf doch offensichtlich nicht zu dem Haus passen konnte. Eine heraldische Untersuchung vermag die Frage zu klären, auf wen sich der Wappenstein bezieht und woher er stammt.

In einem Rahmen sieht man zwei zueinander geneigte Wappen, die als Ehewappen zu deuten sind. das aus der Perspektive des Betrachters linke Wappen bezieht sich auf den Ehemann, das rechte auf die Ehefrau. Ein gemeinsamer Helm mit Krone und einem Federnbusch als Helmzier schmückt das Ehewappen. Oberhalb ist auf einem Schriftband die Jahreszahl "1561" zu erkennen; unterhalb kann man allerdings nur mit viel Mühe, das Motto "soli deo gloria" (= allein Gott die Ehre) entziffern.

Die Wappen des Ehepaares sind unschwer zu identifizieren. Der Ehemann gehörte der Adelsfamilie der Herren von Freyberg an, einem in Bayern und Württemberg weit verbreiteten schwäbischen Adelsgeschlecht, das im geteilten Schild unten drei Kugeln und als Helmzier einen Federnbusch führte. Die Ehefrau entstammte der Adelsfamilie der Herren vom Stein, einer der am meisten verzweigten schwäbischen Adelsfamilien, deren Wappen im Schild drei Wolfsangeln zeigte. Namengebender Stammsitz war die nördlich der Donau bei Obermarchtal gelegene Burg Stein, seit 1324 Rechtenstein.

Sucht man nach einer Eheverbindung Freyberg-Stein im Umkreis von Kirchheim, so wird man schnell fündig. Es kann sich nur um Eberhard von Freyberg zu Eisenberg handeln, der 1551 das Rittergut Neidlingen erworben hatte. Seine Ehefrau war Anna von Stein, die Tochter Philipps von Stein zu Jettingen, die ihm den Ort Haldenwang in die Ehe mitgebracht hatte. Eberhard von Freyberg nannte sich 1551 beim Kauf von Neidlingen stolz "zu Eisenberg und Haldenwang, Ritter und Kaiserlicher Rat".

Zum 1551 erworbenen Rittergut Neidlingen gehörte das vierflügelige Wasserschloss, das vor 1536, wohl von Wilhelm Fetzer, dem damaligen Ortsherrn von Neidlingen, erbaut worden war. Die Vermutung liegt nahe, dass der Wappenstein von 1561 mit dem Allianzwappen des Eberhard von Freyberg und der Anna von Stein, den damaligen Ortsherren von Neidlingen, von diesem Schloss stammt. Er verweist somit nicht auf das Erbauungsdatum, sondern auf die neuen Besitzer vielleicht sind 1561 von ihnen Erweiterungsbauten veranlasst worden. Aus den Plänen des Wasserschlosses von 1795 lassen sich keine Informationen entnehmen, wo dieser Wappenstein angebracht gewesen sein könnte. Sicherlich war er an einer repräsentativen Stelle zu sehen, am ehesten kommt wohl der Eingangsbereich in Frage.

Eberhards Sohn Leo erbte die seit 1564 reichsunmittelbare Herrschaft. Nach dessen Tod im Jahre 1594 sein Grabmal mit dem Freyberger Wappen befindet sich heute an der Außenseite der Neidlinger Kirche fiel die Herrschaft an Württemberg. In württembergischer Zeit wurde das Schloss Amtssitz der Vögte. Nach Aufhebung der Vogtei im Jahre 1807 bestand keine Verwendung mehr für das Schloss, das sich der Kirchheimer Oberamtsbeschreibung von 1842 zufolge "noch in ganz gutem Zustande" befand. Die königliche Finanzkammer verkaufte das Schloss auf Abbruch an die Neidlinger. In der 1997 erschienenen Ortsgeschichte von Neidlingen kommentierte Christoph J. Drüppel den darauf tatsächlich erfolgten Abbruch so: "Es ist ein noch heute unbegreiflicher Akt der Barbarei, das gesamte Schlossensemble in kürzester Zeit dem Erdboden gleichgemacht zu haben. Das Zerstörungswerk betrieb man mit einer solchen Gründlichkeit, dass nicht einmal schriftliche Quellen mehr den Untergang beschreiben, der zwischen 1821 und 1826 vollendet wurde." Denkbar ist, dass beim Abbruch der schöne Wappenstein von 1561 einen Liebhaber fand und so nach Kirchheim kam.

In der Zeit, als das Neidlinger Wasserschloss abgebrochen wurde, gehört das Haus Schlierbacher Straße 7 in Kirchheim dem Revierförster Hafner, der damals wohl das Revier Kirchheim betreute eines der sieben Reviere, in die der Kirchheimer Forst unterteilt war. Neidlingen gehörte damals zum Revier Wiesensteig. Der gesamte Forst unterstand dem Oberförster, dessen Amts- und Wohnsitz das Kirchheimer Forstamtsgebäude war von 1662 bis 1902 das heutige "Alte Haus" in der Dettinger Vorstadt. Hafners Witwe verkaufte 1844 das Haus Schlierbacher Straße 7 an Adolf Hirzel, Oberamtspfleger in Kirchheim von 1837 bis 1890. 1899 erwarb die Katholische Kirchengemeinde Kirchheim das zweistöckige Gebäude. In den späteren Einwohnerbüchern sind als Besitzer verzeichnet: 1925 der "Privatmann" Rudolf Becker, 1931/53 Dr. Emil Haffner, 1962/85 Dr. Otto Haffner. Der Blick auf diese Besitzerfolge lässt es als am wahrscheinlichsten erscheinen, dass es Revierförster Hafner war, der Kenntnis von dem schönen Wappenstein in Neidlingen bekommen haben könnte und ihn wohl noch in den 1820er-Jahren nach Kirchheim zur Verzierung des Treppenaufgangs seines Wohnhauses überführen ließ.