Lokales

Urchristlich: die Kirche als Speisesaal

Im Februar gibt es die erste Kirchheimer Vesperkirche – morgen ist dazu ein Informationsabend

In zwei Monaten ist Premiere: Vom 1. bis 15. Februar organisiert die evangelische Gesamtkirchengemeinde die erste Kirchheimer Vesperkirche. Von Sonntag bis Sonntag gibt es dann 15 Tage lang hintereinander in der Thomaskirche täglich ab 12 Uhr ein kostengünstiges warmes Essen. Die Vesperkirche soll alle möglichen Menschen an einen Tisch bringen: bedürftige, alleinstehende, ehrenamtliche. Für alle steht die Kirche offen.

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Andreas Volz

Kirchheim. Der Kirchheimer Dekanin Renate Kath geht es nicht nur um eine „reine Armenspeisung“, sondern darum, dass möglichst viele Leute „gemeinsam an einem Tisch“ sitzen. Die Idee einer Vesperkirche ist für sie alles andere als neu. Vielmehr hätten sich schon die allerersten Christen vor beinahe 2000 Jahren in „Wohnzimmerkirchen“ versammelt. Dabei sei auch gemeinsam gegessen worden, weil sich gerade die Urchristen um die Versorgung aller gekümmert hätten.

Bei vielen Menschen gebe es gewisse Vorbehalte, die Kirche als Speisesaal zu benutzen. Ihr eigenes „Aha-Erlebnis“ hatte Renate Kath diesbezüglich vor einigen Jahren in Rom: In der alten und traditionsreichen Kirche Santa Maria in Trastevere hat sie an Weihnachten eine Armenspeisung für die Bewohner des Viertels erlebt. „Da standen Biertischgarnituren auf einem Mosaikboden aus dem 12. Jahrhundert“, erinnert sie sich, „und entsprechend war die Stimmung.“ Die Menschen dort hätten also die Kirche als das genutzt, was sie ist – als einen Versammlungsraum.

Was die Speisung von großen Menschenmengen betrifft, ist ja schon das Neue Testament reich an wunderbaren Geschichten. Zwar lebt der Mensch bekanntlich nicht vom Brot allein, aber ganz ohne Brot geht es eben auch nicht. Nicht zuletzt steht im „Vaterunser“ die Bitte um das tägliche Brot. In einer entsprechenden Tradition sieht deshalb auch Rosemarie Reichelt von der Gesamtkirchengemeinde die Vesperkirche: Sie vergleicht das Essensangebot mit dem „Liebesmahl“ der Urchristen. Die Thomaskirche in der Kirchheimer Aichelbergstraße hält sie übrigens in heutiger Zeit für eine besonders geeignete Vesperkirche, weil es im Kirchenraum keine festen Bänke gibt und sich der Umbau zum Speisesaal somit verhältnismäßig leicht bewerkstelligen lässt.

Für Diakon Wolfgang Burlein ist das Wort „Kirche“ ein ebenso wichtiger Bestandteil der Vesperkirche wie das Essen: „Wir machen das bewusst in einer Kirche, weil in der Kirche ja Begegnungen stattfinden sollen.“ Gemeinsam mit Ilka Babel vom Kreisdiakonieverband plant und organisiert er die erste Kirchheimer Vesperkirche federführend. Zum Planungsteam gehören 17 Personen, Haupt- und Ehrenamtliche gleichermaßen. Die Mitarbeiter kommen zum einen aus der Thomaskirchengemeinde, aber genauso auch aus der Gesamtkirchengemeinde und aus dem gesamten Kirchenbezirk Kirchheim.

