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Unvereinbares zu verschmelzen, gelingt auch in der Kunst nur Genies

KIRCHHEIM Free Jazz. Improvisation.

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Paul Lovens (der Schlagzeuger) reist mit einem unvollständigen Schlagzeug an (aber mit mindestens 20 Stöcken und Klöppeln, einigen Lappen, einem Metallkettchen und vielen unterschiedlichen Blechbecken). Die Bastion improvisiert.

HEINZ PÖTZL

Lovens bekommt genau die Teile, die er noch braucht.

20.35 Uhr. Nach kurzem, gleichzeitigem Kopfnicken der drei Musiker beginnt es in der Bastion erst leise, dann allmählich lauter zu flirren. Über gedämpften, unregelmäßigen Trommelschlägen erheben sich dünne, fragile Töne, schweben im Raum, bekommen Nachschub: Evan Parker am Tenorsaxofon gibt ihnen viel Luft mit, er haucht sie ins Instrument. Schlippenbach reichert sie mit kleinen Figurationen am Piano an. Wer die Augen schließt, "sieht" die Musik: ein farbiges Klangbild in Raum und Zeit. Die Flächen und Linien verschieben und verweben sich, verschwimmen langsam, bilden sich neu. Free Jazz?

Parker zieht sich zurück. Schlippenbach setzt einige schwere Akzente. Lovens nimmt manche davon auf. Der Klang wird "erdiger", steigert sich über ostinaten Rhythmusfiguren. Parker steigt plötzlich mit rasenden Stakkatoläufen ein. Das Energielevel wird schlagartig ein völlig anderes: Powerplay. Free Jazz!

Das Ende des ersten Stücks? Mitnichten. Nur ein Höhepunkt. Es folgen weitere. Zum Beispiel ein unbegleitetes Saxofonsolo: Parker zieht alle Register seiner einmaligen instrumentaltechnischen Fertigkeiten, die Peter Niklas Wilson treffend so charakterisiert: "Eine hoch virtuose Sprache, die zum einen durch eine blitzschnelle Artikulationstechnik, zum anderen durch schier endlose, per Zirkularatmung generierte Klangbänder beeindruckt, Klangströme, die durch ausgefeilte Mehrklangtechniken und repetive Bewegungsfolgen mehrschichtige polyphone und polyrhythmische Illusionsmuster erzeugen" (Jazzklassiker; Reclam). Dieser Energieausbruch ist jedoch nicht Selbstzweck oder gar Show, sondern eingebunden in den gesamten musikalischen Ablauf: Nach circa vier Minuten setzen Piano und Schlagzeug gleichzeitig auf ähnlichem Energieniveau ein und erklären somit das Solo für beendet. Lovens gleitet ein Stock aus der Hand, Schlippenbach schraubt die Dynamik zurück und das Stück ist immer noch nicht zu Ende. Erst nach 40 Minuten. Pause.

Der zweite Set hat eine völlig andere Struktur, beginnt mit viel Power, beruhigt sich nach wenigen Minuten und bleibt eher kontemplativ; die Stille wird zum vierten Mitspieler, mit ihr wird gespielt, sie wird unterschiedlich strukturiert, verdichtet und gedehnt. Es wird deutlich, was Musik ist: strukturierte Zeit.

Was wird hier eigentlich "gespielt"?

Der musikalische Fluss entsteht grundsätzlich in spontaner Interaktion, ohne vorherige Absprachen oder sonstige Festlegungen. Melodiebögen im traditionellen Sinne gibt es eher selten; sie werden zu (meist kurzen) klanglichen Patterns; alle zwölf Töne des Tonspektrums erscheinen gleichwertig; sie beziehen sich weder auf tonale Zentren, noch ordnen sie sich zu einem nachvollziehbaren Harmoniegerüst. Und doch ist die Musik höchst vital, mitreißend und sie hat Struktur und Ordnung.

Was passiert?

Die Grundlage ist der Rhythmus: es scheint, als atme er je nach Energielevel hektisch, dramatisch angespannt oder ruhig fließend. Und er wird von allen dreien gleichzeitig erzeugt, er ereignet sich im Hörer, der mitatmet, in die Musik hineingezogen wird.

Wie geht das?

Im Spielfluss entwickeln sich meist von einem Instrument ausgehend aus minimalistische Strukturen, die mäanderhaft wiederholt, weitergesponnen, variiert durch Gegenlinien eines anderen Instruments infrage gestellt, umgebaut, zu neuen größeren Einheiten verdichtet werden. Organisch entstehen Spannungsbögen von großer Kohärenz, einer inneren Logik folgend: spontanes Komponieren.

Die drei Instrumente werden dabei grundsätzlich gleichwertig: durch die Ausweitung ihrer traditionellen Funktionen ohne ihre spezifischen Klangmöglichkeiten aufzugeben. So übernehmen sowohl das Klavier als auch das Saxofon eher rhythmische und rein klangliche Funktion, das Schlagzeug spielt auch melodieähnliche Patterns und setzt häufig unterschiedlichste Klangakzente (besonders mithilfe der zusätzlichen Klangerzeuger aus Metall und Stoff, die subtil ins Schlagzeugspiel integriert werden). Alle drei Instrumente verzahnen sich zu einem einzigen Klangkörper, aus dem immer Einzelne ausbrechen oder dialogisch miteinander in Verbindung treten, was auch Irritation und Chaos bedeuten kann. (So endete das Konzert sehr abrupt und überraschend, als Parker Luft holt, um zu einem neuen Höhenflug anzusetzen, die anderen beiden aber nicht mehr mitmachen.)

Hier muss kurz auf die Wurzeln des Trios hingewiesen werden: Einerseits sind die drei tief in der Geschichte des Jazz verwurzelt, was sich besonders in der Betonung des Rhythmischen, in der Vitalität des Vortrags und der Suche nach der unverwechselbaren Klangsprache, dem "Sound", äußert; andererseits ist die Auseinandersetzung mit der (vorwiegend europäischen) klassischen Musik des 20. Jahrhunderts unüberhörbar: Verarbeitung der Zwölftontechnik; Entwicklung formaler Strukturen unter Aufgabe der Funktionsharmonik; Einbeziehung außermusikalischer Klangstrukturen (wobei zu keinerlei elektronischen Hilfsmitteln gegriffen wird).

Neben der schier unglaublichen Virtuosität auf den Instrumenten ist diese kontinuierliche Zusammenarbeit seit nunmehr 37 Jahren Voraussetzung für die Einzigartigkeit des Trios (vergleichbar höchstens noch mit Parkers eigenem Trio, das fast genauso lange zusammenspielt davon über Stunden am 9. März 1996 in der Bastion).

Die berstende Energie dieser Musik, ihre hypnotische Intensität ist Ausdruck einer (in der klassischen Musik selbstverständlichen) Präzision und Perfektion, die aber im Jazz eher als hinderlich, im Free Jazz geradezu als wesensfremd angesehen wurde. Unvereinbares zu verschmelzen: was in der Physik nicht möglich ist, gelingt in der Kunst auch nur den Genies! Das begeisterte Publikum in der Bastion forderte und bekam zwei Zugaben. Und selbst da gelang dem Trio noch mal Überraschendes: Sie spielten zwei "Klassiker" von Thelonious Monk, einem der Wegbereiter des modernen Jazz: lupenrein in der Themenvorstellung, etwas großzügig in der harmonischen Auslegung.

Egal, wer am Samstagabend wo gespielt haben mag weder in New York, London, Tokio oder sonst irgendwo nirgends gab es ein intensiveres, mitreißenderes Konzert als in der Bastion.