Lokales

"Unterschiede sind normal und dürfen sein"

Soziale und räumliche Polarisierung unter dieser Überschrift stand der jüngste Vortragsabend der Reihe "Stadtforum Kirchheim unter Teck 2010", zu dem Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker in die Alleenschule eingeladen hatte. Hauptredner des Abends war Dr. Eckhart Bohn vom Kommunalverband Jugend und Soziales Baden-Württemberg.

VOLKMAR SCHREIER

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KIRCHHEIM Antworten zu geben auf die aktuellen Veränderungen und dann auch danach zu handeln: So beschrieb die Kirchheimer Oberbürgermeisterin das Ziel der Veranstaltungsreihe. "Wir stellen ein Auseinanderdriften unserer Gesellschaft fest", so Angelika Matt-Heidecker in ihrer kurzen Einführung, warum gerade das Thema Polarisierung auf der Tagesordnung einen Platz gefunden habe. Auch auf Kirchheim habe diese Entwicklung Auswirkungen. Diese Veränderungen führten auch immer mehr zu Orientierungslosigkeit bei Jugendlichen, leitete sie auf das Thema des Hauptredners Dr. Bohn über.

Eckhart Bohn beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Gerade diese Jugendlichen würden in der Öffentlichkeit vornehmlich als Problemgruppe wahrgenommen, so der Referent. Dabei sei es zum einen deplaziert, von "der Jugend" zu sprechen, denn der Trend zur Individualisierung mache auch vor den Jugendlichen nicht Halt. Zum anderen benötigten nur Teilgruppen der Jugend eine spezielle Förderung und Unterstützung, insbesondere dann, wenn sie auf Grund geringerer Schulbildung oder materieller Schwierigkeiten gesellschaftlich benachteiligt seien. Verschärft werde diese Situation für Jugendliche mit Migrationshintergrund vor allem noch dadurch, dass ihre Deutschkenntnisse oft nicht ausreichend seien und sie oftmals schlechtere Schulabschlüsse hätten als ihre deutschen Altersgenossen.

Auch der Einstieg ins Berufsleben sei dadurch erschwert, zumal heute auch eine abgeschlossene Berufsausbildung kein Garant mehr für einen Arbeitsplatz sei. "Deshalb erachte ich ein Anrecht auf einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz für Jugendliche für notwendig", unterstrich Bohn. Den Kommunen legt der Experte deshalb ans Herz, insbesondere den Spracherwerb dieser Jugendlichen in der deutschen und in ihrer Muttersprache nachdrücklich zu fördern und zu unterstützen, denn die Sprache sei der Zugangsschlüssel zu Bildung und damit zu sozialer und materieller Chancengleichheit, auch auf dem Arbeitsmarkt. Erst dann könne von Integration gesprochen werden.

Förderanstrengungen sollten auch nicht zeitlich begrenzt sein, sondern den Jugendlichen immer zur Verfügung stehen. Auch sei es sinnvoll, Beratung und Unterstützung aus einer Hand anzubieten, anstatt auf verschiedene Anlaufstationen aufzusplitten. Dr. Bohn plädierte dafür, diese Jugendlichen nicht als Problem, sondern als Chance für die Gesellschaft zu sehen: "Die Erfahrungen dieser Jugendlichen werden kaum genutzt." Denn mit ihrer Mehrsprachigkeit, dem Verwurzeltsein in verschiedenen Kulturen und den daraus resultierenden Erfahrungen seien sie für die Gesellschaft äußerst wertvoll.

Aus der Sicht eines Stadtplaners stellte Dr. Hermann-Lambert Oediger, Leiter des Planungsamts, einige Thesen zur Stadtentwicklung auf, wie sich eine räumliche und soziale Polarisierung abschwächen lasse. Kennzeichen einer Stadt, so eine seiner Thesen, sei eben das Vorhandensein von sozialräumlichen Unterschieden. "Wir haben heute schon größere soziale Unterschiede innerhalb Kirchheims", stellte er fest, wobei er anmerkte, dass die Unterschiede erst dann zum Problem würden, wenn sich die einzelnen Stadtgebiete zu sehr auseinander entwickelten und kein Austausch mehr stattfinde. Dies sei in Kirchheim aber nicht der Fall, denn die soziale Mischung sei immer noch ausgewogen.

Zudem könnten gefährdete Stadtgebiete durch Modernisierung und Verbesserungen in der Infrastruktur wieder aufgewertet und gestärkt werden, bevor sie in eine klassische Abwärtsspirale aus Wegzug sozial besser gestellter Familien und Zuzug sozial Schwacher einträten. Dennoch werde die Ungleichheit zwischen einzelnen Stadtteilen auch in Kirchheim in der Zukunft wachsen und eine Polarisierung eintreten. "Die soziale Integration aller Mitbürgerinnen und -bürger bleibt eine zentrale Aufgabe der Stadt", so das Fazit des Stadtplaners.

Ein gutes Zeugnis stellte Roland Böhringer vom Amt für Familie und Soziales seiner Stadt aus. "Unterschiede sind normal und dürfen auch sein", erklärte Böhringer und stellte fest: "Kirchheim verfügt im Grunde über eine ausgewogene Einwohner- und Sozialstruktur". Natürlich gebe es auch in Kirchheim Unterschiede bezüglich der Lebensqualität in den einzelnen Stadtteilen, die aber durch die von überall her gut erreichbare Innenstadt ausgeglichen würden.

Dennoch geht auch Böhringer davon aus, dass in Zukunft gesamtgesellschaftliche Abgrenzungsprozesse verstärkt auftreten werden und sich eine räumliche und soziale Polarisierung ausbilden wird. Hier gelte es gegenzusteuern. Kirchheim habe bereits in den letzten zehn Jahren vorausschauend gehandelt und mit dem Sozialplan, vielen Kooperations- und Beratungsgremien, gemeinwesenorientierter Sozialarbeit und besonders mit der Unterstützung des bürgerschaftlichen Engagements vorbildlich gehandelt. "Das bürgerschaftliche Engagement ist eine tragende Säule des sozialen Friedens", stellte Böhringer fest. Die Zukunft gehöre eindeutig nachbarschaftlichen Netzwerken: "Und das geht nur mit engagierten Mitbürgerinnen und Mitbürgern."