Lokales

Unter Strom für die Leichtathletik

Wenn sich heute und morgen die internationale Leichtathletik-Elite im Stuttgarter Daimlerstadion zum IAAF-Weltfinale trifft, gehen für Marc Kochan stressige Zeiten dem Ende entgegen. Der 27-jährige gebürtige Kirchheimer und ehemalige DLV-Sprinter ist für seinen Arbeitgeber, die in.Stuttgart-Veranstaltungsgesellschaft, seit Monaten mit der Organisation und der Sicherstellung eines reibungslosen Ablaufes vor und während der Wettkämpfe beschäftigt. Unser Mitarbeiter Peter Eidemüller hat ihn einen Tag lang bei seinem vielfältigen Job zwischen Büro, PR-Terminen und Athletenhotel begleitet.

11.30 Uhr

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Die Spikes an den Nagel gehängt zu haben, scheint sich zu lohnen. Zum vereinbarten Treffpunkt am Stuttgarter Daimler-Stadion kommt der einst hinter Tobias Unger als große deutsche Sprinthoffnung geltende Marc Kochan mit einer Nobelkarosse der Marke Mercedes. "Der gehört nicht mir", winkt er sofort ab, "der ist aus dem Fuhrpark, den wir für das Weltfinale zur Verfügung gestellt bekommen haben." Wir, so erklärt er auf der Fahrt quer durch die Landeshauptstadt zum Athletenhotel am Pragsattel, das ist das zehnköpfige Team der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart, die als Organisator und Ausrichter des Saisonhighlights der Leichtathleten die Strippen ziehen. Mittendrin, statt nur dabei: Marc Kochan, der neben Werbung und Promotion rund um das Weltfinale auch den direkten Draht zu den Athleten und deren Umfeld pflegt ein Knochenjob, der wenig Freizeit lässt. "Ich stehe tierisch unter Strom", sagt er, "seit Anfang Juli hatte ich nur drei Tage, an denen ich nicht gearbeitet habe." Im Minutentakt klingelt eines seiner beiden Handys, bei ihm laufen viele der Fäden zusammen, die es bei solch einer Veranstaltung zu spinnen gilt. Stressfaktor? Hoch: Einen geregelten Feierabend kennt er nicht. Anzusehen ist ihm die Belastung nicht. Kochan hat die Zügel fest in der Hand, obwohl "das Kribbeln im Bauch immer mehr zunimmt", wie er während des Einparkens vor dem Hotel ,Europe' zugibt, "fast wie früher vor einem Wettkampf."

12.00 Uhr

Ohne lange zu zögern spricht Marc Kochan in der Hotellobby das dunkelhäutige Pärchen an, erkundigt sich, ob mit der Unterkunft alles so weit in Ordnung sei. "Yes, we are fine", sagt der Mann, der sich als Dennis Mitchell vorstellt: Der inzwischen 40-jährige Amerikaner war 1992 Olympiasieger mit der US-4x100-m-Staffel sowie Bronzemedaillengewinner über 100 m. Seit Ende seiner aktiven Zeit coacht er zahlreiche Top-Athleten, darunter auch Hürdensprinterin Damu Cherry (28), mit der Marc Kochan an der Hotel-Rezeption einen Plausch über die anstrengende Saison hält. Der eigentliche Grund für den Abstecher ins Athleten-Hotel ist jedoch ein anderer: Kochan soll einen der Top-Stars des Weltfinales zu einem PR-Termin abholen: Jeremy Wariner. Der 22-jährige Texaner gilt als Shooting-Star der Leichtathletikszene in den vergangenen zwei Jahren. 2004 in Athen wurde er Doppel-Olympiasieger über 400 m und 4 x 400 m, 2005 Doppel-Weltmeister. Mit zu Buche stehenden 43,62 Sekunden ist er legitimer Nachfolger des legendären Michael Johnson und zur Überraschung vieler ein Weißer wenn auch ein schmächtiger. In dem weichen Hotelsessel, in dem er Platz nimmt, verschwindet er fast. Man mag kaum glauben, dass er erst vor wenigen Tagen den Golden-League-Jackpot knackte und so um 250 000 Dollar reicher wurde. Zusammen mit Wariners Manager, Deon Minor, und Kochan geht's vom Hotel weiter zur Pressekonferenz beim Sparkassenverband am Stuttgarter Hauptbahnhof. Auf dem Rücksitz ist der US-Boy während der Fahrt ganz in sein Handy vertieft. "Jeremy ist ein richtiger Technikfreak", verrät Marc Kochan im Flüsterton, "im Hotelzimmer sind mehrere Spiele-Konsolen."

12.20 Uhr

Großer Bahnhof neben dem Bahnhof: Die Pressekonferenz in den heiligen Hallen des Sparkassenverbandes ist bestens besucht: Kollegen der schreibenden, filmenden und radiomachenden Zunft nehmen an dem Tischoval Platz, an deren Kopf sich die Repräsentanten von Veranstalter, Organisator und Ausrichter des Weltfinales positionieren. Dr. Helmut Digel (Vizepräsident des Weltverbandes IAAF), Jürgen Scholz (Präsident des Württembergischen Verbandes WLV), Andreas Kroll (Geschäftsführer der in.Stuttgart-Veranstaltungsgesellschaft und damit Marc Kochans Boss) lassen es sich nicht nehmen, neben Jeremy Wariner und Lokalmatador Fabian Schulze (Stabhochsprung) zahlreiche Fragen der anwesenden Journaille zu beantworten. Marc Kochan beobachtet das Treiben, das auch von einer chinesischen Fernsehanstalt aufgezeichnet wird, mit Genugtuung: "Dass so viele Leute zu der Pressekonferenz kommen, hätte ich nicht gedacht."

