Lokales

Unterwegs sein oder gemeinsam im Stau

Das Thema "Mobilität der Zukunft" stand im Mittelpunkt des sechsten Kirchheimer Stadtforums. Als Gastreferent war Professor Dr.-Ing. Markus Friedrich von der Universität Stuttgart nach Kirchheim gekommen, dessen konkrete Situation im Blick auf das vorgegebene Thema anschließend von Tiefbauamtsleiter Martin Zimmert und dem Leiter des Planungsamts, Dr. Oediger, genauer ausgeleuchtet wurde.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Bürgermeister Riemer konnte zunächst eine erfreulich große, interessierte und wie sich im Anschluss zeigen sollte auch diskutierfreudige Zuhörerrunde im Foyer der Kirchheimer Alleenschule begrüßen, bevor Professor Friedrich vom Institut für Straßen- und Verkehrswesen, Lehrstuhl Verkehrsplanung und Verkehrsleittechnik, mit seinem Impulsreferat auf das interessante Thema des Abends einstimmte. Mit anschaulichen Grafiken zeigte er auf, wie enorm hoch der Anteil des Individualverkehrs mit 750 beziehungsweise 873 Millarden Personenkilometern über dem Luft- (36 / 73), dem Eisenbahn- (74 / 98) und schließlich dem öffentlichen Straßenverkehr (83 / 86) rangiert und wie er sich zwischen 1997 und 2015 laut Verkehrsprognose weiterentwickeln wird. Die Prognose für die G

üterverkehrsleistung steigt im gleichen Zeitraum von 62 Milliarden Tonnenkilometern auf 86, beim Eisenbahnverkehr von 73 auf 148 und beim Straßenverkehr von 236 auf 374.

Von 1982 bis 2002 hat sich die Verkehrsnachfrage nach der Entfernung um 40 und das Mobilitätsstreckenbudget um 20 Prozent erhöht. Im Blick auf die Zahl der Wege ist die Mobilitätsrate um 10 und das Verkehrsaufkommen um 18 Prozent gestiegen. Unterwegs zu sein, wandelt sich dabei unfreiwillig oft in ein "gemeinsam im Stau stehen".

Wie sich die Gründe für Ortsveränderungen zusammensetzen, zeigte Professor Friedrich ebenfalls auf. Mit 31 Prozent liegt der Freizeitbereich klar vorne vor Einkauf (19 Prozent), Arbeit (15 Prozent), Private Erledigungen (12 Prozent), sowie die Bereiche Begleitung (9 Prozent), dienstlich / geschäftlich (8 Prozent) sowie Ausbildung (6 Prozent).

Dass die Verkehrsleistung in Kirchheim signifikant zugenommen hat, konnte Planungsamtsleiter Dr. Hermann-Lambert Oediger im Anschluss belegen. Allein zwischen 1980 und 2005 ist dieser Wert um rund 50 Prozent angewachsen. Der Kraftfahrzeugbestand hat sich dabei noch deutlicher erhöht als die schon sehr stark angewachsene Verkehrsleistung. Die Zahl der in Kirchheim zugelassenen Fahrzeuge hat sich in der Zeit zwischen 1983 und 2004 von 15 692 auf 27 682 und damit um 76,2 Prozent erhöht. Im Vergleich zur Einwohnerentwicklung hat damit die Zahl der Kraftfahrzeuge überproportional zugenommen.

Entsprechend groß ist daher auch der Bedarf an Parkierungsflächen, der bei der Zahl in Kirchheim zugelassenen Kraftfahrzeugen bei einer Fläche von 48 Fußballfeldern liegt. Zu erwarten ist, dass die Verkehrsleistung bis 2020 weiter anwachsen wird, dann erscheint allerdings ein weiteres Anwachsen eher unwahrscheinlich, dass der Effekt der Bevölkerungsentwicklung deutlich wird.

Im Blick auf die weitere Steigerung der Naherreichbarkeit und des öffentlichen Verkehrs sieht Dr. Oediger die Siedlungsstrucktur als das wirksamste Verkehrsmittel an. Auch wenn es gelte, die Funktionsfähigkeit des städtischen Verkehrssystemes sicherzustellen und den Verkehr auf wenige sensible Bereiche zu konzentrieren, müssten während der Spitzenstunden "gewisse Überlastungserscheinungen im Verkehrsnetz" akzeptiert werden. Dass zur Sicherstellung der Funktionsfähigkeit des städtischen Verkehrssystems mittel- bis langfristig "der Bau der Nordwesttangente als Lückenschluss des Umgehungsstraßenrings" gehöre, machte Dr. Oediger in diesem Zusammenhang unmissverständlich deutlich.

63,4 Prozent der Wegdistanzen in Kirchheim werden mit dem Auto, 17,2 zu Fuß, 12,6 mit dem Rad und nur 6,5 Prozent mit Hilfe des öffentlichen Personennahverkehrs zurückgelegt, den Dr. Oediger als "die effizienteste Form der Bewältigung von Massenverkehr" bezeichnete und darauf aufmerksam machte, dass das Netz in Kirchheim gut ausgebaut und in seinem Halbstundentakt bereits auf die zukünftige S-Bahn ausgerichtet ist. Unter Berücksichtigung des Anrufsammeltaxis wohnen zudem 97 Prozent der Einwohner Kirchheims in einer Entfernung von weniger als 500 Meter zu einer Bus- oder Bahnhaltestelle. Auch wenn das Radwegenetz schon einen beachtlichen Umfang habe, müsse dieses Netz noch deutlicher auf den Alltagsradverkehr ausgerichtet werden.

Die Kosten der Mobilität bildeten das zentrale Thema in den Ausführungen von Tiefbauamtsleiter Martin Zimmert, der aufzeigte, dass das städtische Straßen- und Wegenetz mit seinen derzeit rund 400 Kilometern in etwa der direkten Entfernung von Kirchheim nach Prag entspricht. Neben 136 Straßen mit einer Breite von durchschnittlich 6,5 Metern werden noch 164 Kilometer Wirtschaftswege, rund 100 Kilometer Feldwege sowie etwa 100 Brückenbauwerke vorgehalten.

Wie die Forschungsgesellschaft für Straßenwesen festgestellt habe, müssten bei einer Abschreibungsdauer von 50 Jahren rund 1,30 Euro pro Quadratmeter von den Kommunen für Unterhaltungsleistungen aufgebracht werden.

Mit 638 800 Euro für die Bereiche Straßenreinigung und Winterdienst, 310 000 Euro für Straßenbeleuchtung und 15 000 Euro für Verkehrszeichen beliefen sich im vergangenen Jahr die reinen Betriebskosten auf rund eine Millionen Euro neben den Erhaltungs-, Sanierungs- und Erneuerungsarbeiten. Trotz so ernüchternden Zahlen blickte auch Martin Zimmert in die Zukunft und damit auf den Bau einer Nordwesttangente mit Kosten von rund 25 Millionen Euro.