Lokales

Unternehmer-Wünsche und Städtebau-Ideale

Vier Baudenkmäler hat Jesingen, und alle liegen weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit an der Mühlstraße. Dass der dortige Platz neu gestaltet wird, ist ganz im Interesse der Jesinger. Die Bürgervertreter stoßen sich aber an der aktuellen Planung, denn ihnen ist besonders wichtig, der örtlichen Mühle entgegenzukommen. Ortschaftsrat und Technischer Ausschuss nahmen die Planung demonstrativ nur zur Kenntnis und forderten Nachbesserungen.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Zunächst stellte Landschaftsarchitekt Köber im Technischen Ausschuss (TA) die Planung vor. Das Gebäudeensemble bezeichnete er als "Kleinod mit vier Baudenkmälern", das jedoch nicht wahrgenommen werde. In der Tat muss in die Sackgasse hineingehen, wer die vier denkmalgeschützten Gebäude auf einen Blick erfassen will: Die Kirche, das Pfarrhaus, die Kelter und das Nebengebäude der Mühle drängen sich auf engem Raum. Der Platz dazwischen ist nach Einschätzung des Planers bislang "ein gesichtsloser Freiraum". Jetzt geht es darum, Aufenthaltsqualität zu schaffen und mehr Besucher hierher zu locken. Das könnte eine neue Nutzung des Farrenstalls und der Kelter bewirken.

In diesen Vorstellungen stimmen alle überein. Von "Potenzialen" in der Mühlstraße und "Impulsen" für den Platz sprach Ortsvorsteher Johannes Züfle, ehe er zum "Aber" kam. Den Stein des Anstoßes liefert der Farrenstall. Um einen "wohlproportionierten" Platz, wie er den Planern vorschwebt, zu erhalten, müsste der Stall bestehen bleiben oder in heutigen Dimensionen wiederaufgebaut werden. Keinesfalls sollte er durch ein Langhaus ersetzt werden. Doch ein Langhaus prägte die bisherigen Planungen der Stadt und des Hauptkaufinteressenten, der Müllerfamilie Sting.

Die Stings, die die fast 600 Jahre alte Mühle seit 1826 als Familienbetrieb führen, brauchen Platz. Sie wünschen sich auf dem Terrain des Farrenstalls ein langgezogenes Gebäude mit größerem Flächenangebot, in dem unter anderem der stark frequentierte Mühlenladen untergebracht werden könnte. "Das Flair der Mühlstraße wollen wir natürlich erhalten", sagt Ulrich Sting, der den Betrieb mit seinem Bruder in der sechsten Generation führt. Seit drei Jahren, eben seit der Farrenstall zum Verkauf steht, wird die entsprechende Planung vorangetrieben. Zwischenzeitlich jedoch wurde die Jesinger Ortsmitte ins Landessanierungsprogramm aufgenommen, städtebauliche Aspekte gewannen zunehmend an Bedeutung.

Diese Überlegungen dürfen jedoch nach Überzeugung der Bürgervertreter nicht einfach so die bisherigen Planungen verdrängen. "Der Ortschaftsrat ist immer davon ausgegangen, dass das Anliegen der Mühle bei der Verwaltung in guten Händen ist", zeigte sich Reinhold Ambacher, Stadtrat der Freien Wähler und Mitglied des Jesinger Ortschaftsrats, mehr als verwundert. Er stellte klar: "Der Ortschaftsrat ist froh über diesen Kaufinteressenten und das Erweiterungspotenzial für die Mühle." Im örtlichen Gremium, das bereits einen Tag vor dem TA tagte, kursierte auch ein Schreiben von Bürgermeister Riemer vom August des Jahres 2006 an Ulrich und Jochen Sting. Darin geht es um ein Treffen mit dem beauftragten Architekturbüro. "Wichtig dabei ist natürlich, dass nicht die Stadt sich äußert, was gebaut werden soll, sondern dass Sie eine klare Vorstellung darüber haben", lautet der Satz, der die Planungen weiter bestärkte. In Jesingen macht jetzt das Wort vom "Sinneswandel" die Runde.

Die berechtigten Interessen der Stings hintangestellt sieht auch SPD-Fraktionsvorsitzender Walter Aeugle. Zudem werde das "Kleinod" schlichtweg überhöht dargestellt. Er zeigte sich besonders darüber verärgert, dass die Familie Sting zunächst jahrelang in ihren Planungen bestätigt, aber dann urplötzlich vom "Sinneswandel" der Stadtverwaltung überrascht wurde.

Hagen Zweifel, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, hielt diese Vorgehensweise ebenfalls nicht für richtig. Die Chefetage müsse es als ihre Aufgabe sehen, "Unternehmen einen schnelleren Weg durch die Bürokratie zu weisen". Man könne dem Bürger nicht in Aussicht stellen, dass eine Sache durchgezogen werde, und dann alles infrage stellen. "Ich hoffe nicht, dass das die künftige Politik der Stadt ist." Auch Zweifel sprach von einem "Sinneswandel" und forderte, mehr auf die Belange jener Unternehmer einzugehen, die bereit seien, etwas für die Stadt zu leisten. "Ich seh's genauso", nahm Aeugle den Ball wieder auf und bemängelte, dass der Sachstandsbericht, der dem Beschlussantrag beilag, zuviel Interpretationsspielraum lasse.

Bürgermeister Günter Riemer wies den Begriff "Sinneswandel" von sich. Er betonte, dass in den Gesprächen mit dem Investor immer beide Varianten Thema gewesen seien. Weiter seien die örtlichen Gremien eingebunden gewesen und die Arbeitsgruppe Stadterneuerung habe die Verwaltung in ihrer Vorgehensweise bestärkt.

Die Planungen an sich wollte niemand über den Haufen werfen. "Es geht um ein paar Dinge, über die man sich unterhalten muss", richtete Hagen Zweifel den Fokus wieder auf die ganz konkreten Widersprüche zwischen unternehmerischen Wünschen und städtebaulichen Idealen. Eine Feinabstimmung soll nun zwischen Verwaltung und Mühlenbesitzern erfolgen. Einstimmig beauftragte der TA die Verwaltung mit der zügigen Weiterplanung in enger Kooperation mit dem Investor.