Lokales

Unter blauem Himmel auf der Silberstraße durchs Erzgebirge

Die Bruckener Kirchengemeinde baut seit gut einem Jahrzehnt Brücken in die neuen Bundesländer. Die Brücken für Herz und Verstand sind nicht so imposant wie die bestaunte Eisenbahn-Göltzschtalbrücke bei Netzschka. Doch sie verbinden die Reisenden aus dem Lenninger Tal miteinander, eröffnen Zugänge zu Geschichte und Gegenwart der neuen Bundesländer.

ERIKA HILLEGAART

Anzeige

LENNINGEN Pfarrerin Margret Oberle und ihr Mann, Oberstudienrat Rolf Oberle, hatten diese Herbstreise wieder bestens vorbereitet und organisiert mit ihrer Reiseziel-Auswahl, dem Standquartier in Annaberg für die 90-köpfige Reisegesellschaft, einem breit gefächerten Kulturangebot und mit Zeiten für geistliche Besinnung. Von Annaberg bis Zwickau zog die Reisegemeinde auf der Silberstraße unter blauem Himmel durchs Erzgebirge. In großen Landschafts-Schutzgebieten dehnen sich weit die Felder, Wälder und Wiesen. Das sind Naturreservate ohne die südwestdeutsche Zersiedelung. Die Entdeckung von Silberadern im 12. Jahrhundert war die Basis für die ökonomische Entwicklung des Landes Sachsen. Städte wie Annaberg, Schneeberg, Freiberg und Zwickau wurden im Mittelalter zu blühenden Zentren von Handel, Wissenschaft und Kultur. Große Marktplätze und stattliche Bürgerhäuser, prächtige Hallenkirchen und Dome legen davon Zeugnis ab. "Ohne uns wäre Dresden ein Fischerdorf", sagte der Freiberger Stadtführer und kündigte für das kommende Jahr die Einweihung des größten Mineralienkabinetts der Welt an.

Und die Namen der zu Tage geförderten Erze sind eine klingende Bergmannsmelodie: Silberdendriten, Chalkopyrit, Turmalin, Erythrin, Siderit, Quarzkristalle, Sphalerit, Wismut mit Dolomit. Als gar 1491 eine 100-prozentige Silberader entdeckt wurde, löste dies das große "Berggeschrei" aus. Und nicht nur einen Jubelschrei bei der herrschenden Schicht. In Annaberg entwickelte der Rechenmeister Adam Riese sein Zählsystem mit arabischen Zahlen, er verfasste Lehrbücher des praktischen Rechnens und erstellte Umrechnungstabellen für die unterschiedlichen Maße, Gewichte und Währungen im Land. In der Bergbauakademie in Freiberg, der größten sächsischen Stadt im Mittelalter, erwarben unter anderem Alexander von Humboldt, der weimarische Minister Wolfgang von Goethe, Theodor Körner, Freiherr von Stein und Friedrich von Hardenberg ihr bergbautechnisches Wissen. Das Wissen und der wirtschaftliche Reichtum beflügelten auch die handwerklichen Künste. Gottfried Silbermann begründete in Freiberg die berühmte Orgelbautradition. So ist es verständlich, dass der Bruckener und Unterlenninger Kantor und Organist Jens Wollenschläger sich in das Leitungsteam dieser sechstägigen Reise einbinden ließ und bei der täglichen Einkehr zum "Wort für den Tag" eindrucksvoll Orgelmusik spielte oft in feinem Zusammenspiel mit dem Kirchheimer Geiger Bernhard Moosbauer.

Knapp hundert Jahre später war diese reiche Silberquelle nahezu erschöpft. Die Lenninger hörten von der Annabergerin Barbara Uthmann. Diese Witfrau und Mutter von zwölf Kindern erkannte rechtzeitig die Krise auf dem Arbeitsmarkt des 16. Jahrhunderts. Sie förderte das Handarbeiten der Frauen und knüpfte ein Handelsnetz für die textile Ware der Posamente und der Klöppelarbeiten. Sie nahm 900 Frauen unter Vertrag für die Produktion von Bändern, Litzen, Schnüren, Kordeln, Spitzenkragen und Manschetten und nahm damit die Konkurrenz mit Brüssel auf. Das Museum Uranbergbau im Kulturhaus "Aktivist" in Schlema erzählt anschaulich die jüngste Bergbaugeschichte. In Schlema wurde in den Jahren nach der Wende und der Still-Legung des Förderbetriebs von Uranerz die Wiedereröffnung des alten Radium-Heilbads durch Stiftungen ermöglicht. Die Erzgebirgler sind stolz auf ihre Tradition, ihr Brauchtum und ihre bergbauliche Geschichte.

