Lokales

Unterricht nach Plan trotz mulmigen Gefühls

Die Amokdrohung eines Unbekannten im Internet hat gestern auch rund um die Teck für Aufregung gesorgt. An sämtlichen Schulen war während der Unterrichtszeit die Polizei präsent und stand in Kontakt mit den Rektoren. Die meisten Schüler, Lehrer und Eltern reagierten gelassen auf die Drohung nur wenige Mütter und Väter waren so besorgt, dass sie ihre Kinder zu Hause behielten.

BIANCA LÜTZ

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KIRCHHEIM "Es lief alles ohne dramatische Ereignisse ab", blickte Thomas Pitzinger, Leiter des Kirchheimer Polizeireviers, auf den gestrigen Tag zurück. Ein anonymer Internetnutzer hatte mit seiner Ankündigung, am Nikolaustag an einer unbekannten Schule in Baden-Württemberg Amok zu laufen, das ganze Land in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt so auch Polizei und Schulen im Kirchheimer Raum.

"Bei uns ist das Telefon den ganzen Morgen über nicht stillgestanden", berichtete Wolfgang Wörner, Rektor der Kirchheimer Teck-Realschule. Einige Eltern hätten ihren Kindern Entschuldigungen geschrieben und sie nicht zur Schule geschickt. Die Verunsicherung der Mütter und Väter können er und Konrektorin Bärbel Kehl-Maurer gut nachvollziehen, sie nehmen die Sache durchaus ernst: "Ich hatte auch ein mulmiges Gefühl, als ich von der Drohung hörte", sagte der Rektor. Trotzdem fand in der Teck-Realschule regulärer Unterricht statt so wie in allen anderen Schulen im Raum Kirchheim auch. Nach Informationen der Polizei blieb eine Schule in Leinfelden-Echterdingen als einzige im Landkreis geschlossen.

Kritik an dem ganzen öffentlichen Rummel um die Amokdrohung übte Eberhard Schweizer, Rektor der Freihof-Realschule und Geschäftsführender Schulleiter in Kirchheim: "Aus meiner Sicht ist das zu viel Wirbel", sagte er. Das Kollegium an seiner Schule habe versucht, so besonnen wie möglich auf die Amokdrohung zu reagieren, zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen gab es nicht.

"Wir sind in der Verpflichtung, ganz normalen Unterricht zu halten", betonte Siegfried Lutz, Leiter des Kirchheimer Schlossgymnasiums. Er habe besorgten Eltern im persönlichen Gespräch signalisiert: "Wenn Sie Ihre Kinder zu Hause behalten, stützen sie den Täter." Gespräche über den Amoklauf habe es in den Klassen nur auf Wunsch der Schüler gegeben.

Norbert Häuser, Rektor der kaufmännischen Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule sprach von einem weitgehend "normalen" Schultag. Allerdings war bei Schülern, Lehrern, Hausmeister und Schulleitung erhöhte Wachsamkeit angesagt. "Ich selbst bin immer mal wieder durch die Gänge gelaufen", berichtete er. Ein Problem an deutschen Schulen ist aus seiner Sicht, dass sie so frei zugänglich sind: "Es sollte einen hohen Zaun, eine Tür und einen Pförtner geben so wie bei Firmen eben auch", lautet deshalb sein Vorschlag.

Hans Kiefer, Vorsitzender des Kirchheimer Gesamtelternbeirats, begrüßte die offensive Vorgehensweise der Behörden: "Ich fand es gut, dass das Kultusministerium so reagiert und eine Warnung herausgegeben hat", sagte er. Angst, seine Kinder in die Schule zu schicken, hatte er nicht: "Wir haben wie wohl die meisten Eltern besonnen reagiert."

Wie die Schulen berichteten, nahmen auch die meisten Kinder die Ereignisse relativ gelassen. Viele von ihnen sprachen mit ihren Lehrern im Unterricht über die Gewaltandrohung des Unbekannten.

Krisenpläne vorhanden

Nach der Ankündigung des Amoklaufs war gestern Polizeipräsenz an den Schulen im ganzen Land angeordnet worden. Auch in Kirchheim und Umgebung behielten zahlreiche Polizeibeamte uniformiert und in Zivil die Bildungseinrichtungen im Blick. "Wir waren an allen Schulen in unserem Einzugsbereich", berichtete Thomas Pitzinger: "Für uns war das ein sehr großer Kraftaufwand."

Vorkehrungen für den Ernstfall haben Polizei und Schulen im Landkreis getroffen: Bereits vor zwei Jahren gab es in Esslingen eine Schulung zum Thema Amoklauf und Geiselnahme. "Da sind die Informationswege diskutiert worden", erläuterte Fritz Mehl, Sprecher der Polizeidirektion Esslingen. Seither verfügen die Schulen über Krisenpläne, die im Notfall ein schnelles Handeln gewährleisten sollen. Die wichtigsten Telefonnummern und Ansprechpartner sind darin ebenso enthalten wie Lagepläne der Schulen. "Es gab Gott sei Dank keinen Amoklauf", zeigte sich Fritz Mehl gestern nach Schulschluss erleichtert. Ausgestanden ist die Sache aber noch nicht: So lange nicht feststeht, wer tatsächlich die Drohung ausgesprochen hat, soll es weiterhin verstärkte Polizeipräsenz an den Schulen im Land geben.

Die jüngste Drohung bestärkt die Verantwortlichen außerdem darin, die Vorsorge noch weiter zu verbessern. "Wir werden bei der Gesamtlehrerkonferenz vorschlagen, an der Schule Krisenteams einzurichten", kündigte der Leiter der Teck-Realschule, Wolfgang Wörner, an. Bettina Wilhelm, Leiterin des Amts für Bildung, Kultur und Sport der Stadt Kirchheim, möchte außerdem die gemeinsame Prävention mit den Schulen vorantreiben: "Es ist wichtig, Probleme rechtzeitig zu erkennen und betroffene Schüler an Beratungsstellen zu vermitteln."

Dass das Thema Gewalt an Schulen allgegenwärtig ist, zeigt auch ein Zwischenfall, der sich vor zwei Tagen in Kirchheim ereignete. Er hat nach Auskunft der Polizei jedoch nichts mit der Amokdrohung zu tun. Wie Polizeisprecher Fritz Mehl informierte, ermittelt die Polizei gegen einen 16-jährigen Kirchheimer Schüler, der einer anderen Person über das Internet Gewalt angedroht hatte. Bei ihm wurde eine Schreckschusspistole gefunden. Die Polizei geht jedoch davon aus, dass die Drohung nicht ernst gemeint war und keine weitere Gefahr von dem Schüler ausgeht.