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Unternehmerische Sicht prägt Kulturlandschaft

Grundsätzlich sieht auch der Kreisbauernverband Esslingen das Ziel der Arterhaltung durch EU-Vogelschutzgebiete positiv. Doch dürfe die Verordnung einer dynamischen Bewirtschaftung nicht im Wege stehen, so Siegfried Nägele, der gemeinsam mit Michael Zimmermann den Kreisbauernverband anführt.

RICHARD UMSTADT

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KREIS ESSLINGEN Siegfried Nägele, praktizierender Landwirt in Bissingen und gelernter Förster, ist es wichtig, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass unsere Landschaft am Albtrauf eine von Menschenhand geschaffene Kulturlandschaft und somit einem dynamischen Wandel unterzogen ist. Dies im Hinterkopf zu behalten, wenn es darum geht, die Sinnhaftigkeit der EU-Vogelschutzverordnung einzuordnen, ist für den Verbandsvorsitzenden wichtig.

Das von Brüssel diktierte Schutzgebiet betrifft nicht nur die Kommunen dort, wo sie neue Wohnbau- und Gewerbegebiete ausweisen wollen. Es tangiert vor allem den um den Ort liegenden Streuobstgürtel und die großflächige Landwirtschaft im Außenbereich wo der Halsbandschnäpper brütet, beziehungsweise der Rote und Schwarze Milan über die Äcker und Wiesen kreisend ihre Nahrung suchen.

Siegfried Nägele sieht die Gabelweihe gerne und hat nichts am Artenschutz auszusetzen. Doch gibt er zu bedenken, dass sich die unter Schutz gestellten Vögel erst durch diese spezifische Bewirtschaftung am Albtrauf hier eingestellt haben. Das heißt, Landwirtschaft und Gütlesbesitzer schufen unbeabsichtigt die entsprechenden Voraussetzungen dafür und gaben damit Halsbandschnäpper und Milan ihren Lebensraum. Es war damals, als die Landwirte vom Weinanbau etwa in Bissingen, Dettingen oder Owen auf den Erwerbsobstbau umstiegen, nicht ihre Zielsetzung, den Halsbandschnäpper anzusiedeln. Vielmehr war die Aussicht auf einen ordentlichen, die Existenz sichernden Ertrag die Maxime ihres Handelns. "Was wir jetzt schützen wollen, ist durch menschliches Wirtschaften entstanden".

Für den Kreisbauernverbandsvorsitzenden ist dies einer der vielen Belege dafür, dass Landbewirtschaftung nicht statisch ist und deshalb auch nicht so gesehen werden darf. "Sie unterliegt teilweise sogar einer sehr heftigen Dynamik", und zwar aufgrund einer unternehmerischen Sichtweise. Denn ohne Aussicht auf Ertrag und nur aus purem Idealismus können zwar kleinere Flächen erhalten werden, nicht aber großflächige Gebiete, ist Nägele überzeugt. "Durch die öffentliche Hand großflächige Lebensräume zu erhalten, ist auf Dauer unbezahlbar", sagt der Verbandsvorsitzende.

Dies bedeutet für den Landwirt aber im Umkehrschluss zweierlei: Zum einen müssen die genannten Bewirtschafter auch weiterhin beteiligt werden, soll die Verordnung nicht ins Leere gehen. Und zum anderen wäre es kontraproduktiv, ihnen durch die EU beziehungsweise das Land bei der Erarbeitung der geplanten Management- beziehungsweise Pflege- und Entwicklungsplänen (PEPL) Prügel in den Weg legen zu wollen. Nägele: "Die einfache Aussage der Landesanstalt für Umweltschutz, 'so wie bisher ist zulässig', ist nicht realistisch und zielführend. Davon auszugehen, dass jetzt die Zeit angehalten werden kann, und keine Änderungen und Entwicklungen in der Landbewirtschaftung mehr erfolgen, wäre gegen jede Erfahrung".

Die Landwirtschaft entwickelt sich weiter und der Streuobstbau wird immer mehr zurückgehen, da nicht mehr rentabel, ist sich der Kreisbauernverbandsvorsitzende sicher. Deshalb kommt Siegfried Nägele zu dem Schluss, dass die Managementpläne den veränderten Bedingungen in der Landwirtschaft und im Streuobstanbau Rechnung tragen und Raum geben müssen. So ist etwa bei der Heu- und Silagegewinnung der Schnittzeitpunkt wichtig. "Dürften die Landwirte und Streuobstwiesenbesitzer zum Beispiel das Gras erst nach dem 1. Juli mähen, so wäre es als Futter oder Silage nutzlos". Auch Biogasbetreiber sind an "altem Gras" nicht interessiert, da nur die junge Biomasse die entsprechende Energiedichte besitzt.

Das Stichwort Biogas erinnert Siegfried Nägele an einen weiteren Beleg für den raschen Wandel in der Landwirtschaft. "Vor zehn Jahren waren Landwirte, die auf Biogas umstellten, noch echte Pioniere. Heute ist das Stand der Technik". Ein anderes Beispiel für eine Entwicklung, die wohl niemand aufhalten kann, kennt Nägele aus seinem Heimatort: Vor knapp 30 Jahren gab es in Bissingen noch rund 180 Milchlieferanten innerorts, vor 15 Jahren waren es nur noch circa 20, und heute gibt es im ganzen Ort keinen Kuhstall und keine Kuh mehr.

Für den Mann an der Spitze des Bauernverbands ist klar: Jeder Landwirt oder Gütlesbesitzer, der nicht mehr wirtschaftet und jede Fläche, die nicht mehr bewirtschaftet wird, ist ein Verlust. Daher fordert Nägele ganzheitliche und flexible Handlungsempfehlungen, die die dynamischen Entwicklungen in der Landbewirtschaftung miteinbeziehen. "Es wäre sicher nicht im Sinne der Verordnung, wenn sich Landwirte und Streuobstwiesenbesitzer zurückziehen würden und der Wald am Albtrauf wieder die Oberhand gewinnen würde", appelliert Siegfried Nägele an die für die Vogelschutzgebiete Verantwortlichen, diese Überlegungen des Esslinger Kreisbauernverbandes in ihre Pflege- und Entwicklungspläne mit einzubeziehen.