"Bergmannsblut hat freien Mut." Das mussten die Sowjets genau so erkennen wie die einstigen Kurfürsten. In Schneeberg hatten 1494 die Bergleute gegen die Kürzung des Wochenlohns um einen Groschen protestiert. Noch heute findet dort der größte Bergaufzug am Namenstag der Schutzpatronin der Bergleute, Maria Magdalena, statt. In der Schneeberger Sankt-Wolfgangs-Kirche las und interpretierte Pfarrerin Margret Oberle die klassische Bibellese bei Bergmannsfesten aus dem Buch Hiob: ". . .Man bricht Stollen durch die Felsen, und alles was kostbar ist, sieht das Auge. Wo will man aber die Weisheit finden. . .?" Traditionsbewusst, mit bergmännischer Andacht, aber auch humorvoll präsentierten an einem Abend die Bergsänger Geyer den Gästen von der Alb ihre Lieder und ihre erzgebirgische Mundart.

Die schwäbische Reisegesellschaft hatte ihre Freude an der Fahrt mit dem Dampfzug auf den Fichtelberg und der weiten Sicht rundum bis ins Nachbarland Tschechei nach Joachimsthal, der einstigen Prägestätte der Taler. Sie bestaunten die restaurierte Augustusburg, ein kurfürstliches Jagd- und Lustschloss mit gewaltigen Dimensionen und einem Brunnenhaus, das Respekt vor der Ingenieurkunst des 16. Jahrhunderts und Grauen vor der Machtfülle jenes Renaissance-Kurfürsten Augustus ein Vorfahr von August dem Starken auslöste. Die mittelalterlichen Priesterhäuser, das Robert-Schumann-Haus und das August-Horch-Automuseum in Zwickau zeigten beispielhaft die sächsische Museumskultur, ebenso das "Sterzeleanum" in Chemnitz, in dem die Besucher multimedial die Entstehung der versteinerten Bäume auf Grund von Vulkanausbrüchen erleben können.

Städte- und Burgsilhouetten auf Bergkämmen, tief eingeschnittene Flusstäler, Windräder auf weiten Flächen säumten den Reiseweg. Doch auch zerfallende Häuser und leerstehende Fabriken im alten DDR-Grau gaben Anlass, mit den ortsansässigen Führern durch Städte, Kirchen und Museen über die Arbeitslosigkeit und Abwanderung von Firmen zu sprechen. Diese meist hoch qualifizierten Menschen machten aus persönlichen Familienschicksalen keinen Hehl. Doch "wo man sich wohl fühlt, kann man neue Ideen entwickeln und Heimat sagen". Das war in Grünhainichen an einem Schautag der Manufaktur Wendt und Kühn zu hören. Diese traditionsreiche Firma, vor genau 90 Jahren von zwei Frauen gegründet, stellt kleine pummelige Engel und Blumenkinder her, ganze Weihnachtkrippen und Pyramiden alles handgefertigte echte Erzgebirgsware.

Neue Straßen und Brücken führen durch kleine Ortschaften abseits der großen Autobahnen. Neue Fassadenmalerei im Stile Canalettos nach alten Städtebildern auf öden Hauswänden bringt jungen Künstlern Brot und Lohn. Einen Neubeginn ganz anderer Art machen fünf Benediktinermönche aus Ettal in der Wechselburg, der ehemaligen Wallfahrtskirche zum Heiligen siegreichen Kreuz, dem einst letzten klösterlichen Bollwerk gen Osten. Zwei neue Gotteshäuser konnte die Reisegemeinde in Dresden sehen: So die wiederaufgebaute Frauenkirche. Das andere neue Gotteshaus ist die Dresdener Synagoge gegenüber der Carola-Elbbrücke. Sie wurde 2001 eingeweiht. Der fensterlose kubische Bau mit den zeltartigen Wänden und der sparsamen Innenausstattung wird nur durch den Lichteinfall von oben erhellt. Der preisgekrönte Bau ist eine architektonische Auslegung alttestamentlicher Texte und zugleich des Schicksals der Juden. Für die Fülle des Gesehenen sprach die Unterlenninger Pfarrerin Regine Stierlen, mitverantwortlich für die Reiseleitung, im Zwickauer Dom Sankt Marien den Dank an die göttliche Führung aus. Der Segen begleitete die Reisegruppe heimwärts. Vorher jedoch sinnierte Helmut Köble über das sächsische Gebirge und seine wertvollen Erzvorkommnisse.