Lokales

Unverblümt Missstände aufgezeigt

"Sag es mit Blumen" ist ein Informationsprojekt, das über den Handel mit Blumen aus dem Flower-Label-Programm aufklärt. Das Programm kennzeichnet Schnittblumen aus sozial- und umweltverträglicher Produktion. Verantwortlich für das Informationsprojekt zeichnet der Eine-Welt-Verein, der sich Kooperationspartner ins Boot geholt hat, wie die Familienbildungsstätte. In deren Räumen fand die Auftaktveranstaltung statt.

RENATE SCHATTEL

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KIRCHHEIM Ulrike Binder, Erste Vorsitzende des Eine-Welt-Vereins, zeigte in ihrer Begrüßung unverblümt das Ausmaß des Schnittblumenhandels auf. "Für Blumen geben Deutsche jährlich 3,3 Milliarden Euro aus, das sind 40 Euro pro Kopf." Deutschland liege als Blumenimportland mit USA und Japan an der Weltspitze, dabei stamme nur jede fünfte Blume aus heimischer Produktion, so Binder. Fast jede dritte Blume, die weltweit gehandelt werde, stamme aus Ländern wie Kolumbien, Kenia oder Ecuador, wo sie häufig unter menschenunwürdigen und gesundheitsschädigenden Bedingungen angebaut werde. "Um dem etwas entgegenzusetzen gebe es seit 1999 das Flower-Label-Programm (FLP), das mit seinem Siegel Blumen aus menschenwürdiger und umweltschonender Produktion auszeichne. "Wir deutschen Verbraucher haben nun beim Kauf eines Blumenstraußes die Wahl zum Mitgestalten an einer gerechteren Welt", ist Ulrike Binder überzeugt.

Dass Blumen, insbesondere Rosen, bereits in den Kirchheimer Blumengeschäften angeboten werden, versicherte Sabine Reinke vom Blumenhaus Vergißmeinnicht. Sie biete in den Wintermonaten, wenn die heimische Rosenproduktion keine großen Blüten hervorbringe, Schnittrosen mit dem FLP-Siegel an. Weitere Geschäfte in Kirchheim und Umgebung hätten ebenfalls fair produzierte Schnittblumen im Angebot. Für die Verbraucher, so Reinke, gelte es nun, im Fachhandel gezielt danach zu fragen. "Importierte Schnittblumen ohne FLP-Zertifikat weisen auf ihren Blättern noch Pestizidrückstände auf, die über die Haut in den Körper gelangen und Schädigungen verursachen können", weiß die Blumenexpertin aus Erfahrung. Das FLP-Programm ist eine gemeinsame Initiative von Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften, Kirchen, Blumenproduzenten und Blumenfachhändlern.

Von der Menschenrechtsorganisation FIAN, die sich um die Rechte der Menschen für Ernährung bemüht, war Michaela Held zu Gast in der Veranstaltung. Sie klärte über das FLP-Programm auf. "FLP sorgt in Afrika und Lateinamerika für eine menschenwürdige und umweltschonende Blumenproduktion". Um das Gütesiegel des FLP zu erhalten, müssen die produzierenden Farmen strenge Kriterien erfüllen. Dazu gehörten existenzsichernde Löhne, Gewerkschaftsfreiheit, Verbot von Kinderarbeit, Gesundheitsvorsorge, Verbot hochgiftiger Pflanzenschutzmittel und der verantwortliche Umgang mit natürlichen Ressourcen. Heute arbeiten 60 Farmen unter dem Qualitätssiegel mit 15 000 Mitarbeitern.

Mit einem Film über die Produktion von Schnittblumen aus Kolumbien, Kenia und Ecuador zeigten die Veranstalter deutlich die Missstände in den Gewächshäusern auf. Barfuß waten die Blumenpflegerinnen und Blumenpfleger in Pestizidrückständen, keine Handschuhe oder Gasmasken schützen sie vor den Giften. Zittern, Beeinträchtigung des Gehvermögens und schwere Vergiftungen sind die Folge. Verschlissene Plastikplanen von den Gewächshäusern benutzen Menschen als billiges Baumaterial, unwissend, wie verseucht diese sind. Die Abwässer werden ungeklärt ins Grundwasser geleitet. Die Mindesteinhaltung der Sperrzeiten nach dem Spritzen in den Häusern werden nicht eingehalten und für die Arbeit unter solchen Bedingungen sind die Löhne unter dem Existenzminimum. Die Farmen mit FLP-Siegel zahlen deutlich höhere Löhne, haben eigene Kindergärten eingerichtet und eine medizinische Versorgung gewährleistet. Die Pestizidverordnungen schreiben genaue Werte vor. Dass dennoch die FLP-Rosen im heimischen Blumenhandel nicht teurer sind, bestätigten Veranstalter wie Besucher. "Man muss nur gezielt nach ihnen fragen".