Lokales

"Unsere Spezialität ist es, die Weißdornschößlinge abzuknabbern"

BISSINGEN "Wir sind schon eine tolle Truppe und wenn Ihr Euch jetzt fragen solltet, warum ausgerechnet wir "Ziegen", dann schenkt uns ein paar Minuten Aufmerksamkeit und wir werden es Euch gerne erklären.

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Wir, ein bunter Haufen aller möglichen Rassen, mit und ohne Hörner, sowie mit und ohne Glöckchen, vertragen uns ausgezeichnet. Selbstverständlich gibt es auch bei uns ab und an Machtkämpfe. Diese führen jedoch selten zu irgendwelchen Änderungen in der Hirarchie, denn wir wissen ganz genau, dass nach unserem Chef, dem Ziegenbock "Frieder", und seinem Sohn "Friedolin" nur einige wenige weibliche Chefinnen das Sagen haben.

Aber weshalb auch sollten wir uns uneinig sein? Haben wir doch alle das gleiche Ziel: Wir wollen unseren ganzen Appetit und unsere Besonderheit, außerordentlich gut mit Büschen, Dornenhecken und dergleichen umgehen zu können, in den Dienst der Natur stellen, und allein schon das zeichnet uns aus.

Wir sind nicht wählerisch bei der Nahrungsaufnahme, Hauptsache es gibt genügend davon. Zwischendurch bekommen wir neben all dem vielen "Grün" von unseren Menschen richtige Leckerbissen, wie zum Beispiel getrocknetes Brot. Und davon müssen die schon eine ganze Menge herbeischaffen, denn schließlich will jeder von uns etwas davon abhaben.

Wir sind Wegbereiter für viele unserer vierbeinigen Freunde, ganz besonders aber für die Schafe. Warum? Das ist doch ganz einfach. Bei der zunehmenden "Verbuschung" der Schafweiden am Albtrauf, auch hier bei uns im Naturschutzgebiet Teck, gibt es immer mehr Flächen, die unsere Schäfer mit ihren Tieren nicht mehr abweiden können, weil die Schafe nun mal nicht die gleichen Vorlieben haben wie wir. Die lieben saftiges Gras auf Weiden, die nicht über und über mit stacheligen kleinen und großen Büschen bedeckt sind.

Die Damen und Herren von der Bezirksstelle für Naturschutz- und Landschaftspflege tun wirklich viel dafür, dass unsere wunderschöne Landschaft für Mensch und Tier erhalten bleibt und haben deshalb beschlossen, dass wir Ziegen von Frühling bis Winteranfang über fünf Jahre lang immer wieder die gleichen verbuschten Flächen abweiden. Was wir nicht wegbekommen, müssen unsere Menschen anschließend mit den Motorfreischneidern bearbeiten und man ist überzeugt, dass nach dieser Zeit die nachwachsenden Gehölze verkümmert sind und so die von uns immer wieder abgefressenen Flächen den Schäfern wieder als Weidegrund für ihre Schafe zur Verfügung gestellt werden können. Wir meinen, dass dieses angestrebte Ziel ein wirklich sinnvolles ist und geben uns deshalb auch große Mühe, die Erwartungen, die man in uns setzt, zu erfüllen. Das einzige was uns bei der ganzen Angelegenheit manchmal stört oder sagen wir besser, einige von uns stört, denn es geht ja nicht allen gleich sind die Netze, die unsere Menschen immer um unsere Futterflächen festmachen, damit wir uns in diesen Bereichen aufhalten können und nicht den Schafen in die Quere kommen. Diese Netze sind tückisch. Berührt man sie, bekommt man das ganz empfindlich zu spüren, weil durch sie Strom fließt. Nun, einigen von uns macht das offensichtlich nicht all zu viel aus, die springen drüber und gehen ein wenig spazieren. Aber nie außer Sichtweite der Herde, denn was sollten sie wohl auch alleine irgendwo anderes wollen?

Im Prinzip geht es uns allen aber bestens. Es wird von unseren Menschen sorgsam darauf geachtet, dass unsere Klauen nicht zu lang werden, dass wir keine unentdeckten Verletzungen haben, die uns schaden könnten, man beschafft uns immer genügend Futter und ist besorgt um unsere Gesundheit, lässt regelmäßig Untersuchungen anstellen, ob wir auch mit der Nahrung keine Parasiten aufgenommen haben, um im positiven Fall sofort etwas dagegen zu unternehmen und ist einfach Tag für Tag für uns da. Und ihr dürft sicher sein, dass wir unsere Menschen kennen und uns freuen, wenn wir sie sehen. Nur wenn sie mit den bellenden Vierbeinern, dem "Prinz", der "Sina", dem "Max" und dem "Moritz" kommen, die uns zurechtweisen, wenn wir mal wieder unseren Kopf durchsetzen wollen und uns eigene Plätze aussuchen, sind wir nicht ganz so erfreut. Am Ende sind wir aber dann doch ganz zufrieden mit dem, was uns zugedacht war.

Um es unseren Weitspringern nicht ganz so einfach zu machen, haben sich unsere Menschen etwas ganz Eigenartiges einfallen lassen. Sie verlängern die Elektronetze mit Stangen und befestigen daran Bänder, die noch unangenehmer sind als die Netze, wenn man sie berührt.

Es ist doch auch zu verstehen, dass uns manchmal langweilig wird. Wir fressen und schlafen und unsere Ziegenböcke sorgen dafür, dass wir trächtig werden. Tag und Nacht sind wir zusammen und nur, wenn Leute vorbeikommen, die weder unseren Strom abstellen noch uns sonst etwas Unrechtes wollen, können wir uns über Abwechslung nicht beklagen.

Jetzt wird es schon empfindlich kalt und wir hoffen auf einen schönen Herbst und noch mehr freuen wir uns nach getaner Arbeit auf die Winterpause im trockenen, zugfreien Winterquartier im Stall. Wir stehen dann nicht im Regen, brauchen nur zu fressen, was wir in unseren Futter-Raufen und -Trögen vorgesetzt bekommen, können uns auf die Abwechslung mit Heu und Öhmd freuen und uns so richtig auf unseren Nachwuchs vorbereiten, den wir dann liebevoll und ganz in Ruhe die ersten Wochen oder auch Monate, je nachdem, wann unsere Kitze zur Welt kommen, aufziehen können. Denn wenn wir dann unser Winterquartier im Frühling wieder verlassen, haben wir hoffentlich viele kleine hungrige Mäuler unter uns, die uns helfen, so gut wie in diesem Jahr unsere Aufgabe zu erfüllen, wenn die Natur und mit ihr auch die Gräser, Büsche und Hecken zu neuem Leben erwachen und wir dieses schmackhafte Grün wieder zu schätzen wissen.

Sie wissen schon, es dauert noch ein paar Jahre, aber dann sind die Flächen, die wir am Nordhang der Teck sorgsam pflegen, wieder als Schafweide nutzbar. Bleibt nur zu hoffen, dass die Schafe das auch zu schätzen wissen, oder besser gesagt, die Menschen an und um die Teck.

Freut Euch an der Natur und an uns, genau so wie wir uns darüber freuen, wenn Ihr ein paar Augenblicke bei uns stehen bleibt und zuschaut, wie viel Spaß uns unsere Aufgabe macht und vor allem macht sie uns auch noch satt."

ln