13.30 Uhr

Nach über einer Stunde Presse-Plausch ist für Jeremy Wariner der offizielle Teil des Tages vorbei. Bevor es ins Hotel zurückgeht, müssen er und Manager Minor jedoch noch ein Fotofachgeschäft aufsuchen. Für ein Ende Septembert in Schanghai stattfindendes Meeting brauchen die beiden Amerikaner noch Passfotos für ihre Visa. Außerdem will Wariner in einem Elektronikladen noch Kopfhörer kaufen so wird Marc Kochan kurzerhand zum Stadtführer für einen Olympiasieger, der absolut unerkannt durch die Stuttgarter Innenstadt läuft. Ob er das bedauere? "Ein bisschen schade ist es schon, dass einen auf der Straße keiner erkennt. Andererseits kann man sich so besser auf das Wesentliche konzentrieren." Seine Konzentration gilt nun erst einmal einem passablen Lächeln für die Kamera schließlich soll das Passfoto auch nach was aussehen.

14.30 Uhr

Auf dem Weg zurück ins Hotel klagen Jeremy Wariner und Deon Minor über Hunger. Kochan schlägt eher zum Spaß eine Stippvisite bei McDonalds vor was beide zur großen Überraschung mit frenetischem Kopfnicken akzeptieren. "Vor dem Olympia-Endlauf in Athen hatte ich auch einen doppelten Cheeseburger", verrät Wariner lachend, "ich liebe Fast Food." Was für einen Goldmedaillengewinner gut ist, kann für einen Tausendsassa wie Kochan nicht schlecht sein. Eigentlich will der gebürtige Kirchheimer in derMc Donalds-Filiale essen, Wariner drückt jedoch aufs Tempo: "In einer halben Stunde muss ich zum Training", sagt er, "lasst uns ins Hotel fahren." "Unglaublich", sagt Kochan beim Rausgehen, "da verdrückt der so kurz vor dem Training noch einen Hamburger."

15.00 Uhr

Nachdem sich Jeremy Wariner mit seinem feudalen Mahl auf sein Zimmer verabschiedet hat, findet auch Marc Kochan Zeit, etwas zu essen. "Immerhin", sagt er beim Blick auf die Uhr, "drei Stunden früher als gestern." Frühstücken würde er generell nicht und in stressigen Zeiten wie diesen komme er an manchen Tagen vor 18 Uhr gar nicht zur Nahrungsaufnahme. Zwischen ein paar hastig gekauten Pommes hat er auch schon wieder flugs das Handy am Ohr: Interviewanfragen, Athletenwünsche, Sponsorenprobleme es gibt nichts, worum sich der diplomierte Wirtschaftsinformatiker im Vorfeld des Weltfinales nicht kümmert. Zeit, über die ganz persönliche Motivation für solch einen stressigen Job nachzudenken, findet er dann trotzdem: "Es macht mir Riesenspaß, unter Druck zu arbeiten. Alles unterliegt einer Deadline, die um jeden Preis eingehalten werden muss, damit am Ende eine gute Veranstaltung steht." Spricht's, trinkt einen Schluck Cola und ist schon wieder auf dem Weg zum Auto das Büro ruft.

15.30 Uhr

Geordnetes Chaos dieses Paradoxon beschreibt Marc Kochans Arbeitsplatz, dem Büro nahe der Messe Stuttgart. Das Telefon ist umgeleitet auf sein Handy, auf seinem PC-Bildschirm verraten knapp 40 offene Anwendungen in der Taskleiste, dass noch viel zu tun ist. "Jetzt erstmal ein paar E-Mails abarbeiten", sagt er. Noch bevor die erste Mail (eine Anfrage eines äthiopischen Students zwecks kostenloser Tickets) beantwortet ist, klingelt auch schon wieder das Handy: Der Südwestrundfunk lässt anfragen, ob 100-m-Weltrekordler Asafa Powell für ein Interview zur Verfügung stehe. Kochan verspricht, nachzufragen und sich wieder zu melden. Wie kommt es, dass ein relativ junger Mann wie er über einen solch guten Draht zu den Top-Stars der Leichtathletik verfügt? "Man muss die Sprache der Athleten sprechen", glaubt Kochan, vor Jahren noch selbst im Sprintkader des DLV für die EM in München, "die merken auch schnell, ob man von der Materie etwas versteht."

16.30 Uhr

Nach einer immer wieder vom Telefon unterbrochenen Stunde am PC muss Kochan weiter. "Den Rest mache ich heute Abend, wenn ich wieder hier bin." Gegen 22 Uhr erwartet er sich selbst zurück am Schreibtisch. Zuvor steigt vor den Toren Stuttgarts noch ein weiterer PR-Termin: Eine Hand voll Athleten, darunter Heike Drechsler und Tobias Unger, stellt sich in einem Hotel in Renningen einem Koch-Duell. "Eine nette Promotion-Aktion", findet Kochan und steigt wieder ins Auto. Und noch während er die Tür schließt, meldet sich auch schon wieder das Handy. Die Spikes an den Nagel gehängt zu haben für Marc Kochan scheint sich's tatsächlich gelohnt zu haben.Bilder: Marc Kochan am Telefon, an seinem Schreibtisch und unterwegs mit Olympiasieger Jeremy Wariner und dessen Manager. Das große Foto zeigt DLV-Hürden-Ass Kirsten Bolm.