Um 15 Tage lang ihre Gäste bewirten zu können, sind die Veranstalter aber täglich auf weitere ehrenamtliche Helfer angewiesen. An die 30 sollten es jeden Tag sein. Ilka Babel zählt die Arbeiten auf, um die es geht: „Auf- und Abbau, Essensausgabe, Servieren, Abräumen, Spülen. Und bei allem soll auch noch Zeit bleiben für ein Gespräch.“ Die Gespräche seien besonders wichtig. Hinzu kommt noch ein Infostand über soziale Angebote in der Stadt und eine Ecke zur Kinderbetreuung. Für beides wird ebenfalls ehrenamtliches Personal benötigt. Auch Jugendliche können mithelfen. Die Organisatoren wollen auch noch auf die Schulen zugehen. Allerdings beschränkt Diakon Burlein die Zahl der jugendlichen Helfer auf „fünf bis sechs“. Ganze Schulklassen kommen aus organisatorischen Gründen nicht in Frage.

Das Essen wird übrigens von außerhalb geliefert, Köche werden für die Vesperkirche also nicht benötigt. Die Thomaskirche soll zwischen dem 1. und dem 15. Februar täglich um 11.30 Uhr öffnen. Die Essensausgabe ist ab 12 Uhr vorgesehen. Bis 14.30 Uhr bleibt für das Publikum geöffnet. Anschließend ist Aufräumen angesagt und gegen 15 Uhr ein geistlicher Abschluss für die Mitarbeiter.

Eine weitere Aufgaben, die angedacht ist, wäre ein Fahrdienst, damit Menschen aus der gesamten Stadt zur Thomaskirche kommen können. Außerdem sei die Vesperkirche nicht nur auf ehrenamtliche Helfer angewiesen, sondern auch auf Spendengelder, wie Eberhard Haussmann, der Geschäftsführer der Diakonischen Bezirksstelle in Kirchheim, betont: „Ein Essen wird für einen Euro angeboten. Tatsächlich kostet es aber um die vier Euro.“ Die Notwendigkeit, günstiges Essen anzubieten, ist seiner Ansicht nach groß: „Die Armut ist in der Mittelschicht angekommen.“

Dennoch betonen die Verantwortlichen, dass die Vesperkirche für alle offen ist, die gemeinsam essen möchten. Und der symbolische Preis von einem Euro pro Essen ist keinesfalls verpflichtend. „Wer kann und will, darf gerne auch mehr zahlen“, sagt Dekanin Renate Kath. Sie selbst ist von der Thomaskirche als Vesperkirche besonders angetan: „Dort gibt es eine Küche, in der man es Ehrenamtlichen zumuten kann zu arbeiten.“ So verfüge nicht jeder kirchliche Raum über Spülmaschinen mit den entsprechenden Kapazitäten. Auch der Wirtschaftskontrolldienst habe bereits eine Begehung der Thomaskirche hinter sich, ergänzt Ilka Babel, sichtlich zufrieden: „Die waren ganz begeistert von Kirche und Küche.“

Die Kirche als solche kommt im Februar natürlich auch nicht zu kurz: Obwohl auch sonntags in der Thomaskirche gegessen wird, gibt es an allen drei Sonntagen Gottesdienste: Am 1. Februar den Eröffnungsgottesdienst und am 15. Februar den Abschlussgottesdienst der Vesperkirche. Und zwischendrin ist die Thomaskirchengemeinde am 8. Februar Gastgeberin des ökumenischen Südstadtgottesdiensts, an dem außerdem noch die evangelische Kreuzkirche und die katholische Kirche Maria Königin beteiligt sind. Und auch außerhalb der Sonntage steht jeden Tag ein anderer „Tagesseelsorger“ zur Verfügung. Schließlich will sich die Vesperkirche ausdrücklich um „Leib und Seele“ ihrer Gäste kümmern.

Die Vesperkirche in Kirchheim ist nicht die erste im Landkreis Esslingen. In Nürtingen gibt es bereits einen Vorläufer, und in Esslingen soll bald eine weitere Vesperkirche folgen. Auch dürfte es in Kirchheim erst der Anfang sein. 2010 soll es weitergehen. Wer sich aber jetzt schon für den Start der Kirchheimer Vesperkirche inte­ressiert, ist zu einem unverbindlichen Informationsabend am morgigen Mittwoch um 20 Uhr in der Thomaskirche eingeladen.